Banken-Krise

Kurssturz – Die Wall Street jagt die Deutsche Bank

 Die Zentrale der Deutschen Bank in Frankfurt am Main (Hessen)

Die Zentrale der Deutschen Bank in Frankfurt am Main (Hessen)

Foto: Arne Dedert / dpa

Bank-Chef John Cryan sieht Kräfte, „die Vertrauen in uns schwächen wollen“ und betont die Stabilität des größten deutschen Geldhauses

Frankfurt/Main.  Es ist 9.18 Uhr, als Börsenhändler am Freitagmorgen auf ihren Bildschirmen etwas bis dahin Undenkbares sehen: Die Aktie der Deutschen Bank fällt erstmals in ihrer Geschichte unter zehn Euro. Die Kurven der Finanztransaktionen auf den Terminals der Finanzagentur Bloomberg färben sich plötzlich rot ein. Schnell wird Fachleuten klar, dass die Deutsche Bank gerade eine Kursbewegung erlebt, hinter der ein Angriff auf ihre Existenz stehen könnte. Und damit auch eine Gefahr für das ganze Finanzsystem.

Hedgefonds, sogenannte „Heuschrecken“-Finanzinvestoren, sollen Termingeschäfte mit der Bank gekündigt haben – angeblich aus Angst, die Bank könne mangels Kapitalmasse diese Geschäfte nicht mehr erfüllen. Das wiederum lieferte anderen Spekulanten eine Steilvorlage, um auf einen Niedergang der Bank zu wetten und dann auf eine spätere Rettung durch die Bundesregierung. Die Deutschen Bank ist eines der systemrelevanten Institute, sie gilt als „too big too fail“. Das bedeutet, dass im Notfall die Politik in Form von staatlichen Hilfen einschreiten würde – und somit der Steuerzahler.

Zur Perfidie solcher Wetten gehört es, dass die reale Stabilität einer Bank dadurch in der Wahrnehmung der Märkte hinter der behaupteten Instabilität verblassen kann – bis Letztere real wird. Die ersten Symptome solcher Massenpanik waren bereits zu besichtigen: An der New Yorker Börse brach der Kurs der Deutsche Bank-Aktie bereits am Donnerstagabend um 6,7 Prozent ein, an der Frankfurter Börse krachte die Aktie dann auf Allzeittief.

John Cryan bittet Mitarbeiter dringend um Vertrauen

Vertrauen sei im Bankgeschäft der Anfang von allem, schrieb Deutsche-Bank-Chef John Cryan seinen verunsicherten Mitarbeitern. „Am Markt sind gerade einige Kräfte unterwegs, die dieses Vertrauen in uns schwächen wollen.“ Dabei seien die Finanzen der Bank stabil. Doch je mehr die Bank dies beteuert, desto mehr läuft sie offenbar Gefahr, die Erosion ihrer Glaubwürdigkeit weiter zu befeuern.

Das aktuelle Problem der Bank ist eine Forderung der US-Justiz: Im Streit um dubiose Hypothekengeschäfte vor der Finanzkrise fordert sie 14 Milliarden Dollar (12,5 Mrd Euro) von der Deutschen Bank. Manche sehen im harten Vorgehen der US-Justiz auch eine Revanche für das harte Vorgehen der Europäer gegen US-Firmen wie Google und Apple.

Der Finanzwissenschaftler Max Otte sagte, er könne sich „des Eindrucks nicht erwehren, dass Amerika sich der letzten deutschen Bank entledigen will, auch hier eine Schlüsselstelle unserer Wirtschaft besetzen will“. Er wolle „nicht ausschließen, dass das US-Justizministerium die 14 Milliarden Dollar auch aus wirtschaftstaktischen Gründen fordert“, meint auch der finanzpolitische Sprecher der SPD-Fraktion, Lothar Binding.

Gerüchte über Hilfe der Politik

Fakt ist, dass seit Bekanntwerden der Strafsumme Zweifel am Markt gesät wurden, ob die Bank dies stemmen könne. Da die Bank für solche Zwecke „nur“ 5,5 Milliarden Euro angespart hat und sich bei niedrigen Kursen nur schwer neues Kapital an den Märkten besorgen kann, kommt sie ins Gerede. Ein sich selbst verstärkendes Gift: Mitte der Woche war sogar von einem Notfallplan der Bundesregierung für die Deutsche Bank berichtet worden. Experten hatten daraufhin gewarnt, Kunden könnten sich „präventiv von der Bank trennen“.

Genau das ist nun passiert. Es sollen einerseits Kunden gewesen sein, die nicht mehr darauf vertrauen wollten, ob die Deutsche Bank eingegangene Termingeschäfte werde erfüllen können. Zudem berichteten Nachrichtenagenturen, zehn Hedgefonds hätten ihre Beteiligung an der größten Deutschen Bank reduziert, Gesellschaften wie Millennium Partners, Capula Investment und Rokos Capital Management. Gut möglich, dass sie die Aktien verkauften, um später billiger wieder einzusteigen. Ein beliebtes Geschäftsmodell von Hedgefonds.

Kurs stieg am Abend wieder

Die Deutsche Bank bot am Freitag alles auf, um der Spekulations- und Gerüchtedynamik zu entkommen: Bank-Chef Cryan zählte akribisch Daten auf, die beweisen sollen, dass die Deutsche Bank „alle aktuellen Eigenkapitalanforderungen“ erfülle, dass sie, „was ihre Bilanz angeht, zu keinem Zeitpunkt so sicher wie heute“ aufgestellt sei, dass sie „einen komfortablen Puffer“ von 215 Milliarden Euro an Liquiditätsreserven habe. Die Pressestelle der Bank schickte Einschätzungen der Konkurrenten Goldman Sachs und Credit Suisse herum, die der Deutschen Bank ausreichende Kapitalstärke und liquide Mittel bescheinigten.

Auch in Kreisen der Bankenaufsicht geht man davon aus, dass das Geldhaus in der Lage sein wird, die Situation zu meistern. Und die führenden Finanz- und Haushaltsexperten der SPD-Bundestagfraktion sehen keinen Anlass für Staatshilfen. „Die Frage einer staatlichen Rettung der Deutschen Bank stellt sich nicht. Die Deutsche Bank hat eine gute Finanzlage“, sagte Binding. Die Debatte um das Bankhaus ist total überhitzt“, kritisierte er.

Auch der haushaltspolitische Sprecher der SPD, Johannes Kahrs, sagte, es gebe aktuell keinen Grund, beunruhigt zu sein. „Die Deutsche Bank wird es schaffen. Wenn sie es nicht schaffen sollte, werden wir natürlich etwas tun.“ Am Freitagabend meldete die Nachrichtenagentur AFP, die US-Justiz habe die Strafe gegen die Bank auf 5,4 Milliarden Dollar reduziert, auch der Kurs drehte ins Plus. Eine gute Nachricht für die Bank. Ob sich die Akteure beruhigen lassen, ist offen.