Hamburger Wirtschaft

Hamburgerinnen gründen Arbeitsbörse für Flüchtlinge

Die Gründerinnen Alexa Drichelt (l) und Yukiko Kobayashi (r.) im Gespräch mit der IT-Ingenieurin Naila Alissa und der Pharmazeutin Bushra Alissa

Foto: Roland Magunia

Die Gründerinnen Alexa Drichelt (l) und Yukiko Kobayashi (r.) im Gespräch mit der IT-Ingenieurin Naila Alissa und der Pharmazeutin Bushra Alissa

Zwei Unternehmerinnen wollen Zuwanderer und Firmen der Stadt zusammenbringen. Große Arbeitgeber wie Otto und HPA machen bereits mit.

Hamburg. Lustig, laut und lecker kann Integration sein. Freitagabend in der Schanze. Ungefähr 60 Leute haben sich in der Hamburger Botschaft versammelt. Jeder ist mit einer selbst gemachten Spezialität aus seinem Heimatland erschienen, und so erinnert das Büfett an eine kleine Weltreise: Vorspeise aus Eritrea, Hauptspeise aus Afghanistan, Nachtisch aus Syrien, Bier aus Deutschland. An den Tischen sitzen Flüchtlinge und Mitarbeiter verschiedener Hamburger Unternehmen. Kaum einer kannte sich zuvor, das soll nun geändert werden. Gesprochen wird Englisch, Deutsch, Arabisch und mit den Händen. "Eine tolle Idee", sagt Jürgen Feindt vom Hamburger Shoppingcenter-Betreiber ECE. "Sie holt die Flüchtlinge raus aus der Isolation direkt in die Gesellschaft." Und Myra Monheim von Ondorza, Projektmanagerin beim Versandhändler Otto, ergänzt: "Eine sinnvolle Initiative. Interkulturelle Erfahrungen bringen jedem etwas, nicht nur den Flüchtlingen."

Auf die Beine gestellt haben den Abend und alles, was aus ihm hervorgeht, Yukiko Kobayashi und Alexa Drichelt. Die beiden Hamburgerinnen blicken auf unterschiedliche berufliche Karrieren zurück. Die Halb-Japanerin Yukiko Kobayashi arbeitete elf Jahre lang bei der Lufthansa und anschließend vier Jahre beim Pharmakonzern Astra Zeneca. In der Zeit war sie immer weiter aufgestiegen, doch dann kündigte sie. Headhunter boten der Managerin sofort lukrative Stellen an, unter anderem als Mitglied des Vorstandes einer großen Firma, doch das alles erschien ihr nicht mehr attraktiv. Sie wollte eine gesellschaftlich bedeutende Aufgabe. "Ich bin davon überzeugt, dass man unternehmerisches Handeln auch mit einer sinnvollen Zielsetzung verknüpfen kann", sagt Kobayashi. "Es gibt genug wichtige Dinge direkt vor meiner eigenen Haustür zu tun."

Was folgte war eine wie sie es nennt "1000-Cups-of-Coffee"-Phase. Auf der Suche nach einer geeigneten Geschäftsidee traf sie möglichst unterschiedliche Personen, vom Basketballer bis zum Otto-Manager. Sie führte Gespräche, um herauszufinden, welches soziale Start-up die Stadt noch gebrauchen könnte. Eine Redakteurin vom Wirtschaftsmagazin "brand eins" wurde auf die umtriebige Hamburgerin aufmerksam und schrieb einen Artikel über sie zum Thema Selbstbestimmung. Diesen Text las Alexa Drichelt und dachte sich: "Was für eine tolle Frau, mit der könnte ich gemeinsam etwas auf die Beine stellen." Die 34-Jährige befand sich selbst gerade an einem Wendepunkt. Neun Jahre lang hatte sie mit ihrem Vater das familieneigene Unternehmen "1000 Töpfe" geführt. Die Geschäfte liefen am Ende schlecht, "1000 Töpfe" musste schließen. "Eine Familientradition aufzugeben ist nicht ohne", sagt Drichelt. Sie nahm eine Stelle als Leiterin des Handelsmarketing beim Kaffeehändler Tchibo an, doch schnell wurde ihr klar, dass man in einem Großkonzern nie so viel bewegen kann wie als sein eigener Boss.

Unter den Flüchtlingen befinden sich viele mit gefragten Berufen

Also schlug sie Yukiko Kobayashi ein Treffen vor und schließlich entwickelten die beiden ihre Idee: Die Potenziale von Zuwanderern sichtbar zu machen, um Hamburger Unternehmen oder Organisationen langfristig Zugang zu qualifizierten Fachkräften zu bieten. Denn unter den Flüchtlingen befinden sich viele mit gefragten Berufen: IT-Experten, Agrarwissenschaftler, Ingenieure, Ärzte ... "Wir Deutschen sollten eigentlich einen Knicks machen, dass so viele gut ausgebildete, junge Leute in unser Land kommen", sagt Drichelt. Doch bislang gab es wenig Verbindung zwischen den heimischen Firmen und den Zuwanderern. Diese Brücke soll das Impact Dock – so heißt das Unternehmen von Drichelt und Kobayashi – nun bauen. Die beiden Frauen haben sich ein Cross-Mentoring-Programm ausgedacht, bei dem Schlüsselpersonen in der Hamburger Arbeitswelt ein Jahr lang mit Flüchtlingen zusammengebracht werden.

Drichelt und Kobayashi wollen für ein perfektes Matching sorgen, also dafür, dass beide Seiten etwas von den regelmäßigen Treffen haben. Die Win-win-Situation könnte so aussehen, dass der Flüchtling in Kontakt mit Hamburgern kommt, die lokale Kultur und die Arbeitswelt besser versteht und vielleicht sogar ein Praktikum oder eine Stelle in dem Unternehmen des Mentors erhält. Die Mentoren erfahren einen Perspektivenwechsel, stärken ihre Innovationskraft durch den anderen Blickwinkel und lernen auch etwas über ihre "future customers" – denn jeder Einwanderer kann ein Kunde von morgen werden. Die bis Ende des Jahres womöglich 15.000 Zuwanderer, die nach Hamburg kommen, bedeuten entstehende Märkte in der Stadt Hamburg – insofern haben die Mentoren und damit die beim Cross-Mentoring beteiligten Unternehmen eine Chance, sich auf diese sich entwickelnden Märkte einzustellen, beispielsweise mithilfe des Mentees an zukünftigen Produktideen, Marketing- und Vertriebsstrategien zu arbeiten.

Yukiko Kobayashi macht es Spaß, sich nun tagsüber in Flüchtlingsunterkünften nach geeigneten Kandidaten umzugucken und abends in den Vorstandsetagen zu sitzen, um die Chefs davon zu überzeugen, bei ihrem Programm mitzumachen. Denn während die Teilnahme für Flüchtlinge kostenfrei ist, zahlen die Firmen oder Organisationen je nach Größe zwischen 1000 und 4000 Euro pro Jahr. "Wichtig ist uns, dass sich das Projekt auf Dauer selbst trägt. Wir wollen einen Beitrag für die Stadt leisten ohne nach Spenden zu fragen", sagt Kobayashi. Und selbst etwas verdienen müssen die beiden natürlich auch. Doch zurzeit gehen die Frauen erst mal in Vorlage.

Rund 80 Interviews mit Flüchtlingen werden sie bis Ende Oktober geführt haben, um die jeweiligen Potenziale festzustellen. "Viele Gänsehautmomente" habe es bislang schon gegeben, erzählt Drichelt, denn natürlich seien zwangsläufig die furchtbaren Zustände in der Heimat und die Flucht ein Thema. "Man merkt den Menschen in den Gesprächen schnell an, dass sie kaum mehr zu träumen wagen. Für sie ging es lange nur ums Überleben", sagt Drichelt. Bei vielen hätten sich dadurch die beruflichen Ansprüche verändert.

Ein in seiner Heimat hoch bezahlter Architekt beispielsweise würde jetzt auch als Feuerwehrmann arbeiten, Hauptsache er könne helfen und habe etwas zu tun. Andere freuen sich über den Kontakt an sich, weil sie kaum mit Deutschen ins Gespräch kommen. Manchen geben die Interviews neues Selbstvertrauen. "Zum ersten Mal nach neun Monaten hier fragt mich mal jemand, was ich kann", sagte ein Mann und war sichtbar berührt.

Bislang sind hauptsächlich Männer unter den Kandidaten, doch es gibt auch qualifizierte Frauen wie die Schwestern Bushra und Naila Alissa aus Syrien. Die 25-jährige Bushra ist Pharmazeutin, die 30-jährige Naila IT-Expertin. Sie kennt sich aus mit Automatisierungssystemen, mit Web-Design, Netzwerkadministration und Informatik, hat bereits in Indien und in China gearbeitet, doch geflohen ist sie nach Hamburg, weil ihr älterer Bruder hier lebte. Seit fünf Monaten lernen die Schwestern Deutsch, sie können bereits fast alles verstehen und sich verständlich ausdrücken. Noch besser würde es gehen, wenn sie mehr Gelegenheit hätten, mit Deutschen zu sprechen. "Aber wir bleiben ja leider meistens unter uns", sagt Bushra. Mit ihren Eltern leben die beiden in einer kleinen Wohnung in Wedel.

Bushra lernt nun Fahrrad fahren nach dem Deutschunterricht

In ihrer Heimatstadt Damaskus hat Bushra das Labor einer Apotheke geleitet, hier würde sie gerne erst mal ein Praktikum in dem Bereich machen. Ihre Chancen stehen gut, denn das Pharmaunternehmen ZytoService hat zugesagt, einen Mentoren zu stellen. "Ihr würdet gut zueinanderpassen", sagt Yukiko Kobayashi. Bushras Augen leuchten. "Ich will unbedingt etwas machen, ich will raus und was lernen", sagt sie, die lange genug dazu gezwungen war, das Haus in Damaskus nicht zu verlassen. "Irgendwann konnte man keinen Schritt mehr auf die Straße setzen, überall Bomben."

Hier in Deutschland sei plötzlich alles möglich, sei so viel Freiheit um einen herum – wenn man denn nur Anschluss finden würde. Bushra lernt nun nach dem Deutschunterricht Fahrrad fahren. Das war ihr in Syrien nicht erlaubt, doch hier übt sie täglich auf dem Gelände eines Schulhofes mit einem alten Rad, das ihr Bruder ihr besorgt hat. Sogar bei Regen. Abends schreibt sie Tagebuch, um ihr Deutsch zu verbessern und ein besseres Gefühl für die lateinischen Buchstaben zu bekommen. Sie will einen Ratgeber rausgeben für andere Flüchtlinge, die in Hamburg ankommen: "Meine ersten Tage in Deutschland". Denn vieles sei so anders, so neu, so kompliziert. Da dürfe man nicht die Hoffnung verlieren. Vor fünf Monaten hätte die Syrerin gewiss nicht gedacht, dass sie bald gemeinsam mit vielen Hamburgern beim Abendessen sitzen würde. "Aber das ist das Schöne an Deutschland", sagt Bushra. "Es gibt uns eine Chance."

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