Lebensmittel

Immer mehr Firmen entdecken die gläserne Produktion

Foto: Marcelo Hernandez

In Norddeutschland lassen immer mehr Unternehmen die Kunden zuschauen, wie sie Waren herstellen. So sollen Vorurteile abgebaut werden.

Dechow/Hamburg. Die Maschine greift einen flachen Getränkekarton, faltet ihn auf und verklebt den Boden. Im nächsten Schritt setzt sie den Verschluss ein und verschweißt ihn per Ultraschall. Dann wird die Verpackung mit Wasserstoffperoxiddampf sterilisiert. All das passiert hinter Glas, mit Überdruck, um eine nahezu keimfreie Atmosphäre zu schaffen. Dann füllt die Maschine die Biomilch ein. „Die Packung wird beim Füllen angehoben, um das Schäumen zu vermeiden“, sagte Produktionsleiter Lars Helling, 34. Dann wird mit rund 280 Grad Celsius der Giebel des Kartons geklebt und gepresst. Ein Tintenstrahldrucker schreibt die Produktionsdaten auf die Ein-Liter-Packung, bevor sie in Kartons und später auf Paletten verpackt wird.

Die Gläserne Molkerei in Dechow verlassen pro Tag bis zu 180.000 Liter Milch. Unter anderem werden hier die Eigenmarken von Aldi, Edeka, Rewe und Netto abgefüllt – und natürlich die mit dem Unternehmensnamen gleiche Hausmarke. Das Besondere: Wer will, kann der Firma über die Schulter schauen. 16 Millionen Euro investierte sie vor drei Jahren in das Gebäude. Von einem gläsernen Gang aus der ersten Etage können Interessierte auf die Produktionslinie herunterschauen.

„Mein Vater Hubert hatte die Idee dazu“, sagt Geschäftsführerin Kirsten Böhmann. Als er Anfang des Jahrtausends die Firma aufbaute, war Bio noch nicht in der Mitte der Gesellschaft angekommen. „Bio muss für Transparenz stehen“ lautet sein Credo. „Wir müssen den Leuten zeigen, wer die Landwirte sind, wo die Milch herkommt. Die Verarbeitung gehört zur Transparenz dazu“, sagt die 43-Jährige.

Produktion von Fischstäbchen verfolgen

Das sehen auch andere Hamburger Firmenchefs so. Der Tiefkühlkosthersteller Frosta mit Sitz in Bahrenfeld verpasst seiner Fischhalle in Bremerhaven auf 100 Metern Länge nach und nach eine gläserne Fassade. Jeder soll so die Produktion von Fischstäbchen und Schlemmerfilet verfolgen können. „Die Verbraucher haben Vorurteile gegen Lebensmittelhersteller“, sagte der Vorstandsvorsitzende Felix Ahlers zur Begründung. Mit den Fenstern wolle das Unternehmen verdeutlichen, dass alle Verarbeitungsschritte jederzeit öffentlich gezeigt werden können.

Für das vergangene Jahr meldete das Unternehmen einen Umsatzsprung von 15 Prozent bei seiner Eigenmarke. Ein Grund dafür sei, dass in den Produkten keine Zusatzstoffe oder Aromen verwendet werden. Der Kunde könne das selbst prüfen. Wer eine Packung kauft, kann mit dem Smartphone einen Code einscannen. Dann erhält der Käufer eine Liste mit allen Inhaltsstoffen, deren Herkunft, weitere Infos sowie teilweise Bilder von der Ernte oder aus der Herstellung. Ahlers: „Das ist ein Thema, das den Verbrauchern wichtig ist.“

Ihre Zutaten geben auch viele Bäckereien mittlerweile auf ihren Homepages an – wie der Demeter-Betrieb Bahde auf Finkenwerder. Die Inhaber Tanja und Peter Asche arbeiten seit vergangenen Sommer an ihrem lang gehegten Wunsch zu mehr Offenheit. Im Seevetaler Gewerbegebiet Beckedorfer Bogen stemmt der Traditionsbetrieb eine Millioneninvestition für eine neue Produktionsstätte mit gläsernen Elementen. Vom Café aus könne man in die benachbarte Backstube hineinsehen. „Das ist keine Brotfabrik“, sagt Peter Asche und verbietet sich den Vergleich mit den Backwaren aus dem Supermarkt. „Jedes Brötchen und Brot wird von Hand geformt und gebacken. Das ist eine Handwerksbäckerei“, sagt der geschäftsführende Gesellschafter. 200 Bioläden und Reformhäuser beliefert das 30 Mitarbeiter starke Unternehmen, in zwölf Touren wird die Ware jeden Tag bis Flensburg und Lübeck im Norden sowie Oldenburg und Lüneburg im Süden ausgefahren.

„Wir haben nichts zu verstecken“

Die Möglichkeit zum Errichten einer gläsernen Produktion sei eine Grundvoraussetzung bei der Wahl des neuen Standortes gewesen. „Ich bin der Überzeugung, dass sie zur Vertrauensbildung beiträgt. Wir haben nichts zu verstecken.“ Spätestens im Juli will der gelernte Bäcker und studierte Ökotrophologe Eröffnung feiern.

Die liegt bei der Vollkornbäckerei Effenberger schon lange zurück. Seit 2001 gibt es am Dammtorbahnhof die gläserne Backstube. „Aufgrund der Veränderungen in der Lebensmittelproduktion – immer rationeller, immer günstiger, immer konformer und mit immer mehr Tricks – wollte ich ein transparentes Produkt“, sagt Chef Thomas Effenberger. Der Umsatz habe gleich doppelt so hoch gelegen wie erwartet. Das Konzept kam an. Als der Bahnhof zur Sanierung verhüllt wurde, brachen die Erlöse auf die Hälfte des Erwarteten ein. Keine freie Sicht, weniger Käufer – so die Kurzformel. Nun läge der Umsatz wieder über dem kalkulierten Ziel. Generell setzt Effenberger in seinem Betrieb auf Transparenz. Einmal die Woche mache er eine Führung mit 20 bis 30 Menschen durch seine Produktion. Die Liste der Zulieferer hänge in den Filialen aus. Mit einem Partner plant er in Rumänien bald eigene Kürbis- und Sonnenblumenkerne sowie eigenes Soja auf ökologischem Boden zu ernten. Er will wissen, woher seine Rohstoffe kommen.

Transparent geht es auch bei Ratsherren zu. In der 2010 an den Schanzenhöfen neu gegründeten Brauerei können Interessierte durch die Glasfronten den Brauern im Sudhaus zusehen. In Potsdam unterhält der Fruchtgummihersteller Katjes eine gläserne Bonbonfabrik.

„Prinzipiell finden wir gläserne Produktionen gut“, sagt Armin Valet, Lebensmittelexperte bei der Verbraucherzentrale Hamburg. „Wir wollen, dass sich die Verbraucher ein Bild machen können, wie es vor Ort aussieht. Das ist wichtig, weil die Lebensmittelproduktion sich in den vergangenen Jahrzehnten immer weiter von uns weg entwickelt hat.“ Allerdings warnt er auch davor, dass einige Unternehmen Augenwischerei betreiben könnten, indem die gläserne Zone aufgehübscht werde und im Nachbarbereich schlechtere Standards gälten.

Bauer Schwarz erntete einen Shitstorm, als er Kameras im Stall installierte

Besonders in der Tierzucht kommt die Offenheit nicht uneingeschränkt gut an. Als Werner Schwarz, der Präsident des Schleswig-Holsteinischen Bauernverbandes, im Januar 2013 als erster Hof in Deutschland mit seinem Schweinestall auf Sendung ging und alle 20 Sekunden ein neues Live-Bild auf der Verbandswebseite zeigte, erntete der Rethwischer auf Facebook einen Shitstorm. Die Käfige wurden als abartig pervers bezeichnet, er persönlich aufs Schärfste diffamiert. Die Reaktionen darauf wertet er als eine Entfremdung der Gesellschaft von der Landwirtschaft. Und übt Selbstkritik an seiner Zunft: „Wir Bauern haben es versäumt, Landwirtschaft zu erklären.“

Ein Beispiel: Als eine Sau ferkelte, gab es eine Totgeburt. Seine Mitarbeiterin räumte das Tier zunächst nur zur Seite und ließ es dort liegen – darüber regten sich User auf. Im Anschluss brachte die Sau weitere Ferkel (lebend) zur Welt. Schwarz: „Das Grundwissen fehlt in der Bevölkerung. Zehn bis zwölf Ferkel sind normal, da kann auch mal eine Totgeburt vorkommen.“ Als Mitarbeiter des Bauernverbandes das online erklärten, sei eine sachliche Diskussion entstanden. Überhaupt sei die Aufregerwelle abgeebbt. Mittlerweile gebe es drei Höfe in Schleswig-Holstein und etwa sieben in Deutschland, die wie Big Brother die Ställe überwachen. Für Schwarz sind das sinnvolle Projekte: „Wir müssen unsere eigenen Bilder zeigen, sonst werden es andere tun.“

In der Gläsernen Molkerei in Dechow hängt auf der Empore neben Bildern eine Karte. Sie verrät, wo die Kühe der Lieferanten ihre Weiden haben. Rund 130 Fähnchen zeigen Höfe an der dänischen Grenze in einem Bogen über Mecklenburg bis zum Erzgebirge. Das Wittstocker Dreieck fungiert als Grenze. Alles nördlich davon wird an den Schaalsee gefahren, alles südlich davon an den ersten Produktionsstandort in Münchehofe in Brandenburg. „Wir haben eine absolute Rückverfolgbarkeit der Milch“, sagt Böhmann. Spediteure holen mit ihren Tanklastern die Milch bei den Bauern ab. Jedes Mal nimmt der Fahrer eine Referenzprobe, die später beim Landeskontrollverein beispielsweise auf Fett-, Eiweiß- und Keimgehalt untersucht wird.

Fast 30.000 Besucher schauten sich 2014 die Gläserne Molkerei an

Stellt sich heraus, dass ein Hof unsauber arbeitet, müssen ernste Gespräche geführt werden. In der Molkerei wird die flüssige Ware in großen Sammeltanks gelagert, in Milch- und Sahnebestandteile getrennt, erhitzt, wieder zusammengeführt und abgefüllt. Die aufgedruckten Produktionsdaten geben Aufschluss über den Tag der Abfüllung, die Uhrzeit, wer die Maschine bediente, und aus welchen Tanks die Milch kam. Der Verbraucher erkennt sämtliche Milch und andere Produkte wie Joghurt und Butter aus dem Dechower Betrieb an der Kennzeichnung DE MV 16005 EG auf dem Karton.

Konstant rund 90 Millionen Euro erlöst die Gläserne Molkerei pro Jahr. Der Umsatz hänge aber stark vom schwankenden Milchpreis ab, sodass die verkaufte Menge bessere Auskunft über die Firmenentwicklung bringe. „Beim Absatz haben wir eine kontinuierliche Steigerung. Wir haben stets Gewinn geschrieben“, sagt Böhmann, eine promovierte Juristin. Die Ausdehnung der Produktion werde vor allem durch zu wenig Biomilch gestört. Die Molkerei möchte konventionelle Landwirte zum Umstellen auf Bioanbau motivieren und zahlt ihnen einen Aufschlag auf den Milchpreis. Denn zwei Jahre müsse ein Hof nach Biostandards arbeiten, bevor er sich Bio nennen dürfe. Statt zur Zeit 28 Cent pro Liter für konventionelle Milch bekäme der Bauer in der Ökoqualität 50 Cent.

Wachsen will das 100 Mitarbeiter starke Unternehmen zunächst vor allem mit dem Ausbau der Biokäseherstellung in Münchehofe. Durch die Veredelung des Produkts sei auch die zu erzielende Marge höher. Der Blick über die Schulter bleibt dabei erwünscht. 20.000 Verbraucher besuchten im vergangenen Jahr die gläserne Produktion im Brandenburgischen, 9000 waren es im Mecklenburgischen, darunter auch viele Hamburger. Vier Euro zahlen sie, dafür werden sie „umfangreich“ mit den Produkten des Hauses verköstigt. Für die Gläserne Molkerei sei das Öffnen der Tore für das Pu­blikum ein Gewinn, sagt Böhmann: „Wir können unsere Produkte vorstellen und erhalten direktes Feedback. Das ist für uns bestes regionales Marketing.“