Reden statt Roben

Handelskammer verändert nach Kritik das Programm der traditionsreichen Morgensprache. Ex-Erzbischof Thissen gegen Abstimmung über Olympia

Hamburg. „Cheese and bread“ (Käse und Brot), hallte es am Donnerstagabend wieder durch die Handelskammer. Mit diesem Trinkspruch erinnert die Kammer alljährlich in ihrer Hamburger Morgensprache an die traditionellen Treffen der Hamburger Kaufleute im Londoner Stalhof im 13. Jahrhundert. Der Stalhof galt als Keimzelle der Hanse. Der Trinkspruch, den die rund 200 Gäste der Morgensprache übrigens akzentfrei intonieren mussten, gehört zu den wenigen alten Ritualen, die die Handelskammer in der Veranstaltung beibehalten hat. Vieles andere war neu. Nach heftiger Kritik an dem „Mummenschanz“ der Morgensprache hat die Kammer den Ablauf der Veranstaltung kräftig umgestellt. Die roten Roben, mit denen der Kontorvorstand der Morgensprache bisher auftrat, haben ausgedient. Sie hingen im festlich geschmückten Börsensaal am Kleiderhaken und sind nun Ausstellungsstücke wie die Urkunde von 1266, mit der der englische König Heinrich III. den Hamburger Kaufleuten das Recht einräumte, eine Schutzgemeinschaft in London zu bilden.

Nur einmal im Verlauf des Festakts warf sich die Hamburger Unternehmerin Ruth Berckholtz den schweren, samtigen Umhang noch einmal über, nämlich zur Eröffnungsrede. Berckholtz ist der amtierende Ältermann des Kontorvorstands der Morgensprache. Diese Funktion heißt so, auch wenn sie von einer Frau ausgeübt wird. Zu den auch kammerintern umstrittenen Roben sagte sie: „Ein solches Kleidungsstück wird heutzutage eher als unpraktisch angesehen. Es ist sehr schwer, und ich darf Ihnen verraten, es ist auch sehr heiß darunter.“ Deshalb habe der Kontorvorstand seine Roben an den Nagel gehängt.

Auch die übrige Zeremonie, die in der Vergangenheit schon einmal fünf Stunden dauerte, wurde kräftig gekürzt: weniger Inszenierung, mehr politisch hochaktuelle Reden. Dazwischen Musik des Polizeiorchesters und von Joja Wendt sowie gutes Essen. Fisch als Vorspeise, Roastbeef mit Bohnen, Pastinakenpürree und Sauce béarnaise als Hauptspeise und Dessert. Als Zwischengang gab es dem Trinkspruch gemäß natürlich Brot und Käse.

Den Reigen der Reden eröffnete Berckholtz, die die Bedeutung der Morgensprache erklärte, aber politisch brisante Themen nicht aussparte: „NSA sind heute Buchstaben, die jedes Kind in Deutschland buchstabieren kann. TTIP scheint auch bald dazuzugehören“, sagte sie in Bezug auf die zuletzt belasteten deutsch-amerikanischen Beziehungen. Auch die separatistischen Tendenzen, die Großbritannien in der EU zeigt, waren ihr Thema: „Aus Hamburger Sicht ist und bleibt es unser sehnlicher Wunsch, dass England Mittel und Wege findet, sich als Teil Europas und der transatlantischen Gemeinschaft zu verstehen. Dafür muss England sicherlich Einsicht in manche Realitäten entwickeln, wie auch wir Verständnis für die Perspektive der Insel aufbringen müssen“, sagte Berckholtz.

Sie lieferte damit eine Steilvorlage für die englische Delegation, die auch jedes Jahr zur Morgensprache von der Themse an die Elbe kommt. Angeführt wurde diese von dem ehemaligen Lord Mayor (Oberbürgermeister) der City of London, Sir Michael Savory. Dieser verwies in seiner launigen Replik auf die wirtschaftliche Abkühlung in Europa, stellte aber auch die besondere Situation Englands heraus: Dort sind im kommenden Jahr Parlamentswahlen. Dann aber brach der typisch englische Humor bei ihm durch und Savory erzählte einige Witze über Ökonomen, wie den über zwei Wissenschaftler, die in einem Flugzeug über mehrere Köpfe hinweg lautstark eine volkswirtschaftliche Diskussion führten. Ein Passagier beschwerte sich, er könne nicht schlafen. Das sei das erste Mal gewesen, dass eine ökonomische Diskussion jemanden am Einschlafen gehindert habe, sagte Savory.

Als kaum weniger unterhaltsam erwies sich die Rede des ehemaligen Chefs der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, Friedrich Merz. Merz ist seit seinem Rückzug aus der Bundespolitik Vorsitzender der Atlantik-Brücke, die sich für die Stärkung der deutsch-amerikanischen Beziehungen einsetzt. Er machte sich in seiner Rede noch einmal für das transatlantische Freihandelsabkommen TTIP stark. Für sein Engagement bekam er den German-American Friendship Award verliehen, den die Kammer alle zwei Jahre vergibt.

Die stärkste Rede hielt aber der emeritierte Erzbischof von Hamburg, Werner Thissen. Er kritisierte, dass Hamburg kein überregional bedeutender Wissenschaftsstandort sei, und er argumentierte gegen einen Volksentscheid über die Olympia-Bewerbung: „Darüber müssen die entscheiden, welche die Verantwortung haben, in Fragen der Finanzierung und der nachhaltigen Stadtentwicklung.“ Sehr persönlich wurde der in Kleve geborene Kirchenmann zum Schluss. Er sagte, dass er nach elf Jahren Dienstzeit an der Elbe Hamburg als seine Heimat sehe – und hier dereinst begraben werden möchte.