Steffen Preißler

Noch 500 freie Lehrstellen in Hamburg

Gewerkschaft kritisiert dennoch zu geringes Angebot für Jugendliche. Ausbildung zum Koch stark gefragt – aber man braucht gute Mathekenntnisse

Hamburg. Der berufliche Einstieg in Hamburgs Gastronomie ist jederzeit möglich. Ob als Koch oder Restaurantfachmann: In beiden Berufen hat Jutta Eggert, stellvertretende Leiterin des Landhauses Flottbek, noch je einen Ausbildungsplatz zu vergeben. Auch die Hotelkette Rilano mit einem Haus in Hamburg kann noch ein bis zwei Lehrstellen für Köche anbieten. „Wir bilden kontinuierlich aus, haben 16 Auszubildende, doch es wird immer schwieriger“, sagt Anke Zschumin vom Hotel Rilano in Hamburg. Gerade dienstleistungsorientierte Berufe mit Schicht- und Feiertagsdienst schreckten viele ab.

Interessenten für einen Ausbildungsplatz müsste es noch genügend geben. Denn 1537 Bewerber sind nach den Zahlen der Arbeitsagentur Hamburg noch nicht vermittelt. Doch die wenigsten davon wollen offenbar einen Ausbildungsplatz. Die Handelskammer hatte alle eingeladen, um ihnen noch freie Stellen anzubieten, doch nur 329 reagierten überhaupt darauf und lediglich knapp 100 haben sich einen konkreten Vermittlungstermin geben lassen. Einen Ausbildungsvertrag haben bisher sieben von ihnen unterschrieben. „Mit 44 weiteren Schulabgängern sind wir noch im Gespräch“, sagt Thomas Schierbecker von der Handelskammer. „Wir sind zur Unterstützung bereit, aber die Bewerber müssen ein Mindestmaß an Eigeninitiative zeigen.“

Knapp 500 freie Lehrstellen sind bei der Arbeitsagentur Hamburg noch registriert. Im Vergleich zum Vorjahr ist das ein Rückgang von 28 Prozent. Gleichzeitig nahm die Zahl der Unvermittelten um 16 Prozent zu, und die Zahl der gemeldeten Lehrstellen ging insgesamt um elf Prozent zurück. Doch im Vergleich zum Vorjahr wollten mit 9221 Bewerbern neun Prozent mehr über die Arbeitsagentur einen Ausbildungsplatz. „Das ist keine stabile Entwicklung“, sagt Hamburgs DGB-Vorsitzende Katja Karger. Die Betriebe müssten ihrer Verantwortung gerecht werden und mehr Plätze anbieten.

„Wir konnten gut 500 Bewerber mehr in ein Ausbildungsverhältnis vermitteln als im Vorjahr“, sagt Sönke Fock, Chef der Agentur für Arbeit. Mit der Jugendberufsagentur werden mehr Jugendliche als in den Vorjahren als Bewerber erfasst. „Dass damit auch die Zahl der unversorgten Bewerber steigt, haben wir erwartet“, sagt Fock. Bei der Handwerkskammer ist die Zahl der abgeschlossenen Lehrverträge im Vergleich zum Vorjahr stabil. 2425 beginnen eine Ausbildung im Handwerk. „Auch bei sinkenden Schulabgängerzahlen halten wir unsere Ausbildungsleistung stabil“, sagt Josef Katzer, Präsident der Handwerkskammer.

Lediglich im Bereich der Handelskammer ist die Zahl der Ausbildungsverträge um 1,5 Prozent zurückgegangen. Bisher wurden 9146 Verträge in das Lehrstellenverzeichnis eingetragen. Doch auch außerhalb von Handwerks- und Handelskammer werden Ausbildungsverhältnisse angeboten, etwa im öffentlichen Dienst oder im Gesundheits- und Erziehungsbereich. Insgesamt haben in diesem Jahr 15.672 Jugendliche eine Ausbildung in Hamburg begonnen. Das sind 264 mehr als im Vorjahr. „Damit ist der Abwärtstrend auf dem Hamburger Ausbildungsmarkt gestoppt“, sagt Rainer Schulz, Geschäftsführer des Hamburger Instituts für Berufliche Bildung.

Dennoch wird die Ausbildung für viele Firmen zum Problem. „Es gibt ein gewisses Interesse am Beruf des Kochs, was sicherlich den vielen Kochshows im Fernsehen geschuldet ist“, sagt Eggert. Aber gleichzeitig werde da ein falsches Bild des Berufs vermittelt. So muss ein Koch gute Mathematikkenntnisse haben, um die Mengen von Zutaten zu berechnen, wenn ein Rezept für vier Personen auf 80 Portionen hoch gerechnet werden muss. „Daran fehlt es oft“, sagt Eggert. Beim Hotelfachmann zählen vor allem Deutsch- und Englischkenntnisse. Anke Zschumin sieht auch das Problem, dass sich die Eltern zu wenig um die Berufswünsche der Kinder kümmern und die Wahl schließlich dem Zufall überlassen wird. „Wir brauchen in unserer Branche wirklich Bewerber, die den Dienstleistungsgedanken in sich tragen.“ Das Hotel hatte im vergangenen Jahr zwei Abbrecher. „Die Jugendlichen benötigen bei ersten Problemen auch den Rückhalt in der Familie“, sagt Zschumin.

Ganz andere Erfahrungen hat der Hamburger Energieversorger Lichtblick gemacht. Im August haben vier kaufmännische Auszubildende ihre Lehre begonnen. „Es gab über 100 Bewerbungen“, sagt Dörte Kliem von Lichtblick.

Die Zwillinge Dustin und Lennart Fügel haben sich zwar ins Gastronomie- und Hotelfach gewagt und beenden in einem Monat ihre Ausbildung im Landhaus Flottbek. Doch Chefin Eggert kann ihre Mannschaft nicht mit ihnen aufstocken. „Ich werde erst einmal für ein Jahr ins Ausland, nach Australien gehen“, sagt der künftige Hotelfachmann Lennart Fügel. „Die Ausbildung hat zwar Spaß gemacht, und das Klima hier ist sehr familiär, aber ich kann mir nicht vorstellen, dass das der Job fürs Leben ist.“ Zwar wusste er vorher von den ungünstigen Arbeitszeiten. „Aber das Ausmaß hat mich dann doch überrascht.“ Sein Bruder Dustin will zur Feuerwehr. Nicht als Koch, sondern, um Brände zu löschen. Selbst eine erfolgreiche Ausbildung sichert den Betrieben noch nicht ihre Fachkräfte.