„Hamburg braucht Uni für Ältere“

Wegen des demografischen Wandels wird die Weiterbildung immer wichtiger, heißt es in einer Studie des HWWI

Hamburg. In den nächsten Jahrzehnten wird sich das Straßenbild in einer Stadt wie Hamburg spürbar verändern – der Anteil älterer und alter Menschen wird deutlich zunehmen. Die Auswirkungen der Demografie auf Deutschland sind dramatisch: Bis zum Jahr 2060 wird die Bevölkerungszahl um mindestens 16 Millionen auf nur noch 65 Millionen Menschen sinken, wegen der steigenden Lebenserwartung nimmt gleichzeitig das Durchschnittsalter von 44 auf 50 Jahre zu.

Weil es schon im Jahr 2030 aller Voraussicht nach 17 Prozent weniger Kinder und Jugendliche geben wird als heute, verschärft sich absehbar der Fachkräftemangel. „Die Menschen werden bis in ein höheres Alter und produktiver arbeiten müssen“, sagte Thomas Straubhaar, Direktor des Hamburgischen WeltWirtschaftsInstituts (HWWI), bei der Vorstellung einer gemeinsam mit dem Bankhaus Berenberg erstellten Studie. Durch den demografischen Wandel nehme die Bedeutung der Weiterbildung, die bisher eher eine „Randerscheinung“ im deutschen Bildungssystem darstelle, erheblich zu.

Darauf müsse sich Hamburg einstellen, so Straubhaar: „Die Stadt braucht eine Uni für Ältere.“ Zwar bietet die Universität Hamburg schon seit 20 Jahren ein sogenanntes Kontaktstudium für ältere Erwachsene an. Sie sitzen dabei aber praktisch als Gasthörer gemeinsam mit den jungen Studierenden in den Veranstaltungen und erlangen keinen anerkannten Abschluss. „Ein Angebot, wie ich es mir vorstelle, müsste zu einem vollwertigen akademischen Grad führen, aber auf Menschen mit längerer Berufserfahrung zugeschnitten sein“, sagte der HWWI-Direktor.

Hamburg sei schon deshalb gefordert, sich auf die demografischen Veränderungen vorzubereiten, weil ältere Menschen unter anderem wegen der besseren medizinischen Versorgung vom Land in die größeren Städte streben würden. „Damit verändern sich auch die Anforderungen an den öffentlichen Nahverkehr“, so Jörn Quitzau, Volkswirt bei Berenberg und einer der Autoren der Studie. Es gehe nicht nur darum, überall Zugang für Rollstuhlfahrer zu schaffen: „Ein höherer Komfort und Verbesserungen bei der Sicherheit sind für alte Menschen sehr wichtig.“ Nach Einschätzung von Straubhaar ebenso bedeutend sind wirklich verlässliche Fahrpläne, um ungeplante Wartezeiten etwa an Bushaltestellen möglichst zu vermeiden. Dies habe für Ältere höheren Stellenwert als kurze Zeitabstände zwischen den Abfahrten.

Der HWWI-Chef prognostiziert für Hamburg angesichts der Demografie einen „immensen Bedarf“ an altersgerechten Immobilien, der in vielen Fällen nur durch Neubau gedeckt werden könne. An Bedeutung gewinnen würden Mehrgenerationenhäuser, Alten-WGs und betreutes Wohnen.

In diesem Zusammenhang rechnet Quitzau mit einer erheblichen Nachfrage nach neuen Dienstleistungen und innovativen IT-Lösungen. „Die am Armband befestigte Funkverbindung zu Ärzten und Pflegepersonal und die Direktschaltung zum Hausarzt über den Badezimmerspiegel dürften zum Alltag 2030 gehören“, heißt es in der Studie, Sensoren im Duschvorleger und in Teppichen könnten bei Stürzen Alarm schlagen.

Auch wenn Senioren voraussichtlich immer länger rüstig bleiben, wird die Zahl der pflegedürftigen Personen Prognosen zufolge bis 2030 um 47 Prozent auf 3,4 Millionen steigen. Zusätzliche Pflegeimmobilien würden wegen der in Hamburg sehr hohen Grundstückspreise aber eher im Umland entstehen, erwartet Quitzau. Ohnehin biete sich Gemeinden wie Ahrensburg oder Buxtehude im Stadtmarketing die Chance, sich als Orte zu profilieren, die alte Menschen nicht als Problem, sondern als Bereicherung verstehen. Die dadurch entstehenden Arbeitsplätze würden in der Folge auch jüngere Menschen anziehen.

Darüber hinaus könnten Teile der deutschen Wirtschaft auch wegen des Erfahrungsvorsprungs vom demografischen Wandel profitieren, denn der Anteil der Älteren an der Bevölkerung ist derzeit nur in Japan noch höher als in der Bundesrepublik. „Zum Beispiel in der Entwicklung von Hörgeräten und Prothesen sind deutsche Mittelständler führend“, sagte Straubhaar: „Seniorenmärkte sind Wachstumsmärkte.“

Längerfristig orientierte Anleger könnten, so Quitzau, diesen Megatrend nutzen – zum Beispiel über Investmentfonds mit Schwerpunkt im Gesundheitsbereich.