71.154 Hamburger suchen einen Job

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Steffen Preißler

Maue Konjunktur lässt Arbeitslosenquote gegenüber 2012 um vier Prozent steigen

Hamburg. Die Stimmung am Hamburger Arbeitsmarkt trübt sich ein. Sönke Fock, der Chef der Arbeitsagentur Hamburg, hat keine Hoffnung mehr, dass die Zahl der Arbeitslosen in diesem Jahr die Marke von 70.000 noch einmal unterschreitet. „Auch wenn die Wirtschaftsforschungsinstitute und andere Konjunkturumfragen einen Aufschwung in Höhe von 1,7 Prozent für das nächste Jahr vorhersagen, reicht das Wachstum in diesem Jahr von nur 0,5 Prozent nicht aus, um entscheidende Impulse auf dem Hamburger Arbeitsmarkt zu setzen“, sagt Fock. Im Oktober waren in Hamburg 71.154 Menschen ohne Job. Gegenüber dem Vormonat ist das nur eine leichte Zunahme von 0,4 Prozent. Die Arbeitslosenquote bleibt unverändert bei 7,3 Prozent.

Doch im Jahresvergleich sieht die Entwicklung schon deutlich schlechter aus. Im Vergleich zum Oktober 2012 stieg die Arbeitslosigkeit in Hamburg um vier Prozent, während im Bundesdurchschnitt nur ein Zuwachs von 2,2 Prozent erreicht wurde. Zwar sind in Hamburg ein Prozent mehr Personen sozialversicherungspflichtig beschäftigt als vor einem Jahr. „Mit 880.000 Beschäftigten erreichen wir den höchsten Monatswert in diesem Jahr“, sagt Fock.

Doch im Gegensatz zum Arbeitsmarkt gibt es diese Zahlen nur mit zweimonatiger Verzögerung. Sie zeigen also die Situation im August. Doch es gibt noch andere Gründe für den Widerspruch zwischen Rekorderwerbstätigkeit und steigender Arbeitslosigkeit. „In den zurückliegenden Jahren und Monaten haben viele Personen wieder auf dem Arbeitsmarkt Fuß gefasst, die sich zuvor gar nicht um einen Job bemüht hatten, weil ihnen die Lage zu ungünstig erschien“, sagt Eckart Tuchfeld von der Commerzbank. „Diese sogenannte stille Reserve steigt in die Erwerbstätigkeit ein, ohne zuvor offiziell arbeitslos gewesen zu sein.“

Dagegen zeigen andere Zahlen, dass der Hamburger Arbeitsmarkt nicht mehr so robust ist. Die Zahl der Menschen, die sich arbeitslos melden, steigt und gleichzeitig sinkt die Zahl der offenen Stellen. Zu den Branchen, die Stellen abbauen, gehören der Handel, das Baugewerbe und die Finanz- und Versicherungsdienstleistungen. Wer seine Stelle verliert, meldet sich zuerst bei der Arbeitsagentur. Hier gibt es jetzt im Jahresdurchschnitt zehn Prozent mehr Jobsuchende als 2012. Außerdem wurden der Arbeitsagentur 15 Prozent weniger freie Stellen gemeldet als noch vor einem Jahr.

Besser sind die Chancen für Schulabgänger, die einen Ausbildungsplatz suchen. „Die Lage am Ausbildungsmarkt ist für Bewerber so gut, wie man es sich lange Zeit nicht hätte vorstellen können“, sagt Josef Katzer, Präsident der Handwerkskammer, bei der Vorstellung der Bilanz zum Hamburger Ausbildungsmarkt 2013. Schon jetzt stehen in der Lehrstellenbörse der Handwerkskammer knapp 500 Ausbildungsplätze für das Ausbildungsjahr 2014. Das sind bereits 80 mehr als vor einem Jahr. Der Höhepunkt des Angebots wird erst für März und April 2014 erwartet. Dennoch muss sich das Handwerk mit weniger Lehrlingen abfinden. Die Hamburger Handwerksbetriebe schlossen in diesem Jahr 2422 neue Ausbildungsverträge ab. Das ist im Vergleich zum Vorjahr ein Rückgang von 4,1 Prozent. Jeder sechste der Lehrlinge hat inzwischen Fachhochschulreife oder Abitur. „Das ist bundesweit der höchste Anteil“, sagt Katzer. Gleichzeitig versichert er, dass sich die Betriebe auch um Schulabgänger bemühen, die nicht so gute Voraussetzungen mitbringen. „Bei uns kommt es nicht darauf an, woher man kommt, sondern, wohin man will“, sagt Katzer.

Bei der Handelskammer stehen schon 2000 neue Ausbildungsplätze in der Lehrstellenbörse für das neue Ausbildungsjahr zur Verfügung. Doch auch bei den Betrieben der Handelskammer wurden 2013 vier Prozent weniger Lehrverträge geschlossen als im Vorjahr: insgesamt 9290. „Wir können durch den demografischen Wandel nicht mehr so von Bewerbern aus den angrenzenden Bundesländern profitieren wie in der Vergangenheit“, sagt Thomas M. Schünemann, Vizepräses der Handelskammer. Sie setzt jetzt auf das neue Konzept zur verbindlichen Berufs- und Studienorientierung in den Stadtteilschulen. Es soll die Entscheidungsprozesse beschleunigen, welchen beruflichen Weg die Schüler nach der Schule einschlagen wollen.

Zwar gibt es immer mehr Ausbildungsplätze. Die Arbeitsagentur Hamburg registrierte in diesem Jahr 10.866 gemeldete Stellen, ein neuer Rekordwert. Doch gleichzeitig gibt es jetzt noch 1319 Schulabgänger ohne Ausbildungsvertrag. Gegenüber dem Vorjahr ist das ein Plus um 65 Prozent . „Die Ursachen dafür sind sehr vielfältig, aber wir machen den Jugendlichen viele Angebote“, sagt Fock. Niemand müsse ohne Ausbildungsvertrag bleiben. Viele seien noch unschlüssig, in welche berufliche Richtung es gehen soll oder hätten große Probleme, vollständige Bewerbungsunterlagen zu erstellen. „Die hohe Zahl der unversorgten Bewerber zeigt, dass viele Betriebe immer noch zu hohe Erwartungshaltungen an die Jugendlichen haben“, sagt Hamburgs DGB-Vorsitzende Katja Karger. Hier müsse ein Umdenken stattfinden. „Auch wer Defizite hat, muss eine Chance bekommen.“ Foto: Laible

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