Kundendramen in Praktiker-Märkten

Heimwerker bekommen nach Insolvenzantrag der Kette Anzahlungen nicht zurück. Tochter Max Bahr könnte zum Zankapfel unter Gläubigern werden

Hamburg. Nach dem Insolvenzantrag der Hamburger Baumarktkette Praktiker spielen sich nach Abendblatt-Informationen regelrechte Dramen in einzelnen Filialen des zahlungsunfähigen Unternehmens ab. Kunden, die mehrere Tausend Euro für eine Küche oder einen Bodenbelag angezahlt haben, bekommen die Ware nicht mehr, weil die Lieferanten die entsprechenden Artikel zurückhalten. Andererseits wird den Kunden aber auch die Anzahlung nicht zurückerstattet, weil im Rahmen des Insolvenzverfahrens alle noch vorhandenen Vermögenswerte gesichert werden müssen.

Während ein Praktiker-Sprecher von einer nur „vorübergehenden Maßnahme“ spricht, warnen Verbraucherschützer Hobbyheimwerker eindringlich davor, bei der Kette noch irgendwelche Artikel auf Basis von Vorkasse zu erwerben. „Davon ist generell abzuraten“, sagt der Geschäftsführer der Verbraucherzentrale Hamburg, Günter Hörmann. Wer bereits Anzahlungen geleistet habe, solle so bald wie möglich auf Rückzahlung oder Auslieferung der Ware drängen. Sonst müsse er sich offiziell in die Reihe der Gläubiger einreihen. Auch bei anderen Käufen seien einige Besonderheiten zu beachten (siehe Infokasten).

Diese Vorsichtsmaßnahmen gelten laut Hörmann allerdings nicht für die Praktiker-Tochter Max Bahr, für die kein Insolvenzantrag gestellt wurde. „Hier können die Kunden nach jetzigem Stand so einkaufen wie zuvor. Sie sollten aber die weitere Entwicklung im Unternehmen beobachten.“

Praktiker hatte am Donnerstag Insolvenzantrag für insgesamt acht Tochtergesellschaften wegen Überschuldung und Zahlungsunfähigkeit gestellt, nachdem ein letztes Krisengespräch mit den Gläubigerbanken gescheitert war. Der vorläufige Insolvenzverwalter Christopher Seagon von der Heidelberger Kanzlei Wellensiek kam in die Hansestadt, um sich einen ersten Überblick über die Lage zu verschaffen.

„Zunächst müssen wir den Geschäftsbetrieb der Unternehmen stabilisieren, um so die Voraussetzung dafür zu schaffen, möglichst viele Filialen und Arbeitsplätze zu sichern“, sagte Seagon. Der Rechtsanwalt kündigte an, ein Sanierungskonzept zu prüfen und den Betrieb aufrechterhalten zu wollen: „Die Filialen an allen Standorten bleiben geöffnet, der Verkauf geht mit allen Beschäftigten unverändert weiter.“ Um die Löhne und Gehälter der rund 8600 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in den acht Gesellschaften sicherzustellen, werde er die Vorfinanzierung des Insolvenzgeldes beantragen.

Verzögerungen gab es am Freitag wegen des Insolvenzantrags für die Muttergesellschaft des Konzerns, die Praktiker AG. Den Antrag wollte der Vorstand ebenfalls in Hamburg stellen, weil hier das operative Geschäft zusammenläuft, stieß damit aber aber auf Widerstand beim Amtsgericht, weil sich rechtlich gesehen der Hauptsitz noch immer im saarländischen Kirkel befindet. Von dort war die Zentrale 2012 in die Hansestadt verlegt worden.

Unterdessen signalisierte der Soltauer Konkurrent Hagebau Interesse an der Übernahme einzelner Filialen von Praktiker. „Wir haben 358 Gesellschafter – einige davon haben Interesse an einer möglichen Übernahme bekundet“, sagte am Freitag eine Unternehmenssprecherin. Die Zentrale des Baumarkt-Betreibers und Baustoff-Fachhändlers in Soltau werde dies an den Insolvenzverwalter gebündelt weiterleiten, es handele sich um einen laufenden Prozess. Auch der deutsche Marktführer Obi hat Interesse an einzelnen Märkten.

Schwierig dürfte sich in den kommenden Wochen die Abtrennung der Traditionsmarke Max Bahr von der Muttergesellschaft und den anderen Töchtern gestalten. Zwar wird in der Hamburger Konzernzentrale immer wieder darauf verwiesen, dass es sich bei der Premiumtochter um ein eingenständiges Unternehmen handelt. Doch dies stimmt nur zum Teil. So hat der Vorstand auch die sogenannte Baumarkt Max Bahr Praktiker Einkaufs GmbH in die Insolvenz geschickt, die sich um den Wareneinkauf für beide Marken kümmert. Tatsächlich arbeiten in der Konzernzentrale Beschäftigte Tür an Tür miteinander, die entweder bei einem insolventen oder nicht insolventen Teil der Gruppe beschäftigt sind.

Die Premiumtochter könnte zudem zu einem Zankapfel zwischen unterschiedlichen Gläubigergruppen und Alteigentümern werden. Ansprüche erheben einerseits mehrere Kreditgeber, denen die Max-Bahr-Märkte als Sicherheit für Kredite über 75 Millionen Euro dienen. Unter ihnen sind so unterschiedliche Institute wie die österreichischen Raiffeisen International, die Commerzbank und die Royal Bank of Scotland. Würden diese ihre Kredite fällig stellen, würde Max Bahr an sie fallen, heißt es aus dem Konzern. Gläubiger einer Praktiker-Anleihe über 250 Millionen Euro, die völlig leer auszugehen drohen, wollen dies allerdings nicht akzeptieren. Max Bahr dürfe nicht an die Banken gehen, so ein Vertreter. Der Insolvenzverwalter müsse dies prüfen.