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Mit Google über den Atlantik

| Lesedauer: 3 Minuten
Oliver Haustein-Teßmer

Foto: Google Maps

Wer dem US-Präsidenten schon immer mal näher treten wollte, aber nicht nach dem Weg zu fragen wagte, hat Glück. Es gibt ja diese riesige Suchmaschine. Deren Routenplaner macht die Reise über den Ozean zu einem der letzten echten Abenteuer.

Mit unreifen Versionen von Computer-Software ist das so eine Sache. Scharen von Produktentwicklern und Programmierern schrauben noch daran herum, suchen Fehler und prüfen die Belastungsfähigkeit, während die Nutzer als Live-Tester ausgenutzt werden. Google macht das prinzipiell so. Ein neues Online-Werkzeug wird beworben, und los geht der Massentest. Manche Falle für die ahnungslose Testperson ist gar kein Mangel, sondern extra eingebaut worden.

Google Maps ist noch in diesem Versuchsstadium und heißt deswegen Google Maps Beta. Das Programm hilft dem Reisenden, vor der Abfahrt seine Route genauestens festzulegen. Das funktioniert ganz ordentlich innerhalb Deutschlands und Westeuropas. Sogar auf kostenpflichtige Straßen wird hingewiesen, die der Autofahrer – er und nicht der Radfahrer oder Wanderer wird mit dem Navigationsservice angesprochen – vermeiden könnte.

In Richtung Osteuropa wird es schon schwerer. Wer von Berlin nach Moskau reisen will und des Russischen nicht mächtig ist, bekommt hinter Minsk Probleme, weil Google die Routen mit fremdsprachigen Hinweisen versieht.

Berlin-London ist für Google Maps dagegen kein Problem. „Weiter Calais-Dover“ heißt es am Ärmelkanal zackig, und der Nutzer kann mit einem Klick auf die dazu gehörige Routenziffer sehen, dass die Überquerung per Fähre gemeint ist. Solche Schiffsverbindungen gibt es natürlich auch über den Atlantik. Der fachkundige Reiseredakteur gibt die Dauer der Überfahrt mit etwa sechs Tagen an. Geht doch. Und aus dem Bullauge der "Queen Mary 2" sieht man den Ozean auch viel besser als aus dem Flugzeugfenster.

5572 km Freistil

Für den schon länger geplanten Besuch bei US-Präsident George W. Bush gebe ich also meinen Abreisepunkt bei Google ein. Aus der Kochstraße in Berlin-Mitte biege ich zunächst in die Wilhelmstraße ab. Nach ein paar Staus geht es zügig über deutsche Autobahnen an Potsdam und Bielefeld vorbei bis an die westdeutsche Landesgrenze. „Sie sind jetzt in Belgien“, informiert der Computer. Alles läuft prima, die Schnellstraßen sind schließlich Tag und Nacht beleuchtet.

Über Liège und Seraing gelange ich nach Frankreich. Man muss bis Calais fahren, sagt Google. Und dann befiehlt die Maschine: „Schwimmen Sie über den Atlantik.“ Mit einem gewagten, aber eleganten Flachköpper springe ich also über die Kaimauer in den riesigen Ozean. Schmeckt salzig, ist kalt. Unter mir riesige, glitschige Fische. Nur noch 5572 km. Das Notebook zieht Wasser, WLAN hat schon lange keine Verbindung meh. Fast wie zu Hause mit dem DSL-Router von der Telekom. Weiter schwimmen. Schwimmen, schwimmen, schwimmen...

Geschafft! Nach knapp 29 Tagen steige ich bei Long Wharf frisch gebadet aus dem Meer. Ich miete mir einen extrem breiten und tiefgelegten Wagen und fahre die nächsten rund 300 km nach New York. Hier ist alles gut ausgeschildert, es bleibt nur noch ein tempomatgezügelter Ritt von sechs Stunden bis in die US-Hauptstadt. Pennsylvania Avenue, dort suche ich mir einen Parkplatz. „Rechts halten“, rät Google Maps noch. Das Satellitenbild in geheimdienstverdächtiger Qualität verrät es. Dem mächtigen Präsident nähere ich mich am besten über seinen exakt getrimmten Rasen. Ich klingele dann mal. "Hello, Mr. President!"

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Quelle: Welt Online

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