Kollegen

Jammerlappen und Schwätzer nerven im Büro

1920 Stunden im Jahr: Soviel Zeit verbringt man durchschnittlich mit Kollegen im Büro. Eine Menge Zeit in einer Zweckgemeinschaft, die Freundschaften hervorbringt, oft aber auch für Verdruss sorgt. Denn in jedem Büro prallen Mentalitäten aufeinander. WELT ONLINE stellt sechs Typen vor, die besonders nerven.

Täglich mindestens acht Stunden, fünf Tage die Woche. Macht insgesamt 40 Stunden in der Woche, 160 Stunden im Monat, 1920 Stunden im Jahr. Soviel Zeit verbringt man durchschnittlich mit der Kollegenschar im Büro. Eine Menge Zeit in einer Zweckgemeinschaft, die oft Spaß macht, herzliche Freundschaften hervorbringt, doch manches Mal auch für Verdruss sorgt. Denn in jedem Büro sitzen völlig unterschiedliche Typen zusammen, prallen Mentalitäten aufeinander. Das kann nerven, aber auch die Möglichkeit bieten, für sich selbst etwas zu lernen. Wir stellen hier sechs Typen vor, die nur der Einfachheit den männlichen Artikel vor sich hertragen. Denn: Männer sind so, Frauen auch...

Der Gernegroß

Doch, hier passt der männliche Artikel. Denn vor allem unter den Herren ist es weitverbreitet, sich größer, bedeutender und vor allem kompetenter zu fühlen, als man wirklich ist. Erstes Erkennungsmerkmal: lautstark klug daherreden, zu allem, wirklich allem eine Meinung haben und diese auch gern mal ungefragt mitteilen. Die Meinung fußt allerdings selten auf einer Kenntnis oder einem Auseinandersetzen mit einem Thema, sondern eher darauf, was der Gernegroß irgendwo aufgeschnappt hat. Was ihm klug und intelligent erscheint, plappert er nach. Was dazu führt, dass er viel redet, aber wenig sagt. Aber der Gernegroß selbst hält sich für einen klugen, welterfahrenen Typen, der sein Wissen besonders gern den in seinen Augen doch immer leicht unterbemittelten Kolleginnen kundtut.

Die Damen bemerken bei diesem Burschen aber nur eins: einen nervigen Testosteronüberschuss. Tatsächlich durchschauen alle den Gernegroß, nehmen ihn wahr, aber nicht ernst. Deshalb kommt er beruflich auch selten besonders weit. Der Gernegroß aber weiß: Seine Stunde kommt noch. Das kann man als gnadenlose Selbstüberschätzung werten oder auch als bewundernswerte Kunst des positiven Denkens. Wäre er weniger eitel und würde er sich tatsächlich mit Themen beschäftigen statt nur plump daherschwatzen, wäre er ein Meister des gesunden Selbstmarketings und ein Vorbild für diejenigen, die immer nur unauffällig ihre Arbeit wegputzen.


Der Jammerlappen


Keinem Menschen geht es schlechter, keiner leidet mehr. Er bekommt eine Gehaltserhöhung? Ach, die Steuer frisst doch sowieso alles weg. Er soll neue Projekte übernehmen oder wenigstens einen Kollegen unterstützen? Darauf folgt ein tiefer Seufzer, dann erzählt der Jammerlappen mit Leidensmiene detailliert auf, was er noch alles zu tun hat. Wenn das noch nichts hilft und sein Gegenüber nicht schon entnervt abwinkt, greift der Jammerlappen zum letzten Mittel: Seine gerade in dieser Zeit gehäuften Migräneattacken, die lädierte Bandscheibe... Auf Dauer mag kein Kollege um Hilfe bitten und kein Vorgesetzter Aufgaben verteilen, denn das Genöle will sich keiner anhören. So gerät der Jammerlappen selten in die Gefahr, sich zu überarbeiten. Wobei er selbstverständlich gern von dem Stress erzählt, den er hat. Der Kollege ist eine Nervensäge, gewiss, doch die stillen Arbeitsbienen können sich etwas an ihm abgucken: Nicht immer mehr Arbeit annehmen, unter ihr fast zusammenbrechen und sich dann über den Stress beschweren, sondern auch mal höflich, aber bestimmt "Nein" sagen. Ohne Mitleidsgeheul.

Der Anbiederer

Sagen wir, wie es ist: Er ist der Kofferträger vom Chef und redet ihm nach dem Mund. Er weiß viel, hält sich stets auf dem Laufenden, studiert Bücher und Fachzeitschriften und glänzt so schließlich mit klugen Ideen, Vorschlägen und Anregungen beim Vorgesetzten. Seine Auftritte beim Chef, aber auch seine Vorträge in Konferenzen würzt er gern mit Lobpreisungen des Chefs, z.B. durch die Wiedergabe einer besonders gelungenen Verhandlung des Big Boss - "eindrucksvoll, sage ich Ihnen, einfach eindrucksvoll". Auch katzbuckelt er mit Sprüchen wie "tolle Krawatte" oder "Sie sind einfach unschlagbar". Gern ist der Anbiederer auch im Büro unterwegs, streift mal "gedankenverloren" an Schreibtischen vorbei, schaut kurz genauer hin, dann lauscht er offenbar teilnahmslos einem Gespräch anderer Kollegen - immer auf der Jagd nach etwas, womit er beim Chef glänzen kann.

Ist dieser ein Mensch mit emotionaler Intelligenz, so lässt er die Anbiederungsversuche unbeachtet oder macht eine klare Ansage. Ist der Boss jedoch mit keinem allzu großen Selbstbewusstsein gesegnet und braucht er Bestätigung, wird es für alle anderen Büromitglieder gruselig. Denn Herr Anbiedermann bekommt die besten Projekte. Wenn es ganz blöd kommt, macht er sogar Karriere. Sicher, er arbeitet solide seine Aufgaben ab, doch das machen andere auch - nur sich verkaufen können die eben nicht so gut. Den Anbiederer anzugreifen oder ihm den Kopf zu waschen ist ein gefährliches Unterfangen. Denn er ist Liebling des Chefs, sein Draht nach oben ist funktioniert. Besser: Durchatmen und einen Weg finden, mit ihm höflich umzugehen. Und sich vielleicht auch mal einen vergrätzten Kommentar verkneifen, wenn der Chef zickt und bei passender Gelegenheit mal etwas Nettes sagen - das tut keinem weh und macht eine beeindruckbare Chefseele aufgeschlossener einem selbst gegenüber. Ganz ohne Schleimspur.

Der Intrigant

Ein ganz übler Zeitgenosse, der meist in der mittleren Hierarchieebene zu finden ist und das Spiel "nach oben buckeln, nach unten treten" aus dem Effeff beherrscht. Fies: Diese Menschen haben keine Skrupel, kein Gefühl für Ungerechtigkeit. Sie nehmen sich, was sie wollen, um aufzusteigen und gut dazustehen. Mit Arbeit allein - und sie sind meist fleißig und geschickt - wäre ihnen das offenbar zu mühsam. Beispiel: Der Intrigant telefoniert, wenn keiner mehr im Büro ist, lange ins Ausland vom Schreibtisch eines Kollegen, der dann später den Ärger bekommt. Der Intrigant steht dann mit Unschuldsmiene dabei und tröstet den ahnungslosen Kollegen zuckersüß. Vorsicht, der Intrigant schnüffelt auch gern in den Unterlagen der Kollegen oder streut Gerüchte. Nicht immer ist seine Tücke gleich zu erkennen, denn er tarnt sich geschickt mit Freundlichkeit und einem lieben Lächeln. Die beste Strategie ist, einen großen Bogen um diesen Kollegen zu machen, sich im Falle einer Attacke gleich deutlich zu wehren, kleine Gehässigkeiten einfach abprallen lassen. Ansonsten kann man von diesem Kollegen nichts, gar nichts lernen.

Der Pflegeleichte

Ach, so ein richtig Netter, mit dem alle sich gut verstehen. Er erscheint immer pünktlich zur Arbeit, er ist fleißig und zuverlässig, er lehnt selten Mehrarbeit ab, schlechte Laune kennt er nicht, er räumt auch wortlos immer die schmutzigen Tassen mit in die Spülmaschine, die die anderen achtlos herumstehen lassen. Toll, wenn alle einen mögen. Aber schätzen die Kollegen einen solchen Menschen eigentlich wirklich? Nehmen sie ihn für voll, nehmen sie ihn wirklich wahr? Im schlimmsten Fall wissen die "Entscheider" nicht mal seinen Namen, sondern nennen ihn "dieser Nette" und fügen in Gedanken ein "dem man immer Arbeit aufdrücken kann, die keiner will" hinzu.

Lässt dieser Kollege sich tatsächlich alles gefallen, darf er sich nicht wundern, wenn der Rest der Bürobevölkerung ihn nicht respektiert. Doch vielleicht hat man es bei einem Pflegeleichten auch mit einer besonderen Spezies Kollege zu tun, mit einem äußerst gelassenen Menschen, der sehr wohl deutlich wird, wenn man ihm mal einen Haufen Akten hinfeuert und ihn für "lieb" hält - kurzum: wenn man seine Grenzen überschreitet. Denn die meisten Pflegeleichten haben schlicht keine Lust, ihre wertvolle Lebenszeit damit zu vergeuden, sich über Kollegen aufzuregen und lassen Macken oder Konflikte abprallen. Ein Kunststück, das einen Namen hat: Niederlächeln.

Die Quatschtante

Keine Frage, jeder plaudert gern mal einen Moment mit einem netten Kollegen in der Kaffeeküche oder auf dem Gang zwischen den Büros. Wo andere arbeiten und gelegentlich plaudern, ist es bei der Klatschtante - an dieser Stelle sei ausnahmsweise die weibliche Version als Grundvariante gestattet - genau andersherum: Sie tratscht und arbeitet gelegentlich. Dabei streunt sie gern durch die Gänge, vielleicht mit dem Vorwand, auf dem Weg zum Kopierer zu sein. An jedem Büro macht sie Halt und hält Plauderstunde - und beobachtet neugierig die Kollegen. Denn die lieben Bürogenossen sind ihr bevorzugtes Tratschobjekt. So kommen immer wieder Gerüchte in Umlauf, welche die routinierte Klatschtante, wenn es denn einmal wirklich nichts Rechtes zu tratschen gibt, einfach erfindet. Ob erfunden oder wahr, ihre Geschichten können viel anrichten. Abgesehen davon wird sie eigentlich für ihre Arbeit bezahlt, nicht für ihr Kaffeekränzchen-Talent. Umso ärgerlicher, wenn ein Chef hier nicht eingreift.

Die Klatschtante sollte man schon vorsichtshalber mit gebotener Höflichkeit behandeln, beim ersten Ansatz von Tratsch aber gleich auf die Uhr sehen und sich mit einem flotten Spruch der Kategorie "Kinder, wie die Zeit vergeht..." aus dem Staub machen. Es gilt: Niemals mittratschen, schon gar nicht über private Belange - weder eigene, noch die anderer Leute. Denn schneller, als einem lieb ist, kommt der Bumerang zurück - und dann mit dem neuesten Klatsch über einen selber.

Quelle: Welt Online