Journalisten-Überwachung

Wie Stasispitzel für die Telekom spioniert haben

Bei den Schnüffelaktionen für die Deutsche Telekom waren zwei ehemalige Stasimitarbeiter im Einsatz. In der verschwiegenen Branche plaudert man nicht. Doch jetzt, wo täglich neue Details in der Telekom-Affäre ans Licht kommen, packen die früheren DDR-Geheimdienstler bei WELT ONLINE aus.

Wenn Klaus-Diester Baier und Frank John ihren Job gut gemacht haben, bekommt niemand mit, dass sie am Werk waren – außer dem Auftraggeber. Die beiden Männer leiten das Berliner Sicherheitsunternehmen Desa und sind Profis. Baier und John haben ihr Handwerk bei der Stasi gelernt und bis zur „Lauschabwehr“ alles im Programm, was die Spähbranche anbietet. „Mindestens 30 Unternehmen aus den ,Top 400‘ der deutschen Wirtschaft konsultieren uns regelmäßig“, sagen die Desa-Chefs stolz. Darunter war, wenn auch über einen Mittler, die Deutsche Telekom – und damit beginnen die Probleme von Baier und John.

Die Telekom hat mindestens einen Journalisten bespitzeln lassen, und seit das aufgeflogen ist, stehen der große Konzern und die kleine Desa am Pranger. Bislang haben Baier und John geschwiegen. „Wir konnten uns nicht verteidigen und mussten uns schlachten lassen“, klagt Klaus-Dieter Baier. Denn wer in dieser verschwiegenen Branche plaudert, ist schnell erledigt. Doch jetzt, wo fast täglich neue Details und neue Vorwürfe bekannt werden, brechen die Desa-Chefs ihr Schweigen. Bei WELT ONLINE sprechen sie erstmals ausführlich über ihren Job und ihre Rolle in der Spitzelaffäre.


Der Deal von Konzern und den Berliner Schlapphüten hat alles, was einen echten Krimi ausmacht. Ein beunruhigend großes Sicherheitsleck hatten die Telekombosse im Jahr 2000 entdeckt, immer wieder wurden vertrauliche Informationen aus dem Unternehmen nach außen getragen – damit sollte Schluss sein. Der damalige Chefreporter der „Financial Times Deutschland“ (FTD), Tasso Enzweiler, war ins Visier geraten, weil er auffällig gut informiert war. Nach der Auffassung der Telekom zu gut für einen Außenstehenden. Sicherheitsexperten sollten das Problem lösen. Kein leichter Fall: „Ausgerechnet ein Journalist als Zielperson“, sagt dazu der Sicherheitsexperte eines anderen Unternehmens rückblickend. „Das sind immer besonders heikle Aufträge. Diese Zunft weiß nicht nur viel, sie weiß auch, wie man sich wehrt.“


Heute bereuen die Desa-Chefs denn auch, den Job je angenommen zu haben. „Fatal ist in einem solchen Fall, dass es sich um einen Journalisten gehandelt hat und damit die Grenzen für Ermittlungen noch enger gesteckt waren“, hat Frank John erkannt. Doch im Sommer 2000 steigt Desa erst mal ein und observiert Enzweiler, um seine Zuträger ausfindig zu machen.

Dabei sind die Späher selbst schillernder als der Ausgespähte. Denn die Desa-Chefs, die 1963 geborenen Baier und John haben eine Karriere in der Hauptabteilung II des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) hinter sich. „Ex-Stasileute schnüffeln für die Telekom“, titelte die FTD vor einer Woche. Nun bestätigt Klaus-Dieter Baier: „Wir haben im Alter zwischen 19 und 26 Jahren unsere Ausbildung beim DDR-Geheimdienst gehabt.“


Eine wirkliche Herausforderung wäre das Observieren von Journalisten weder für Baier noch für John. Denn beide sind im wahrsten Sinne des Wortes ausgezeichnete Schlapphüte. In Baiers Kaderakte der Birthler-Behörde, die WELT ONLINE vorliegt, heißt es: „Unterleutnant Baier ist eine wertvolle Stütze seines Leiters bei der Führung des Kollektivs und der Entscheidungsfindung im politisch-operativen Sicherdienst.“

Mit dieser Beurteilung wird am 7. September 1987 der Vorschlag für die Auszeichnung des SED-Mitglieds mit der „Verdienstmedaille der NVA“ in Bronze begründet. „Ich war natürlich nicht nur im Wachschutz, sondern im klassischen Sektor tätig“, sagt der ehemalige Geheimdienstler heute.

Auch John war nicht irgendein subalterner MfS-Mitarbeiter. Über ihn, der beim VEB Elektrokohle Lichtenberg Elektromonteur gelernt hatte, steht in den Akten der Birthler-Behörde: „Auf Grund seiner langjährigen Tätigkeit verfügt Unterleutnant John über einen großen Erfahrungsschatz als operative Sicherungskraft.“ Und an anderer Stelle heißt es in einer Beurteilung, John habe sich zu einem „der Partei und dem MfS treu ergebenen Genossen entwickelt. Er identifiziert sich mit seiner gegenwärtigen Tätigkeit“. Schließlich wird festgehalten, dass John ein Perfektionist ist, der „unnachgiebig die Abstellung von Mängeln fordert“.

Desa-Detektive erklären, wie Konzerne ermitteln lassen

Was genau Enzweiler von der Telekom vorgeworfen wurde und welche Befürchtungen im Konzern umgegangen sind, werden die Desa-Detektive wohl nie ganz erfahren haben. „Jedes deutsche Unternehmen kämpft damit, dass vertrauliche Informationen durchsickern. Und jeder große Konzern tut etwas dagegen. Aber es gehört zum Prinzip, dass bei der Verpflichtung externer Aufklärer immer mehrere Firmen beauftragt werden“, sagt ein Berliner Sicherheitsexperte.

Begründung: „Keiner soll sich ein volles Bild von den Problemen machen können. Das würde das Unternehmen angreifbar machen.“ So spricht Baier im Fall des Telekom-Auftrags denn auch von einem „eng definierten Arbeitsfeld“. Er sagt: „Wir waren da nicht in der Lage, Vorschriften zu machen, sondern nur ausführende Kräfte. Wir hatten unsere Vorgaben.“

Ebenfalls zum System gehört es, dass die Konzerne private Ermittler wie die Desa-Männer so gut wie nie direkt kontaktieren – jede Nähe zu den Schnüfflern wird in den Unternehmenszentralen tunlichst vermieden. Das wäre nicht gut für das Image und soll zudem davor schützen, zur Verantwortung gezogen zu werden, wenn die Detektive bei ihren Ermittlungen illegal vorgehen und auffliegen. „Ich kenne keinen Fall, wonach in den Vorstandszentralen jemals ein entsprechender Auftrag mit der Aufforderung zum Rechtsbruch verbunden war. Die sagen: Wir haben ein Problem, löst es. Wie ihr das macht, ist eure Sache“, erklärt ein privater Ermittler und Chef eines Sicherheitsunternehmens.

Telekom hat Desa-Detektive über Mittelsmänner beauftragt

So hatte auch die Deutsche Telekom die Desa nicht selbst beauftragt, sondern die Ausforschung des Lecks im Jahr 2000 einer der renommiertesten Adressen für Konzernsicherheit weltweit übertragen: der Wirtschaftsdetektei Control Risks. Die wiederum reichte den Job der Observierung weiter an Baier und John.

Die Stasivergangenheit der Desa-Chefs war in der Branche weithin bekannt, doch offenbar störte sie Control Risks nicht: „Warum auch, die Ost-Schlapphüte haben ihren Job gelernt, die haben einen Ruf bei den Kunden“, sagt ein Detektiv aus Berlin. Zudem sind Stasileute in der Branche nicht selten: Allein 1990 und 1991 gab es in Deutschland 120 Anmeldungen für Detekteien von ehemaligen Stasileuten. „In den Konzernvorständen wissen sie ohnehin nicht, was sich bei den Ermittlungen ganz genau abspielt. Die Berichte gehen immer an den Ermittlungsführer, und das war nicht die Telekom“, so ein Geheimdienstmitarbeiter.

Desa-Chef rechfertigt die Ermittlungen gegen Journalisten

Gezögert hatten die beiden Desa-Chefs damals nicht, den Wirtschaftsjournalisten Enzweiler ins Visier zu nehmen. „Es kann nicht toleriert werden, wenn in einem Unternehmen wie der Telekom Verrat begangen wird“, rechtfertigt Baier noch heute den Auftrag.

Dass illegale Methoden beim Ausspähen des Journalisten zum Einsatz kamen, bestreiten er und sein Partner heftig. „Das war klassische Observation und nicht illegal“, stellt Baier fest. „Der Einsatz von Technik beschränkte sich auf eine normale Handy-Cam, da haben wir das Foyer des Gebäudes gefilmt“ – gemeint ist die Vorhalle des Gebäudes, in dem Enzweilers Büro untergebracht war.

Die Späher sollten herausfinden, mit wem sich der Chefreporter der FTD traf und worüber dabei geredet wurde. „Dass die Desa illegale Methoden bestreitet, ist klar. Aber tatsächlich verzichtet die große Mehrheit der Firmen darauf. Man kann schnell auffliegen, dann ist die Karriere dahin. Und widerrechtlich beschafftes Material hat vor Gericht ohnehin keinen Wert“, sagt ein Sicherheitsexperte.

Dennoch wandelt die Branche meist zumindest am Rand einer Grauzone. „Nirgendwo ist der Datenschutz so streng wie in Deutschland. Wer alle Gesetze einhält, kriegt kaum was raus“, sagt der Sicherheitsexperte. Über Enzweiler hatten die Desa-Leuten jedoch eine Menge erfahren. Sie waren vor Ort, wenn der Postbote kam, und dabei, wenn der Reporter mit den Kindern im Wald spazieren ging – und alles wurde festgehalten. „In so ein Dokument schreibt man Details hinein, weil man das verkaufen muss“, sagt Frank John.

Selbst wenn die Telekom die Aktion heute noch teuer zu stehen kommt: Damals haben die Operationen gewirkt. Schon bald nach dem Einsatz stand erst einmal kaum noch Vertrauliches aus dem Konzern in den Zeitungen.

Quelle: Welt Online