Anti-Wall-Street-Bewegung erreicht Deutschland

Proteste am Sonnabend in Frankfurt und auf dem Hamburger Rathausmarkt geplant. Mehrere Tausend Teilnehmer erwartet

Hamburg. "Du bist hungrig? Iss einen Banker!" Mit sarkastischen Parolen wie diesen hält die Anti-Wall-Street-Bewegung seit Wochen Politik und Medien in den USA in Atem. Die Kritiker der internationalen Finanzszene campieren in Schlafsäcken in Manhattan, verpflegen sich in selbst eingerichteten Suppenküchen und senden ihre Botschaften zur gleichen Zeit via Facebook und Twitter in die ganze Welt.

Nun scheint diese Bewegung auch auf Deutschland überzugreifen. Für kommenden Sonnabend rufen das Bündnis Occupy: Frankfurt (Besetzt Frankfurt) und das globalisierungskritische Netzwerk Attac getrennt voneinander zu Protesten in der hessischen Bankenmetropole auf. In einem Demonstrationszug mit mehreren Tausend Teilnehmern wollen die Initiatoren zur Europäischen Zentralbank (EZB) marschieren und den davor liegenden Platz blockieren. Auch in Hamburg ist von Attac eine Versammlung geplant.

Die antikapitalistischen Motive der Aktivisten sind ganz ähnliche wie die ihrer Mitstreiter in den Vereinigten Staaten. "Wir protestieren gegen die Schäden, die das jetzige Wirtschaftssystem verursacht und fordern ein anderes, an den Bedürfnissen der Menschen ausgerichtetes System", sagt der Sprecher der Bewegung dem Abendblatt. Die immer größer werdende Kluft zwischen Arm und Reich müsse überwunden werden. "Es ist ein unhaltbarer Zustand, dass Staaten durch multinationale Unternehmen dazu genötigt werden, unfassbar hohe Summen zu deren Stützung aufzuwenden."

Occupy: Frankfurt hat sich bislang vor allem im Internet organisiert und rekrutiert laut Sprecher viele seiner Mitglieder aus der Hackergruppe Anonymous, die zuletzt durch Angriffe auf die Webseiten großer Firmen von sich reden machte. Mehrere Hunderttausend Besucher sollen die Internetseite der Organisation bereits aufgerufen haben, die Zahl der Fans bei Facebook beläuft sich gegenwärtig auf gut 3000.

Die Aktion am Sonnabend wird aber auch wesentlich vom globalisierungskritischen Netzwerk Attac organisiert. "Uns geht es vor allem um die Überführung der Banken in die öffentliche Hand, den Stopp der Sozialkürzungen in Deutschland und um mehr Mitbestimmung in der Demokratie", sagt der Koordinator der Proteste, Mike Nagler. In ganz Europa seien für diesen Tag Aktionen vorgesehen.

In Hamburg hat Attac für Sonnabend um 14 Uhr ebenfalls eine Protestversammlung auf dem Rathausmarkt angemeldet. Sie steht unter dem Motto "Echte Demokratie jetzt!" und ist nicht nur von den Demonstrationen an der Wall Street, sondern auch von der spanischen Demokratiebewegung inspiriert. "Wir erwarten zwischen 2000 und 3000 Teilnehmer", sagt Organisatorin Marie-Dominique Vernhes dem Abendblatt. Mit "persönlichen Rettungsschirmen" für die Bürger wollen die Globalisierungskritiker unter anderem gegen die Stützungsmaßnahmen der EU protestieren, die sie weniger als Hilfe für die schwächelnden Staaten wie Griechenland, sondern mehr als Hilfe für die Banken sehen.

Unterstützung für die Aktionen in Hamburg und Frankfurt kommt unter anderem von den Linken. Der Hamburger Landesverband will sich im Rahmen der Versammlung für die Bekämpfung der Armut in der Stadt, einen gesetzlichen Mindestlohn von zehn Euro und bezahlbaren Wohnraum einsetzen.

Auch die Dienstleistungsgewerkschaft Ver.di solidarisiert sich mit dem Aktionstag und der Anti-Wall-Street-Bewegung. "Ver.di fordert seit Langem eine Umverteilung des gesellschaftlichen Reichtums durch die Besteuerung hoher Vermögen und Einkommen, einen Privatisierungsstopp und eine wirksame Regulierung der Finanzmärkte", sagt der Hamburger Landesbezirksleiter Wolfgang Rose. Er selbst werde ebenfalls an dem Protest teilnehmen, kündigte Rose an.

Ein Sprecher der Hamburger Polizei erklärte, aus Sicht der Behörden gebe es trotz der Versammlung in unmittelbarer Nähe des Rathauses keine Bedenken gegen die Aktion.