Zwei Wochen im Hafen

Zoll: Wenn Chinesen Chinesen kopieren

Foto: Roehrbein, Ingo (Hamburg, DEU) / Roehrbein, Ingo (Hamburg, DEU)/Roe

Der Zoll hat in Deutschlands größtem Seehafen viel zu tun - und stößt immer wieder auf dreiste Plagiate wie Werkzeugkästen, Kettensägen oder Schuhe.

Hamburg. Der Arbeiter des Eurogate-Terminals nimmt einen Bolzenschneider zur Hand und knackt das gelbe Reedereisiegel am Fuß des Containers. Bevor er die Tür öffnet, hängt er eine Sicherheitskette in die Verriegelung ein. "Man weiß nie, was in so einem Behälter tatsächlich drin ist oder was beim Öffnen herausfallen könnte", sagt Zollamtsinspektor Markus Kleinert, 53. Gemeinsam mit seinem Kollegen Peter Müller, 47, ist er bei Eurogate am Waltershofer Hafen, um die Ausfuhr eines gebrauchten Autos zu kontrollieren.

Der Arbeiter öffnet die Tür. Ein penetranter Benzingestank entweicht dem Stahlbehälter, dessen Lüftungsschlitze abgeklebt sind. An der Tür steht ein alter Ford Transit, davor zwei weitere Wagen. An die aber kommen die Zollbeamten nicht heran, schon gar nicht in den Benzindämpfen. "Wir gehen in einen derart beladenen Container grundsätzlich nicht hinein, das wäre viel zu gefährlich", sagt Kleinert. "Atemgifte nehmen stark zu. Jeder dritte Container von Speditionen und Reedereien ist heutzutage mit Gas gefüllt, um die Ladung gegen Ungeziefer- oder Pilzbefall zu schützen." Um solche Gase zu identifizieren, braucht man Spezialisten aus der Umwelttechnik. Warum der Container abgedichtet ist, wissen die Beamten nicht.

Die Stahlkiste mit Zielort Tiflis in Georgien können die Zöllner an diesem Morgen nicht freigeben. Der Mercedes im vorderen Teil der Box lässt sich nicht identifizieren. "Der Ausführer dieses Transports muss entscheiden, wo er den Container entlädt, damit das Fahrzeug für uns zugänglich wird", sagt Müller. "Den informieren wir nachher."

Den Zoll bringt man vor allem mit der Einfuhrkontrolle von Waren in Verbindung. Doch grundsätzlich alles, was über den Hamburger Hafen importiert oder exportiert wird, muss für den Zoll jederzeit zugänglich sein. Müller und Kleinert leisten Außendienst für die Abfertigung Ericus des Zollamtes Waltershof, das zum Hauptzollamt Hamburg-Hafen gehört. Die Papiere, die sie während ihrer Schicht an diesem Tag dabeihaben, enthalten vor allem Aufträge für Fahrzeugkontrollen. Bei einer Containerpackerei überprüfen sie zudem, ob aus einer Lieferung von Werkzeugkästen aus China die Umverpackungen aus Pappe entfernt und für die Entsorgung vorbereitet wurden. Die Verpackungen enthalten ein Signet des TÜV Rheinland, das gefälscht ist. "Das gaukelt dem späteren Kunden Sicherheit vor, die es nicht gibt", sagt Müller.

Nach dem Termin bei Eurogate fahren die Beamten zum Schwergut- und Automobilterminal von BUSS. Etliche Altautos stehen dort in Reih und Glied für den Transport nach Westafrika - ein im Hamburger Hafen gängiges Exportgut. Müller und Kleinert müssen zwei Wagen überprüfen: einen alten Mercedes-Transporter und einen Audi-Kombi. Beide Wagen sind vollgestopft. Für den Mercedes, der in Togos Hauptstadt Lomé gehen soll, hat der Exporteur als Zuladung Autoteile deklariert. Zwei Afrikaner, die in einem Wagen mit Kieler Kennzeichen angereist sind, müssen den Transporter zur Hälfte von den Autotüren, bereiften Felgen und anderen Teilen entladen. Auch eine alte Matrizendruckpresse von Pelikan ist dabei. "Die Ladung hier geht in Ordnung", sagt Kleinert. Die beiden Männer können den Kleinbus wieder beladen.

Ein Arbeiter von BUSS hat unterdessen den Kombi ausgeräumt. Vor dem Auto liegen Aluminiumbauteile mit Ventilatoren darin, offenbar von einer Klimaanlage. "Die Ladung ist hier nicht deklariert", sagt Müller, bevor er die Motornummer des Audi mit der in seiner Unterlage abgleicht. Zumindest die stimmt. Aber der Exporteur muss die Ladung nachträglich anmelden. Mitarbeiter des Außendienstes werden in dieser Sache vor der Verschiffung noch einmal bei BUSS vorbeischauen.

Unkomplizierter ist die Kontrolle einer Harley-Davidson, die beim Container-Packterminal DCP für die Heimreise nach Neuseeland vorbereitet wird. Sie steht auf einem Alurahmen, darüber ist Karton gestülpt und befestigt. Die Motornummer stimmt, der Rückreise nach Auckland steht nichts im Wege. Offenbar hatte der Eigner Wert darauf gelegt, auf seiner eigenen Maschine durch Europa zu touren. Aber auch hinter solch harmlosen Fällen können sich Ausfuhrvergehen verbergen. "Sie führen eine alte Maschine ein und eine neue unverzollt wieder aus", sagt Kleinert. "Denkbar wäre ebenso auch ein alter Klepper, den jemand hier gegen ein teures Rennpferd eintauscht."

An jedem Tag des Jahres rund um die Uhr ist der Zoll einsatzbereit. Mit sieben bis acht Teams arbeitet die Ausfuhrstelle Ericus etwa 50 Aufträge am Tag ab, Stichproben, die im Zollamt Waltershof aus den Ausfuhranträgen herausgezogen werden, Wiederholungskontrollen, Hinweise auf mögliche Straftaten, woher diese auch immer stammen mögen. Und zumeist kommt der Zoll nicht mit Anmeldung.

Anja Brübach, 43, wiederum, die ebenfalls für die Abfertigung Ericus arbeitet, beschäftigt sich beim Zollamt Waltershof vor allem mit Importgütern. "Gewerblicher Rechtsschutz" nennt sich ihr Fachgebiet, mit dem Hersteller vor Markenpiraterie geschützt werden sollen, einem Verbrechen, das deutschen Unternehmen jährlich Milliardenschäden verursacht. Fast 80 Prozent der 2010 in Deutschland aufgegriffenen Plagiate stammen aus China.

Auf dem Tisch eines Konferenzraums in der Abfertigung Veddel liegen Kettensägen und andere Produkte, die der Hamburger Zoll bei Kontrollen sichergestellt hat. In Form und Farbe ähneln die Sägen den Produkten des Marktführers Stihl. Aber weder sind es Stihl-Sägen, noch ist das Siegel des TÜV Rheinland auf der Verpackung echt. "Unternehmen können für ihre Produkte bei der Zentralstelle Gewerblicher Rechtsschutz in München Markenschutz beantragen", sagt Brübach. "Wenn wir verdächtige Produkte aufgreifen, sei es bei Stichproben an den Zollabfertigungen, mithilfe der Zollfahndung oder aufgrund von Hinweisen, schreiben wir den Halter des Markenrechts an. Er kann dann innerhalb von zehn Tagen beantragen, dass die Ware aus dem Verkehr gezogen und vernichtet wird - auf seine Kosten."

John-Carsten Lindemann, 52, der eng mit Brübachs Abteilung zusammenarbeitet, hat sich darauf spezialisiert. Der Inhaber des Containerverpackungs-Unternehmens J.C. Lindemann auf dem Veddeler Damm stellt dem Zoll seine Anlage und das Wissen seiner Mitarbeiter zur Verfügung. Wenn der Zoll Ware sicherstellt, muss sie zwischengelagert werden, bis entschieden ist, ob sie vernichtet wird oder wieder freigegeben werden kann. Und Lindemann hat den nötigen Platz, wenn große Warenmengen kontrolliert werden.

Ein solcher Fall brachte den Unternehmer im Jahr 2006 mit dem Zoll ins Geschäft. Hamburger Zollbeamte klärten damals den bislang weltweit größten Fall eines Plagiatsverbrechens auf. In insgesamt 117 Containern kamen mehr als eine Million Paar gefälschter Sportschuhe, Imitate der Marken Puma, Nike und Adidas, in die Hansestadt, außerdem etliche andere Raubkopien. Die Produkte hätten einen Handelswert von 383 Millionen Euro gehabt.

Ein breites Spektrum von Plagiaten wird von Fälschern in den Markt gedrückt. Immer wieder ist es Kinderspielzeug, das zum Teil lebensgefährliche Materialien enthält. Aber die Raubkopierer erschließen auch neue Märkte in kürzester Zeit. "Bevor in Deutschland 2010 die Solarförderung abgesenkt wurde, ging die Nachfrage nach Solarmodulen noch einmal stark herauf", sagt Lindemann im Konferenzraum der Zollstelle. "Dann wurden etliche Plagiate aus China abgefangen - Chinesen hatten dabei Chinesen kopiert."

Lindemann besitzt mittlerweile viel Erfahrung bei der Vernichtung von Plagiaten. Mobiltelefone etwa müssen zum Zerstören angebohrt werden, um sie anschließend als Elektronikschrott verwerten zu können. Andere Produkte lassen sich besser mit einem 21-Tonnen-Raupenbagger untauglich machen. Auch die Million Turnschuhe aus China führte Lindemann der Verwertung zu. Sie wurden geschreddert. Das Granulat ging anschließend zu einer sozialen Einrichtung nach Belgien. Dort sollte mit dem Kunststoff ein Fußballplatz ausgelegt werden. "Hat nicht funktioniert", sagt Lindemann, "selbst dafür war das Material zu schlecht."

Mit dieser Folge endet die Abendblatt-Serie "Zwei Wochen im Hafen"