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Der Musik-Kopierschutz wird abgeschafft

Foto: mv_ab_gr / dpa

Der Musikkonzern EMI wird ab Mai Stücke auf iTunes anbieten, die kopiert werden können. Das ist eine Revolution für die Branche. Und wieder ist Apple-Chef Steve Jobs mittendrin.

Eric Nicoli tat so, als wäre er verwundert darüber, dass der Andrang bei der Pressekonferenz von EMI und Apple so groß war. Das habe es ja noch nie gegeben, sagte der EMI-Chef, „dass die Leute von den Deckenbalken hängen“. Er sei nicht sicher, ob es entsprechende bauliche Belastungstests gegeben habe. Andererseits gehe es „um einen wichtigen Schritt“ für EMI. Das Geschäft habe sich für den Konzern wie auch für die Musikindustrie insgesamt dramatisch verändert. EMI, weltweit Nummer drei der Branche, stehe vor „massiven Herausforderungen“.

Darum braucht die Branche neue Impulse, findet Nicoli. Helfen soll Steve Jobs. Der Apple-Chef war eigens nach London gereist, was als Indiz für eine wesentliche Nachricht interpretiert werden konnte. Der Verdacht war berechtigt: Nicoli und Jobs kündigten an, dass EMI ab Mai Musik und Musikvideos ohne Kopierschutz über Apples Online-Musikshop iTunes verkaufen wird. Per Stück kosten die Songs, die in besonders hoher Audio-Qualität angeboten werden, 1,29 Euro. Man kann sie auf CD brennen, man kann sie per E-Mail verschicken und in (theoretisch) unendlicher Zahl klonen. Ohne sich strafbar zu machen: Auch nach deutschem Recht ist es lediglich verboten, erst einen Kopierschutz zu knacken und dann zu kopieren.

Damon Albarn geht voran

Zuerst gibt es Songs ohne Kopierschutz der bei EMI unter Vertrag stehenden Band „The Good, The Bad & The Queen“ (ein Projekt von Blur-Frontmann Damon Albarn, Blur-Ersatzgitarrist Simon Tong, dem Ex-Clash-Bassisten Paul Simonon und Schlagzeuger Tony Allen): Die Popgruppe trat bei der Präsentation in London auf und verkauft auf ihrer Website Songs des neuen Albums ohne Kopierschutz. Als er Albarn von den EMI-Apple-Plänen erzählte, sagte Nicoli, habe der seine Zustimmung in zwei Worten ausgedrückt: "Das zweite war 'brilliant'. Und das erste war nicht 'jolly'." Ab Mai soll der gesamte Musikkkatalog von EMI folgen, darunter die Rolling Stones und Norah Jones. Einzige Ausnahme bislang: die Lieder der Beatles. Aber auch die sollen bald als Downloads zu haben sein "Wir arbeiten daran", sagte Eric Nicoli, "wir hoffen, dass es bald so weit sein wird".

Für die DRM-freien Titel versprechen die Unternehmen eine doppelt zu hohe Qualität im Vergleich zu kopiergeschützter Musik. So sollen die Musikstücke mit 256 Kilobit pro Sekunde komprimiert werden. Bislang waren 128 Kilobit Standard. Den Unterschied dürften allerdings nur Menschen mit sehr geschulten Ohren bemerken.


Furchtbare Jahre


Die Musikindustrie hat furchtbare Jahre hinter sich. Die Verbreitung des Audio-Formats MP3 und Musiktauschbörsen wie weiland Napster haben Umsätze wie auch CD-Absatz drastisch einbrechen lassen. Zwar haben die Umsätze mit legalen Musikdownloads deutlich zugelegt. Allein in Deutschland lag 2006 das Plus gegenüber dem Vorjahr bei 40 Prozent. Doch den Absturz des CD-Geschäfts hat das bislang nicht ausgleichen können.

Im Januar, erzählt Nicoli, hat EMI getestet. Probanden wurden zwei Angebote gemacht: Musik mit Kopierschutz, dafür billig, und Musik ohne Kopierschutz, 30 Prozent teurer. Die meisten entschieden sich für das zweite Angebot. Das Verhältnis zwischen Verkäufen von kopiergeschützten Titeln zu Songs ohne Kopierschutz lag bei eins zu zehn.

Erste Versuche bei Yahoo

Schon im Dezember hatte EMI bei Yahoo Titel bekannter Künstler im MP3-Format angeboten; auf der Musikmesse Midem hatten EMI-Manager die Idee, auf Kopierschutz zu verzichten, vorsichtig ventiliert. Dass EMI nun tatsächlich den Kopierschutz abschafft ist wie ein Erdbeben, das die ganze Branche erschüttern wird.

Apple wird die Musik ohne Kopierschutz im AAC-Format zum Download anbieten. Die bei iTunes gekauften Datein können künftig auf iPods, Apple- wie auch Windows-Computern "ebenso wie auf vielen anderen digitalen Musikspielern" abgespielt werden, heißt es in einer Mitteilung von Apple.

Update löscht Kopierschutz

Gleichzeitig gibt es für bereits erworbene EMI-Titel die Möglichkeit eines "Updates": Zum Preis von 30 Cent kann jeder kopiergeschützte EMI-Song durch einen ohne Kopierschutz und mit höherer Qualität ersetzt werden. Kopiergeschützte Musikstücke sollen bei iTunes weiterhin für 99 per Stück Cent verkauft werden. "Der Verkauf von DRM-freier Musik ist für die Musikindustrie der richtige Schritt nach vorne", sagte Steve Jobs.

Für Apple ist der revolutionäre Schritt nicht ohne Risiko. Der Apple-Chef allerdings bestreitet das: Man habe ja immer schon bei iTunes Musik kaufen und sie auf jedwedem Gerät abspielen können, sagte Jobs in London, auch wenn das „ein bisschen schwierig“ war. Das ist untertrieben: iTunes verkauft bislang ausschließlich kopiergeschützte Musik, die ausschließlich auf iPods von Apple läuft (und auf Computern, die mit iTunes-Software ausgerüstet sind). Wer iTunes-Musik anderweitig hören will, muss die iTunes-Dateien auf eine CD brennen und diese dann „rippen“, die Musik in MP3-Dateien wandeln. Das ist möglich, aber mühsam. Und es ist rechtlich nicht in Ordnung.

Druck auf den Marktführer

Bislang hat Apple eine international marktbeherrschende Stellung, beim Online-Vertrieb von Musik wie auch im Geschäft mit Festplatten-Abspielgeräten. Das eine bedingt das andere, weil das System geschlossen ist – bis Mai, wenn EMI-Musik im MP3-Format bei iTunes verkauft wird. Dann kontrolliert Apple nicht mehr die komplette Wertschöpfungskette. Aber das macht nichts, sagt Jobs: „Ich sehe nicht, dass hier eine Verbindung unterbrochen würde.“ Apple werde weiter punkten mit dem „besten und am einfachsten zu nutzenden Online-Musikshop und dem besten und am einfachsten zu nutzenden Musik-Player“.

Die Frage ist, ob das wirklich reicht. Exklusivität gibt es für Apple künftig nicht mehr. Jeder Anbieter kann beizeiten EMI-Musik im MP3-Format anbieten – auch neue Unternehmen, denn der Markteintritt wird leichter, weil sich der technische Aufwand verringert. Für EMI ist Apple nur der erste Partner. Nicht der einzige.

Klagedrohung gegen Apple

Dass Apple sich darauf einlässt liegt möglicherweise auch daran, dass Verbraucherschutzorganisation Apple mit Klagen gegen den iTunes-Kopierschutz gedroht hatten. Der Marktführer im Online-Musikvertrieb müsse sicherstellen, dass bei iTunes gekaufte Musik auch auf Playern anderer Hersteller laufen müsse. Daraufhin hatte sich Apple-Chef Jobs in einem onlin veröffentlichten Essay für die Abschaffung des Kopierschutzes ausgesprochen. Dass er das Ernst meint, mochten ihm indes nicht jeder glauben.

Die Musikbranche hatte sich bislang gegen die Abschaffung des Kopierschutzes gewehrt, aus Furcht davor, dass bei unbeschränkter Kopierfähigkeit von Musikstücken die Absätze von CDs und kostenpflichtigen Musikdonwloads weiter erodieren würde. "Dass EMI zusätzlich zum DRM-geschützten Titel eine DRM-freie Premium-Version zu höheren Preisen anbietet, ist ein spannender Test“, sagte ein Sprecher des internationalen Phonoverbands IFPI. Trotzdem: „Das EMI-Angebot ändert nichts an unserer Forderung, dass die Anbieter von Download-Shops wie iTunes oder Musicload ihre DRM-Systeme untereinander kompatibel machen sollen, um so ihre Angebote verbraucherfreundlicher zu gestalten", sder IFPI-Sprecher.

Experten glauben, dass der Apple/EMI-Deal Signalwirkung haben wird. Es erhöhe den Druck auf die anderen großen Musikkonzerne, einen ähnlichen Weg einzuschlagen. Zudem erwarten Beobachter, dass der Verkauf von Online-Musik bei iTunes jetzt stark ansteigen wird. In den USA trägt der Online-Verkauf bislang zu etwa 15 Prozent zum Gesamtumsatz der Branche bei. „Fällt der Kopierschutz, wird die Musikindustrie erleben, dass es viele neue Unternehmen geben wird, die in den Aufbau von innovativen, neuen Online-Musikläden investieren“, hatte Jobs im Februar gesagt.

Quelle: Welt Online