Q-Cells

Boomgeschichte aus Bitterfeld

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In Sachsen-Anhalt ist der Traum von den blühenden Landschaften Wirklichkeit geworden. Das berüchtigten Industriegebiet um Bitterfeld steht mittlerweile Gründergeist und High-Tech. Q-Cells ist hier zum zweitgrößte Solarhersteller der Welt aufgestiegen.

Für Bernhard Bebber aus Vockerode in Sachsen-Anhalt war es ein „echter Hauptgewinn“. Der 53-jährige Zerspanungsfacharbeiter hat einst beim Waggonbau Dessau gearbeitet, war dann über ein Jahr arbeitslos. Jetzt arbeitet er als Operator an der Produktionslinie IV bei Q-Cells in Thalheim. Für Bernhard Bebber gab es Blumen und eine kleine Feier – er ist der 1000ste Mitarbeiter des schnell wachsenden Solarzellenherstellers. „Da werden noch einige Feiern auf uns zu kommen“, sagt Chief Operations Officer Thomas Schmidt, der für die Produktion zuständige Vorstand. Produktionslinie V ist gerade im Bau, die Nummer VI in der Planung. Bis Jahresende soll die Mitarbeiterzahl auf 1500 steigen, bis 2010 auf mehr als 5000.

Q-Cells ist eine deutsche Erfolgsgeschichte, die typisch ist für die wieder gewonnene Stärke der deutschen Wirtschaft. In der Thalheimer Solarfabrik kristallisiert sich das Erfolgsmuster: wie viele andere deutsche Mittelständler auch hat Q-Cells auf dem hart umkämpften Weltmarkt eine lukrative Nische gesucht. Das Unternehmen steht auch für Gründergeist und High-Tech. Und nicht zuletzt ist auch der Traum vom Aufbau Ost, von den blühenden Landschaften, hier in Thalheim am Rande des Industrieparks Bitterfeld-Wolfen Realität geworden. Q-Cells ist das Unternehmen, von dem Politiker und Wirtschaftsförderer, Arbeitnehmer und Börsianer immer geträumt haben. '

Im Sommer 2001 lief in Thalheim die erste Solarzelle vom Band, 19 Leute arbeiteten damals in dem Start-Up-Unternehmen. Heute produziert die Firma 70 Millionen Solarzellen im Jahr und ist nach dem japanischen Sharp-Konzern der zweitgrößte Solarhersteller der Welt. Q-Cells gehört zu den wachstumsstärksten Unternehmen in Europa. Jedes Jahr hat es seine Mitarbeiterzahl verdoppelt. In einem Regal im Flur der Vorstandsetage stapeln sich die Preise, Pokale und Plaketten: deutscher Gründerpreis, „Entrepreneur des Jahres“, „Arbeitsplatzinvestor-Preis“ und der Pokal für das am schnellsten wachsende Technologieunternehmen Deutschlands. Der Umsatz explodierte in den vergangenen fünf Jahren um 33000 Prozent. Aber selbst dieser gigantische Zuwachs reichte nicht für den Titel des Europa-Meisters. „So ne Softwarebude aus England ist noch stärker gewachsen“, brummelt Q-Cells-PR-Mann Stefan Dietrich.

Ohne Heuschrecken und Subventionen ginge nichts

1999 gründeten drei Solar-Enthusiasten aus Berlin und ein McKinsey-Berater Q-Cells. Das Geld gaben der Wella-Erbe Immo Ströher und eine reiche Kaufhausdynastie, Wagniskapitalgesellschaften und Private-Equity-Fonds – und die Apax-Fondsgesellschaft, von der SPD als gieriger Heuschrecken-Investor gebrandmarkt. „Ohne diese Heuschrecke gäbe es das alles hier nicht“, sagt PR-Mann Dietrich und zeigt auf die blitzenden Monitore, Maschinen und Bänder der Produktionslinie IV. 2005 geht Q-Cells an die Börse, die Emission ist 40-fach überzeichnet. Der Börsenkurs hat sich seitdem mehr als verdoppelt. Einige Investoren der ersten Stunde haben bereits Kasse gemacht und sich aus dem Unternehmen verabschiedet.

Der Boom in Bitterfeld ist auch eine Geschichte der Subventionen. Sachsen-Anhalt, Bund und EU übernahmen rund die Hälfte aller Investitionskosten. Auch der Absatz der Solarzellen wird indirekt subventioniert. „Das in Deutschland geltende Gesetz für den Vorrang erneuerbaren Energien (EEG) ist einer der wichtigen Faktoren für das Wachstum und die derzeitige Profitabilität der Gesellschaft“, heißt es im Emissionsprospekt der Gesellschaft 2005. Das EEG garantiert die Abnahme von Solarstrom über Jahrzehnte hinweg zu einem Fixpreis weit über den Marktpreis von Strom. Für die Besitzer von Solaranlagen ein lukratives Geschäft, für Q-Cells auch.

Rund um Q-Cells ist mittlerweile ein kleines „Solar Valley“ entstanden. Joint Ventures mit Australiern und Norwegern siedelten sich in der Nähe an, Zulieferer zogen nach. In der nahen Universitätsstadt Halle planen das Land und die Fraunhofergesellschaft ein Forschungszentrum für Silizium-Photovoltaik. „Mittlerweile stammen nahezu zehn Prozent der weltweiten Solarzellenproduktion aus Sachsen-Anhalt“, sagt der Magdeburger Wirtschaftsminister Reiner Haseloff. Mit dem neu gegründeten Zentrum wolle die Landesregierung „die Zukunftsbranche stärken und die Attraktivität der Region für weitere industrielle Ansiedlungen erhöhen“. Q-Cells-Finanz- und Personalvorstand Hartmut Schüning ist überzeugt: „Das hier wird der größte Photovoltaik-Standort der Welt.“ Und Q-Cells ist mittendrin.

Unter Gleichgesinnten im „Solarvalley“

Warum gerade hier? 1909 hatte Agfa in Wolfen eine Filmfabrik gegründet. Zu DDR-Zeiten war hier der größte Standort für Photo und Chemie. Das nahe gelegene Bitterfeld, mit seinem Chemiekombinat als „dreckigste Stadt Europas“ zu zweifelhaftem Ruhm gelangt, ist nach der Wende ein wichtiger Chemiestandort geblieben. Mit Solar hatten die Foto- und Chemiearbeiter zwar nichts zu tun, dafür aber mit Belichtungsvorgängen und Beschichtungen, heißt es bei Q-Cells. Und noch einen Standortvorteil nennt Personalvorstand Schüning: „Die Leute sind Schichtdienst gewohnt.“ Für die Solarfabrik ist das wichtig, sie produziert rund um die Uhr. Aber in erster Linie lockten wohl die Subventionen. Für Investoren rollt Sachsen-Anhalt den roten Teppich aus. „Wenn wir eine Fabrik hochziehen wollen, ist der Bau in eine paar Wochen genehmigt“, sagt Schüning. Eine Bushaltestelle vor dem Werkstor? Auch das ist schnell erledigt.

Viele Unternehmen klagen über Fachkräftemangel, Q-Cells nicht. Sicher, die Versorgung mit hoch qualifizierten Fachkräften, mit Technikern, Ingenieuren, EDV-Spezialisten oder Controllern ist nicht ganz einfach. Der Standort Bitterfeld ist nicht gerade das, was sich ehrgeizige Hochschulabsolventen nach ihrem Prädikatsexamen als Karriererampe erträumen. „Die Techniker sammeln wir auf der ganzen Welt ein“, erzählt Schüning. Doch mittlerweile wissen die Photovoltaiker: im „Solarvalley“ sind sie unter Gleichgesinnten. Auch sechs Jahre nach Gründung weht immer noch ein Hauch von Aufbruchstimmung durch die Firma. Krawatten sind nicht zu sehen, die Mitarbeiter duzen sich von der Putzfrau bis zum Chef, über Aktienoptionsprogramme sind alle am Erfolg beteiligt.

Mitarbeiter für die Produktion zu finden, ist kein Problem. „Im Umkreis von 100 Kilometer leben 200000 Arbeitslose“, sagt Schüning. Mehr als 3000 Blindbewerbungen erreichen das Unternehmen jeden Monat. Ein Job bei Q-Cells ist eben nicht nur für Bernhard Bebber ein Sechser im Lotto.

Quelle: Welt Online