MySpace-Gründer Anderson

Der Mann mit mehr als 200 Millionen Freunden

| Lesedauer: 6 Minuten
Jürgen Stüber

Foto: Christian Hahn

MySpace ist das größte soziale Netzwerk der Welt. MySpace-Gründer Tom Anderson berichtet auf WELT ONLINE, wie alles angefangen hat – und wie es die nächsten Monate weitergeht. Dabei sagt er das Ende der E-Mail voraus. Die Musikindustrie hat für ihn allerdings noch eine Zukunft.

WELT ONLINE: Kein Mensch hat mehr Freunde als Sie.


Tom Anderson: Kann schon sein.


WELT ONLINE: Wie viele sind es?


Anderson: Ich glaube so um die 235 Millionen.


WELT ONLINE: Jeder MySpace-User kennt Ihr Gesicht. Zeigen Leute in Los Angeles mit dem Finger auf Sie und sagen: Hey, da ist der Tom von MySpace?


Anderson: In Los Angeles sind die Menschen gewohnt, bekannte Leute zu treffen. Da kann es sein, dass Brad Pitt die Straße herunter läuft. Sie sagen nichts. Aber wenn ich in Hawaii bin oder in Arizona kann das schon passieren.


WELT ONLINE: Was war die Idee, als Sie MySpace gründeten?

Anderson: In dieser Zeit kamen die Freunde-Seiten auf. Die Leute unterhielten sich auf diesen Seiten miteinander und schickten denen Einladungen, die noch nicht dabei waren. Ich hatte den Eindruck, auch wir könnten so etwas machen, was schnell wächst, den Nutzer nichts kostet und von ihm erstellt und mit seinen Inhalten gefüllt wird. Aber wir wollten mehr sein als ein soziales Netzwerk.


WELT ONLINE: Warum ist MySpace so schnell gewachsen?


Anderson: Die Leute in den USA, wo wir anfingen, kannten so etwas nicht. Und MySpace war mehr als so eine Dating-Seite. Bei uns konnte man mehr machen. Deshalb heißt MySpace auch „A place for friends“, eine Seite für Freunde. Den Leuten hat das gefallen.


WELT ONLINE: Aber 2005 haben Sie und Chris DeWolfe die Firma an Rupert Murdochs News Corp. verkauft. Warum?


Anderson: (lacht) Die haben uns eine Menge Geld gezahlt.


WELT ONLINE: Wie viel?


Anderson: 580 Millionen Dollar oder so. Ich kann das nicht genau sagen. Ich weiß nur noch, was mein Anteil war.


WELT ONLINE: Wie hat das Ihr Leben verändert?

Anderson: Nicht wirklich. Wir hatten schon vorher eine Firma, die wir verkauft haben. Ich hätte mich schon vor MySpace zur Ruhe setzen können. Das könnte ich jetzt wieder machen. Aber ich arbeite weiter und möchte meinen Job nicht aufgeben, weil er mir so gut gefällt. Ich habe das Geld noch gar nicht genießen können.

WELT ONLINE: Hat sich Fox-Chef Rupert Murdoch nach dem Verkauf in Ihre Geschäfte eingemischt?

Anderson: Das tat er nicht. Von Fragen, was wir mit der Website machen wollten, hat er seine Finger gelassen. Etwas anderes hätte ich auch nicht mitgemacht.

WELT ONLINE: Könnten Sie sich vorstellen, an einem Ort ohne Internet zu leben?

Anderson: Eher nein. Internet ist ein Kommunikationsmedium wie ein Telefon, eine SMS oder E-Mail. Die Leute benutzen das. Vor allem junge. Bei ihnen sehen wir übrigens den Trend, dass sie keine E-Mails mehr benutzen. E-Mail ist etwas sehr Elitäres, das man benutzt, wenn man sich irgendwo registriert. Junge Leute nutzen lieber MySpace als E-Mails.

WELT ONLINE: Wie sieht die Zukunft von sozialen Netzwerken aus?

Anderson: Ich denke, dass MySpace wahrscheinlich früher oder später irgendwie Telefonie, Text-Messaging und E-Mail integrieren und die E-Mail ersetzen wird. E-Mail ist noch immer die Killer-Applikation im Internet.

WELT ONLINE: Musik spielt auf MySpace eine wichtige Rolle...

Anderson: Es waren die Musiker, die zu MySpace kamen, um Kontakt mit Leuten aufzunehmen. Als wir das sahen, machten wir MySpace-Profile für sie, integrierten einen Musik-Player, machten eine Musik-Seite auf MySpace und so weiter.

WELT ONLINE: Hat MySpace die Musikindustrie revolutioniert?

Anderson: Ich glaube ja. Sich Musik im Internet anzuhören war revolutionär. Aber die Anführer dieser Revolution waren die Musiker. Wir können die Lorbeeren dafür nicht einheimsen.

WELT ONLINE: Wie hat MySpace die Pop-Kultur verändert?

Anderson: Ich weiß nicht, ob wir sie verändert haben, wir haben sie aber sehr zugänglich gemacht. Es ist durch MySpace viel einfacher geworden zu erfahren, was in Lifestyle-Bereichen wie Mode und Musik angesagt ist. Wenn man etwas im Fernsehen gesehen oder gelesen hat, ist das da nicht so umfassend abgebildet wie in einem MySpace-Profil: Da ist diese Person, ihre Freunde, worüber sie reden, was sie anziehen, wo sie sich treffen. Das gibt einem einen sehr visuellen, authentischen Eindruck, wie Kulturen und Subkulturen aussehen.

WELT ONLINE: Wird es künftig noch Plattenfirmen geben?

Anderson: Ich glaube schon. Bekannterweise wird Musik ja überall gestohlen. Wenn die Industrie sich darauf nicht einstellt, wird Sie aufhören zu existieren. Und deshalb wird das Wesen der Plattenverträge nicht sein, weiter Geld mit Plattenverkäufen zu machen, sondern sich einen Anteil vom Merchandising und Tourneen zu nehmen.

WELT ONLINE: Was würden Sie ihren Kollegen von EMI, Sony BMG und Co. raten?

Anderson: Macht weiter gute Musik! Wie Sie wissen, sind wir mit Sony BMG, Universal Music Group und Warner Music Group ein Joint Venture eingegangen. Wir versuchen, auch den vierten, EMI, ins Boot zu bekommen.

WELT ONLINE: Zurzeit arbeiten Sie am Redesign von MySpace?

Anderson: Drei oder vier Monate brauchen wir noch. Es geht um zwei große Dinge: die User-Homepage und die Profile-Seite. Unsere Idee für die neue User-Homepage geht mehr in die Richtung individualisierter Websites. Man wird verschiedene Elemente auf die Seite stellen und dort verschieben können.

Grundsätzlich kann man Nachrichten, Wetter, Musik und verschiedene E-Mail-Accounts – alles was einen interessiert – auf die Seite ziehen. So wird die MySpace-User-Homepage zur Startseite für das Internet. Und das zweite ist, dass die Profil-Seite zur Visitenkarte wird. Das bedeutet, dass man jemandem statt seiner Mail-Adresse die MySpace-Adresse gibt und sagt, „Hier findest du mich“.

Quelle: Welt Online

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