Vorträge

So reißen Sie auch träge Zuschauer vom Hocker

Albtraum für jeden Redner: Die eine Hälfte der Zuhörer ist eingeschlafen und die andere Hälfte wartet darauf, endlich das Buffet stürmen zu können. Damit Ihnen solch Erlebnisse erspart bleiben, zeigt WELT ONLINE, worauf es bei einem fesselnden Vortrag ankommt – und warum Powerpoint-Folien überschätzt sind.

Gute Konferenzen können wertvolle Erkenntnisse bieten – doch allzu oft erweisen sie sich als ärgerliche Zeitverschwendung. Es gilt die Faustregel: Die Hälfe aller Konferenzen gehen ins Leere – nur welche Hälfe? Sven Nagel, Partner der Agentur SWOP, setzt alles daran, zur erfolgreichen Hälfte zu gehören. Und er weiß was er tut, er verdient sein Geld damit. Einer der drei Geschäftsbereiche des noch jungen Unternehmens ist die Gestaltung von "Ereignissen". Gerade hat Nagel die Organisation der "Master-Konferenz 2008" beschäftigt. Da galt es Vorträge, Podiumsdiskussionen und praxisorientierte Workshops so vorzubereiten, dass die Teilnehmer die neuesten Erkenntnisse zur Einführung der vielfältigen Master-Studiengänge erhalten. Immer im Blick hat Nagel dabei den Nutzwert: "Die Teilnehmer sollen anwendbare Informationen mitnehmen, Anregungen erhalten und von Erfahrungen profitieren, die sie auf ihrem Gebiet anwenden können." Bereits seit November hatten Nagel und sein Team an der Konzeption und Organisation gefeilt, denn jede Konferenz ist eine logistische Herausforderung: "Vom Come together nach einem anregenden Konferenztag und der Gestaltung einer entspannten Abendveranstaltung über einen reibungslos funktionierenden Internetzugang bis hin zur Vermeidung von Engpässen an der Garderobe."

Doch im Zentrum einer jeden erfolgreichen Konferenz stehen natürlich die Referenten. "Selbstverständlich wünschen auch wir uns prominente Namen auf der Referenten-Liste, denn die bedeuten immer eine gewisse Zugkraft. Doch wieder gilt: Bei der Auswahl der Referenten ist der Teilnehmer-Nutzen ausschlaggebend."


Das zu hören dürfte Professor Hartwig Eckert freuen, denn der emeritierte Professor für Sprachwissenschaften beklagt: "Zu viele Teilnehmer verlassen eine Konferenz frustriert und in dem Bewusstsein, für ihre Investition in Zeit und Geld einen zu geringen Nutzen erhalten zu haben." Als Senior Consultant beim Weiterbildungsunternehmen Triple A zeigt er auf, wie das Publikum auf seine Kosten kommt. Einen Grundfehler sieht er in der mangelnden Unterscheidung zwischen schriftlicher und mündlicher Kommunikation: "Wer zum Beispiel seinen am Schreibtisch vorbereiteten Vortrag abliest, spricht einen Schreibstil und löst beim Zuhörer unweigerlich die Frage aus: Lesen kann ich selbst, warum bin ich hier? Entscheidend sei die Begeisterung, die der Referent in der unmittelbaren Kommunikation auslösen könne. Schon darum ist der Blickkontakt unerlässlich.


Eine weitere Falle: "Steigt ein Referent zu tief in sein Fachgebiet ein, um sein Wissen möglichst umfassend zu präsentieren, redet er sehr wahrscheinlich an seinen Zuhörern vorbei." Wird er dann im Anschluss an seinen Vortrag mit Fragen nach der Power Point Präsentation bombardiert, sollte nicht annehmen, erfolgreich gesprochen zu haben. "Er hat etwas falsch gemacht und seinen Zuhörer nicht erreicht. Der braucht nun das Papier."

Selbstbeschränkung statt Informationsflut

Als klassischen Fehler nennt Eckert auch die Überforderung der Zuhörer. "Egal wie gut Ihr Inhalt ist, wie interessant Sie ihn referieren – wenn die Aufnahmekapazität Ihrer Zuhörer überschritten ist, ist alles was Sie noch bieten können bloßer Schall." Darum sei eine Beschränkung auf eine übersichtliche Zahl von Botschaften notwendig, Eckert empfiehlt drei und verweist auf ein Experiment von Naturschützern. Ein Naturpfad sollte den Menschen die Vielfalt der Bäume näher bringen: "Einer Gruppe von Besuchern wurden drei verschiedene Bäume gezeigt, einen ganzen Tag lang, einer anderen Gruppe 27 Bäume. Nach drei Wochen wurde getestet, an wie viele Bäume sich die Teilnehmer erinnern konnten. Die erste Gruppe kannte noch alle drei Bäume, die zweite nicht einen einzigen."

Außerdem rät Eckert unbedingt zum Üben eines geplanten Redebeitrages. Wer meint, diese Zeit nicht investieren zu müssen, liege falsch. "Und doch tun es die wenigsten. Dabei ist es absurd zu meinen, nur weil man sich in einem bestimmten Fachgebiet auskennt, dieses auch gut vermitteln zu können." Anfängern rät Eckert zu bis zu drei Probeläufen, "Routiniers müssen vielleicht nur einen neuen Teil probeweise referieren, aber das sind dann ganz sicher fünf Minuten, die sich lohnen!" Denn fast immer bringe eine Proberunde eine Verbesserung. "Dann stellt sich heraus, dass der Vortrag im Kopf ganz anders abläuft, als in der Realität. Nun zeigen sich Längen, Unklarheiten und Hänger", weiß der Professor, der auch schon vom Bundeskriminalamt mit einem Forschungsprojekt zur Stimmerkennung betraut wurde.

Zwei Sekunden entscheiden über Sympathie


Und so nennt Eckert als weiteren wesentlichen Aspekt für Erfolg oder Misserfolg eines Beitrages denn auch die Stimmlage. Um bis in die letzte Reihe gut hörbar zu sein, würden Redner oft versuchen laut zu sprechen und übertrieben es damit. Das Problem: "Männer, die zu laut sprechen, sind Kerle, Frauen, die zu laut sprechen, keifen." Unfair? "Ja, schon", stimmt Eckert zu, "Doch so wird es leider vom Publikum aufgenommen." Das bestätigt auch Stimmtrainerin Ingrid Amon. Schon die ganz natürliche Aufregung vor Publikum sprechen zu müssen, schraubt bei Frauen die Stimme nach oben – und das macht das Zuhören anstrengend. "Doch das Publikum mag sich nicht anstrengen", warnt die Autorin von Die Macht der Stimme`. "Die Sprechweise führt zu körperlichen Reaktionen bei den Zuhörern." Jeder, der schon einmal einer Rede gelauscht hat, bei der sich der Redner alle paar Sekunden räuspert, weiß wovon Amon spricht. Automatisch setzt ein unangenehmer Reiz im eignen Hals ein. Genau so führt eine atemlose Stimme unweigerlich dazu, dass auch im Publikum der Atem angehalten wird, eine hastige Stimme führt zu angespannten Zuhörenden. "Männer schalten dann sehr schnell ab, Frauen leiden etwas länger – aber im Endeffekt verlieren Sie Ihre Zuhörer", weiß Amon.

Trotzdem werde der Stimme viel zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt, bedauert sie. "Dagegen wird viel Mühe auf das Äußere verwendet und das ist auch in Ordnung", sagt Amon. Immerhin entstehe innerhalb von nur zwei bis drei Sekunden der visuelle Eindruck und die Entscheidung über Sympathie oder Antipathie. Das akustische Urteil brauche etwas länger, etwa zehn Sekunden, "doch wenn der visuelle und akustische Eindruck nicht übereinstimmt, dann bilden wir uns unser Urteil auf Grund des Hörerlebnisses. Egal wie positiv das Auge reagiert, das Ohr ist stärker", erklärt Amon. "Stimme ist ein Schlüsselreiz. Sie sollte keinesfalls unterschätzt werden."

Power-Point wird überschätzt

Für klar überschätzt hält Matthias Pöhm die gängige mediale Unterstützung durch Power Point: "Durch Power Point lässt sich keine bessere Präsentation erzielen", erklärt der Rhetoriktrainer entschieden. Weit verbreitet sei die Mär von dem zusätzlichen Sinneskanal, der Dank der optischen Darbietung angesprochen werde. Doch Pöhm beharrt: "Im Ergebnis entwerten Sie eine Aussage, wenn Sie noch einmal als Text zu sehen ist." Denn Menschen würden Entscheidungen in letzter Konsequenz auf der Gefühlsebene treffen und "Text auf Folie verhindert Gefühle, tötet Spannung und verhindert Wirkung", erklärt Pöhm.

Dabei entspreche der zusätzliche Medieneinsatz noch nicht einmal den Wünschen und Erwartungen der Konferenzteilnehmer, "die sind zum Hören gekommen, nicht zum Lesen". Doch gerade dem Lesereflex könne sich niemand entziehen, es bestehe geradezu ein Lesezwang, meint Pöhm. Dabei aber stört der Redner nur. Und er betont: "Lesen ist Arbeit, ist anstrengend. Dabei kann ich ein unerhört plastisches Bild von dem inneren Auge meiner Zuhörer allein durch meine Rede entstehen lassen – ganz ohne dass sich jemand anstrengen muss." So ist Pöhm denn auch fest überzeugt: "Die mündliche Rede kann große Emotionalität und Spannung erzeugen. Und damit die Zuhörer fesseln." Tatsächlich wussten schon die alten Araber: "Ein guter Redner ist jemand, der bewirkt, dass die Menschen mit den Ohren zu sehen vermögen." Pöhm ist ein guter Redner keine Frage. Doch was ist mit den weniger Sprachgewaltigen unter uns, die ganz gern mit Folien von sich als Person ablenken? Denen verspricht der Autor von "Präsentieren Sie noch oder faszinieren Sie schon?": "Die Basisfertigkeit der freien – und unterhaltsamen – Rede bringe ich jedem bei".

Wer trotzdem nicht von seinen Folien lassen mag, dem gibt Pöhm auch Tipps für den richtigen Umgang mit Power Point - selbst wenn er sie am liebsten verboten sehen würde, da er sie als volkswirtschaftlich schädlich einschätzt. "Rechnen Sie nur mal nach: Selbst wenn es nur anderthalb Stunden sind, die ein hoch bezahlter Manager in einer dank Folieneinsatz ineffektiven Konferenz sitzt – das wird teuer." Doch wenn es denn sein müsse: "Eine Botschaft pro Folie, nicht mehr! Und alles, was Leseenergie abzieht, ist schlecht, also: Keine Überschrift, kein Logo." Außerdem gelte: Alles was sich selbst erklärt, ist kontraproduktiv. Trotz Folie muss der Redner immer noch unverzichtbar bleiben.

Sehr häufig geht es bei Konferenzen um die Präsentation von Ergebnissen, die dann als vermeintlich eindrucksvolles Zahlenmaterial an die Wand geworfen werden. Pöhm verspricht nun in seinen Seminaren: "So machen Sie einen Krimi daraus" – und zwar ganz ohne PowerPoint. Wie das gehen soll, erläutert er mit dem Beispiel eines Beraters, der für seinen Kunden eine Produktionszeit auf 4,3 Minuten reduziert hatte. "Diese Aussage wird kaum zu Begeisterungsstürmen führen, denn die Zahl allein sagt nichts aus. Doch wenn Sie zunächst erklären, dass Sie bereits der zweite Berater waren und die Produktionszeit zuvor schon von 10 auf 8 Minuten runter gefahren wurde – Gut, diese Schwierigkeit macht schon mal neugierig. Wenn Sie dann erläutern, dass eine gründliche Überprüfung der Umstände Sie davon überzeugt hat, dass eine weitere Verkürzung auf 7 Minuten möglich sein sollte, dann wird es schon fast spannend. Wenn Sie jetzt aber geradezu minutiös schildern, wie Sie nach der von Ihnen vorgenommenen Umorganisation die Produktion haben anlaufen lassen, wie die Messung begann, wie jedes Ergebnis für sich festgehalten, addiert, nochmals überprüfte wurde, staunende Blicke ausgetauscht wurden – und schließlich verkünden: Vier-Kom-ma-drei! Dann haben Sie ihr Publikum gefesselt!"

Quelle: Welt Online