Strompreise

Was bringt Atomenergie den Verbrauchern?

Streit um Laufzeiten: Kernenergie kann nur durch Gas oder Kohle ersetzt werden. Das kann die Preise treiben.

Die Stimmung kippt. Nach den jüngsten Umfrage-Ergebnissen des ZDF-Politbarometers sprechen sich jetzt 54 Prozent der Deutschen dafür aus, die Atomkraftwerke länger am Netz zu lassen, als nach dem rot-grünen Ausstiegsbeschluss des Jahres 2000 eigentlich vorgesehen. Das Motiv für den revolutionären Stimmungsumschwung der traditionell atomkritischen Deutschen lieferte die Umfrage gleich mit: 84 Prozent der Befragten glauben inzwischen, dass die gestiegenen Energiepreise "eine Gefahr für den Wohlstand in Deutschland darstellen".

Doch was hätten die Bundesbürger eigentlich in Euro und Cent davon, wenn die Atomkraftwerke länger am Netz blieben? Wenig, sagt zumindest der Verbraucherzentrale Bundesverband in Berlin. Dort wundert man sich ohnehin, warum Atomkraftwerke und Strompreise so sehr im Zentrum der politischen Diskussion stehen: " machen nur knapp ein Viertel der gesamten Energiekosten eines privaten Haushalts aus", rückt Holger Krawinkel, Energieexperte des obersten Verbraucherverbandes die Verhältnisse zurecht: "Auf Kraftstoffe und Heizung entfallen mit jeweils knapp 40 Prozent deutlich mehr."


Geht es also um Kostenentlastung der Bürger, spiele Atomenergie keine große Rolle, glaubt Krawinkel - und macht folgende Rechnung auf: Ließe man zumindest zwei Drittel der deutschen Atomkraftwerke noch zehn Jahre länger am Netz, könnte damit pro Jahr 36 Mrd. Kilowattstunden billiger Atomenergie produziert werden. Wenn die Kraftwerksbetreiber die Hälfte des Kostenvorteils in der Produktion von fünf bis sechs Cent pro Kilowattstunde an die Verbraucher durchreichen, ergäbe das pro Haushalt lediglich eine Ersparnis von 50 Cent pro Monat.

Aus Sicht der Verbraucherzentralen brächte also jede noch so einfache Energiesparmaßnahme im Haushalt mehr ein, als die Laufzeitverlängerung der Atomkraftwerke, betont Krawinkel: "Jede durch eine Energiesparlampe ersetzte Glühbirne erspart dem Verbraucher monatlich schon 60 bis 90 Cent."

Das Ergebnis der "einfachen, statischen Rechnung" des Verbraucherschützers wird in der Tendenz zwar auch vom Öko-Institut bestätigt. Andere Wissenschaftler bezweifeln allerdings, dass damit eine zuverlässige Vorhersage getroffen wurde. Denn die Rechnung basiert auf heutigen Großhandelspreisen für Strom - und unterschlägt, dass es im Zuge des Atomausstiegs zu einer überproportional preistreibenden Angebotsverknappung kommen dürfte.

Die Atomkraftwerke können auf mittlere Sicht nur durch Gas- oder auch Kohlekraftwerke ersetzt werden - und deren Erzeugungskosten werden in den nächsten Jahren noch einmal dramatisch ansteigen. Gaskraftwerke, weil ihre Brennstoffkosten direkt an die rapide steigenden Ölnotierungen gekoppelt sind, Kohlekraftwerke, weil sie durch die geplante Verschärfung des Emissionshandels besonders betroffen sind.

Solche Effekte hat das Energiewirtschaftliche Institut (EWI) der Universität Köln berechnet. Gemeinsam mit dem Baseler Prognos-Institut hatte das EWI im vergangenen Jahr zur Vorbereitung des "Energiegipfels" im Kanzleramt das Szenario einer AKW-Laufzeitverlängerung aufwendig analysiert - und kam zu deutlich anderen Ergebnissen als die Verbraucherschützer heute. So würden die Haushaltsstrompreise laut EWI/Prognos bis 2020 bei einer Laufzeitverlängerung um real fünf Prozent sinken - während sie hingegen um zehn Prozent steigen dürften, wenn die Bundesregierung am Atomausstieg festhält und ansonsten die im Koalitionsvertrag vereinbarte Energiepolitik fortführt.

Da bei Erstellung der EWI/Prognos-Studie allerdings die drastische Steigerung der Öl- und Gaspreise noch nicht absehbar war, ist wahrscheinlich, dass die Wissenschaftler heute sogar noch höhere Preisausschläge vorhersagen würden. Was aber konstant bleibt, ist die Differenz zwischen beiden Szenarien "Laufzeitverlängerung: ja oder nein". Nach den EWI/Prognos-Berechnungen bedeutet die Antwort auf diese Frage für den Privathaushalt im Jahre 2020 einen Unterschied von mindestens 15 Prozentpunkten auf der Stromrechnung - bei einem insgesamt wahrscheinlich deutlich höheren Preisniveau insgesamt. Offen in allen Rechnungen ist derzeit noch die Frage, ob und wie die Verbraucher auf den Preisanstieg reagieren. Bislang ging die Wissenschaft davon aus, dass die Stromnachfrage der Deutschen insgesamt "unelastisch" sei: Selbst bei großen Preissteigerungen könne der Verbrauch an Elektrizität nicht nennenswert gesenkt werden. Der Strommarkt werde daher von den Anbieterinteressen dominiert, die Verbraucher hätten mit ihrer Nachfrage kaum Möglichkeiten gegenzusteuern.

Eine Annahme, die inzwischen wohl einer kritischen Überprüfung bedarf. Denn nach der Statistik des Bundesfinanzministeriums ist das Stromsteuer-Aufkommen im ersten Halbjahr 2008 erstmals drastisch gefallen - um 11,8 Prozent gegenüber demselben Vorjahreszeitraum. Das lässt nur einen Schluss zu: Die Deutschen haben angefangen, massiv Energie zu sparen. Offenbar werden überall im Land überflüssige Lampen ausgeknipst, effizientere Kühlschränke und Toaster angeschafft und die Klimaanlagen gedrosselt.

Der Trend beschleunigt sich noch: Allein im Mai, so registrierte der Fiskus mit Bedauern, ging das Stromsteueraufkommen im Vergleich zum Vorjahr sogar um 16,5 Prozent zurück. Verbraucherschützer und Atomkraftgegner sehen diesen Trend gleichermaßen mit Freude: Denn wenn die Nachfrage nach Strom "elastischer" wird und auf Preissteigerungen empfindlicher reagiert, könnten damit auch die preistreibenden Effekte des Atomausstiegs gemildert werden.

Quelle: Welt Online