Online-Landkarten

Ist Googles "Street View" eine Peepshow?

Um ein neues Feature des Kartendienstes von Google entflammt in den USA ein heißer Streit. Mit "Street View" erhascht der Klicker neben gestochen scharfen Landschaftsbildern auch intime Eindrücke aus dem Leben der US-Amerikaner. Nicht alle finden das witzig.

Ist Google, nicht der Staat, der Big Brother des Internetzeitalters? Wird die Firma, die vor zwei Jahren den Satellitenblick auf Adressen einführte, den Überwachungsalbtraum verwirklichen, den die Stasi nicht zu träumen wagte? Seit Mitte der Woche schäumen in US-Blogs die Debatten um eine neue Funktion auf Googles Karten-Seite: "Street View" auf dem Map Service bietet die Fotoperspektive einer Autofahrt durch amerikanische Großstädte. Man kann mit dem Zoom auf Gesichter und Nummerschilder fahren, man kann zwei Mädchen ohne Bikini-Oberteile beim Lesen im Park beobachten, man kann Männer erkennen, die über Tore springen oder einen Pornoladen betreten. Man kann Amerikaner durchschauen wie noch nie.

Aufgebracht hat den neuen Streit um die Abgrenzung von Privatsphäre und öffentlichem Raum die Enttarnung eines gewissen Monty. Monty lebte unerkannt als Kater von Mary und John Kalin-Casey in Oakland, bis seine Herrin ihre Adresse in "Street View" eintippte und Monty in ihrem Wohnzimmerfenster sah. Mary beklagte sich über den Angriff in dem Blog "Boing Boing", woraufhin sich die Webwelt sogleich spaltete in jene, die sich über die verrückte Katzen-Lady lustig machten und die anderen, die ihrem Zorn folgen können. "Der nächste Schritt ist, dass sie die Bücher in meinem Regal filmen", sagt sie, "wenn die Regierung das täte, wären die Leute entsetzt." Ihr Mann vergleicht Googles Stadtrundfahrt mit einer Peep-Show. Der nächste Schritt, fürchten manche, führe ins Schlafzimmer der Amerikaner. Als sei das der aufregendste Ort im Haus. Für Voyeure vielleicht, kaum für die werbetreibende Wirtschaft, die den gläsernen Verbraucher sucht.

Google verweist in einem Statement darauf dass alle Bilder vom öffentlichen Raum aus entstanden. "Die Szenerie unterscheidet sich nicht von jener, die jedermann wahrnehmen kann, wenn er eine Straße entlangläuft." Und nicht einmal in jeder Straße. Die mit Kameras ausgerüstete Autos schwärmten wochenlang für Google durch die Straßen von San Francisco/Oakland, New York, Las Vegas, Miami und Denver. Touristen gerieten ins Bild wie Anwohner, nicht zu vergessen, Monty, der Kater. Auf dem Blog von "Wired" können Nutzer die "Besten Städtischen Blicke" von Street View wählen. Die Bikini-Mädchen auf dem Campus in Palo Alto schnitten gut ab, ebenso der Mann, der in San Francisco über das Eingangstor eines Appartmentgebäudes springt. Leute inn Straßencafes oder beim Ausleeren ihrer Mülleimer landeten auf den hinteren Plätzen.

Es scheint, das Google nicht naiv durch die Straßen irrte. So wandte sich das Unternehmen an Frauenhäuser und andere Institutionen, die ihre Adressen und Besucher geheim halten wollen und entwickelte ein Verfahren, Bilder auf Wunsch wieder zu entfernen. Einige Anwälte raten Google, Gesichter verschwimmen zu lassen. Die meisten Nutzer nehmen die Momentaufnahmen gleichgültig oder mit Humor. Nur von Monty, so meldete ein Online-Magain, war bisher kein Kommentar zu bekommen.

Quelle: Welt Online