Billigflieger

Ryanair-Chef findet Klimaschutz-Debatte dämlich

Foto: dpa Picture-Alliance / LaPresse Roberto Monaldo

Ryanair-Chef Michael O'Leary wählt gern deutliche Worte: Die Klima-Debatte findet er dämlich, die EU-Bürokraten beschimpft er als inkompetent und den Konkurrenten Air Berlin würde er nicht mal geschenkt nehmen. Etwas Positives hat er nur für die Verbraucher übrig – denen macht er Hoffnungen auf Transatlantikflüge für zehn Euro.

WELT ONLINE: Als ich meinen Kollegen erzählte, ich flöge mit Ryanair , machten sie Witze - so in der Preisklasse: Na, dann musst du ja kräftig in die Pedale treten... Warum machen sich alle lustig über Ihre Airline? Weil günstig gleich billig gleich schäbig ist?

Michael O'Leary: Ach nein, zumindest haben wir einen Namen. Man macht Witze über Lidl, Ikea, Aldi, aber hinrennen tun sie alle. Wären wir nicht erfolgreich, Ihre Kollegen würden nicht solche Witze machen.


WELT ONLINE: Was ist für Sie der Unterschied zwischen Transport am Boden und in der Luft?


O'Leary: Keiner.


WELT ONLINE: Warum?


O'Leary: Lufttransport war in den letzten fünf Jahrzehnten teurer. Das ist der einzige Unterschied. Er war staatlich reguliert, es gab Monopole. Ryanair belegt doch jetzt, dass Lufttransport billiger ist als am Boden, billiger als Züge, als Busse, als Fähren.


WELT ONLINE: "Komm, lass uns fliegen!" ist der jüngste Slogan Ihres Konkurrenten Easyjet. Was ist Ihr Motto?

O'Leary: Der Slogan von Easyjet ist doch nutzlos. Bei mir heißt es nur: Garantiert am billigsten.

WELT ONLINE: Aber fliegen war doch immer etwas Besonderes, ein Abenteuer, das sich kaum jemand leisten konnte, aber von dem deswegen umso mehr Menschen träumten. Ist es nicht immer noch etwas Besonderes?

O'Leary: Nein. Es ist Transport von A nach B. Es geht nur um A und B. Dieses Romantisieren kann ich nicht verstehen. Schauen Sie sich diese ganze Anzeigenwut etwa von Lufthansa, BA und Air France an, mit der sie den Kunden erklären wollen, warum ein Flug einen ganzen Wochenlohn kosten soll. 50 Jahre lang spielten sie mit der Romanze des Fliegens, das ist doch alles Quatsch. Man will von A nach B: sicher, schnell und günstig.

WELT ONLINE: Umweltschützer träumen davon, dass Fliegen wegen der hohen Kerosinkosten unwirtschaftlich wird.

O'Leary: Absolut unwahrscheinlich. Die Leute werden weiter fliegen, aber mehr mit Ryanair und weniger mit Lufthansa oder Air France, die nicht nur die Preise erhöhen, sondern auch diese lächerlichen Kerosinzuschläge erheben. Lufthansas Zuschläge machen schon die Hälfte unserer Preise aus. Und Air Berlin, die behaupten, eine Billigfluglinie zu sein...

WELT ONLINE: Kaufen Sie sie doch endlich!

O'Leary: Ich würde die nicht einmal geschenkt nehmen. 25 Prozent Kerosinzuschlag, und so was nennt sich Billigflieger.

WELT ONLINE: Wann erleben Sie angesichts der Ölpreise schlaflose Nächte?

O'Leary: Niemals. Ryanairs Kosten sind 60 Prozent niedriger als die jeder anderen Airline. Die Kerosinkosten steigen für alle in gleichem Maße. Der Abstand bleibt also in Euro und Cent gleich. Okay, wir werden in den nächsten zwölf Monaten weniger Gewinne machen. Aber das bedeutet, dass wir schneller wachsen. Mehr Kunden werden zu uns kommen, denn die Wirtschaft in Europa geht schlechteren Zeiten entgegen. Auch das wird die Menschen preissensibler machen.

WELT ONLINE: Die Klimadebatte hat Ihnen nicht geschadet?

O'Leary: Das wird sie auch nie tun. Das ist und bleibt eine dämliche Debatte unter mittelalterlichen Mittelschichts-Europäern. In China oder Indien, selbst in den USA findet man von diesem Quatsch nichts.

WELT ONLINE: Ihr Spielplatz ist aber Europa.

O'Leary: Ich weiß. Die Leute reden eine Menge Unsinn. Was sie sagen und dann tun, steht auf einem anderen Blatt. Sie reden von Klimawandel und kaufen sich dicke Brummer.

WELT ONLINE: Macht die EU Ihnen das Leben schwer?

O'Leary: Natürlich. Bis vor 20 Jahren war sie ganz wichtig in der Deregulierung. Sie half, die nationalen Monopole zu brechen. In den letzten zehn Jahren hat sie dann verzweifelt versucht, die Regulierung wieder einzuführen. Die Einflussnahme nimmt zu, die Steuern steigen, durch den Emissionshandel werden die Preise steigen. Wir werden uns in Europa dank dieser wunderbaren Kommission noch zu Tode besteuern, während das weder Amerikaner, Russen oder Chinesen tun.

WELT ONLINE: Wie erklären Sie sich das?

O'Leary: Inkompetente Bürokraten und Politiker sind daran schuld. Durch diesen umweltpolitischen Quatsch rutschen wir vielleicht in eine Rezession. Warum? Weil Bürokraten und Politiker mit den wirklichen Dingen des Lebens nichts zu tun haben.

WELT ONLINE: Führen Sie Langzeituntersuchungen über Ihre Fluggäste durch?

O'Leary: Nein. Das einzige, was uns interessiert, ist, ob wir ausgebucht sind. Wir haben 82 Prozent Auslastungsquote. Wir kennen unsere Passagiere. Man muss kein Genie sein in diesem Business: 99,9 Prozent wollen den billigsten Flug. Das genau kriegen sie bei uns. All die anderen mit ihren lächerlichen Untersuchungen: "Wollen Sie einen wärmeren Sitz? Eine Business-Lounge? Einen Vielflieger-Pass?" Nein. Verdammt, ich will einen billigen Flugpreis. Wir sparen uns all das Gedöns und geben das Geld lieber an die Kunden weiter.

WELT ONLINE: Sie wollen die Preise sogar senken?

O'Leary: Ja, das schaffen wir auch. Warten Sie ab.

WELT ONLINE: Ihre Kalkulation hat viel mit Zeit zu tun. Sie sprechen in diesem Zusammenhang auch von gut trainierten Passagieren. Das Gepäck steht im Mittelpunkt. Das ist eine fast philosophische Angelegenheit.

O'Leary: Ja, das stimmt. Gepäck ist der sinnloseste Service, den es in der Luftfahrtgeschichte gibt. Wenn man mit dem Zug auf Reisen geht, nimmt man doch auch sein Gepäck mit. Das gleiche beim Bus. Nur im Flugverkehr haben wir dieses stupide System geerbt, das den Passagier am Anfang von seinem Gepäck trennt und es ihm am Reiseziel wieder aushändigt. Dafür braucht man diese komplizierten, teuren Terminals, um dir das Gepäck zu nehmen und bei Ankunft auszuhändigen - es sei denn, du fliegst mit BA, dann verliert man es irgendwo (lacht).

WELT ONLINE: Sie hassen Gepäck?

O'Leary: Auf den kürzeren Strecken, die wir in Europa bedienen, bieten wir die Zehn-Kilo-Lösung an. Das reicht den meisten für ein paar Tage. Wir verlangen Geld für das einzucheckende Gepäck, nicht, weil wir damit Gewinn machen wollen, sondern um die Passagiere zu animieren, weniger Check-in oder am besten gar keinen zu machen.

WELT ONLINE: Gut trainierte Passagiere oder dressierte?

O'Leary: Ach, Quatsch. Wenn jeder nur sein Gepäckstück mitbringt, kann er online einchecken. Dann brauchen wir auch am Flughafen keine langen Schlangen mehr, kein System zum Gepäcktransport, kein Ein- und Ausladen, keine Abteilung für verlorene Koffer, nichts dergleichen. Damit würden wir 20 Prozent unserer Kosten sparen!

WELT ONLINE: Aber werden Ihnen denn die anderen Fluglinien folgen?

O'Leary: Das werden sie. Mit Ausnahme langer, transatlantischer Flüge braucht man doch keine zwei, drei Koffer für eine Woche Mallorca, oder? Wenn man 98 Prozent der Zeit sowieso kaum etwas am Körper hat, so man am Strand liegt.

WELT ONLINE: Ihre Philosophie, könnte man sie egalitär nennen?

O'Leary: Nein, sie meint eher, wie man entschlackt, das Unnötige weglässt, somit die Kosten senkt und diesen Vorteil an den Kunden weitergibt. Das haben wir seit 20 Jahren gemacht. Wir waren die erste Fluggesellschaft, die sich von Reisebüros verabschiedet hat und ins Internet ging. Es ist der Kunde, der entscheidet. Und er griff sofort zu. Der nächste große Schritt: Wir haben diese riesigen teuren Flughäfen, Kathedralen fürs Gepäck! Befreien wir uns doch von den verdammten Koffern und Taschen, dann wird alles billiger. Bei den innereuropäischen Kurzflügen sollte man eine halbe Stunde vor Abflug kommen können, nachdem man vorher online eingecheckt hat, man geht durch die Sicherheitskontrollen und steigt ins Flugzeug. Basta. Das wollen die Leute!

WELT ONLINE: Sind Sie religiös?

O'Leary: So wie jeder Ire, wir glauben an Gott, aber ich bringe mich nicht mit ständigen Gebeten um.

WELT ONLINE: Ihr Land hat sich dramatisch geändert. Hat es etwas verloren?

O'Leary: Ja, die Arbeitslosigkeit, die Massenemigration der Iren, die Fährindustrie, die zusammengebrochen ist. Das meiste, was wir verloren, wollen wir gar nicht mehr wiederhaben. Unsere Eltern hatten einen Minderwertigkeitskomplex. Wir sind besser gebildet als je. Sind wir weniger nett als früher? Vielleicht, wer weiß. Was wir erreicht haben, ist großartig

WELT ONLINE: Was uns zum EU-Referendum bringt. Sie waren sicher dagegen.

O'Leary: Nein, ich bin Befürworter.

WELT ONLINE: Das überrascht mich nun doch.

O'Leary: Ich bin ganz und gar für Europa. Niemand kann ernsthaft bezweifeln, dass die Idee eines integrierten Marktes für ein vereintes Europa eine der großartigsten Errungenschaften des 20. Jahrhunderts ist. Man wäre dumm, dies nicht zu unterstützen. Jeder in Irland unterstützt die europäische Idee. Aber in ganz Europa ist dem Lissabon-Abkommen kein Glück beschieden. Die Franzosen haben es abgelehnt, die Holländer, die Iren. Da ist nichts drin für die Bürger. Es geht nur um die Bürokratie in Brüssel.

WELT ONLINE: Was werden die Iren tun?

O'Leary: Wenn es zu einer Wiederholung der Abstimmung auf Druck Brüssels käme, prophezeie ich eine noch größere Ablehnung. Warum? Es gibt nur zwei Orte auf der Welt, wo man Wahlergebnisse nicht akzeptiert: Simbabwe und die EU. Wie oft müssen die Europäer noch Nein sagen? Insgesamt wird sich die allgemeine wirtschaftliche Situation verschlechtern, die Arbeitslosigkeit könnte wieder zunehmen. Da kann man nicht mit einem Referendum kommen.

WELT ONLINE: Welchen deutschen Flughafen mögen Sie am liebsten? Kann man Flughäfen überhaupt mögen?

O'Leary: Ja, man kann. München ist Müll, wir haben zweimal angefragt, ob wir im Terminal 2 landen könnten und sie antworteten, nein, das sei exklusiv für Lufthansa. In Deutschland mag ich am liebsten Tempelhof. Er ist fantastisch. Da könnte Ryanair zehn, zwölf Flieger reinstellen. Warum schließt man ihn? Das ergibt doch keinen Sinn. Macht ein Museum draus? Lächerlich. Ich würde sogar sagen, es ist das schönste Terminal-Gebäude der Welt.

WELT ONLINE: Warum haben Sie keine Angebote gemacht?

O'Leary: Haben wir. Schauen Sie auf Bremen. Die haben mit nur zehn Mio. Kosten ein effizientes Terminal aufgemacht, das von uns zwei Millionen Passagiere in diesem Jahr befördert. Das zeigt doch, was in diesen kleinen Flughäfen steckt, die nicht von den Großen wie Lufthansa abhängen. Lufthansa ist natürlich eine großartige Airline. Aber sie schleust alle Passagiere in Deutschland über Frankfurt und München. Wer von Bremen direkt nach London will, hat bei ihr keine Chance.

WELT ONLINE: Hat Ihre Airline der europäischen Idee gedient?

O'Leary: Wären wir nicht gewesen, hätten junge Leute unter 25 sich nicht frei bewegen können. Wenn wir nicht wären, könnten die meisten Leute nicht fliegen! Dann gäbe es nicht Billigflüge in ganz Europa.

WELT ONLINE: Geben Sie zu, Europa reicht Ihnen nicht. Einer wie Sie will auch Langstreckenflüge verändern.

O'Leary: Wir haben einen Plan für eine dritte, transatlantische Billigfluglinie. Sie wäre getrennt von Ryanair. Das geht aber nur, wenn es einen Abschwung in der Industrie gibt und der Preis für Langstreckenmaschinen sinkt. Man muss warten. Warum soll man nicht für zehn Euro nach Amerika fliegen? Man braucht aber nicht nur Dublin, sondern von Tag eins an fünf bis sechs Städte - auch Frankfurt, Rom, Barcelona - damit die Großen uns nicht aus dem Geschäft werfen. Wir brauchen aber eine günstige Flotte.

Quelle: Welt Online