Industrie startet kräftig durch

Werkzeugmaschinenbauer melden 71 Prozent mehr Aufträge. Hamburger Luftfahrtzulieferer profitieren

Hamburg. Die deutsche Industrie lässt die Krise in rasantem Tempo hinter sich. So verbuchen die Werkzeugmaschinenbauer derzeit die höchsten Bestellzuwächse seit Jahrzehnten: Um 71 Prozent legte der Auftragseingang nach Angaben des Verbands VDW im zweiten Quartal zu, für das erste Halbjahr ergibt sich damit insgesamt ein Plus von 58 Prozent.

"Der Werkzeugmaschinenbau war im vergangenen Jahr mit einem Minus von rund 75 Prozent aber auch am stärksten eingebrochen", sagte Jörg Mutschler, Geschäftsführer des Verbands Deutscher Maschinen- und Anlagenbau im Norden. In der Region Hamburg sei dieser sehr schwankungsanfällige Branchenzweig jedoch wesentlich schwächer vertreten als etwa in Baden-Württemberg.

"Aber auch in Norddeutschland haben wir im Juni eine Zunahme der Auftragseingänge von 30 Prozent registriert", so Mutschler. Dabei gebe es deutliche Unterschiede je nach Wirtschaftszweig: "Automobilzulieferer können die Auftragsflut derzeit kaum bewältigen."

Bei Hamburgs einzigem reinen Werkzeugmaschinenbauer Ixion ist man von den deutschlandweiten Zahlen zum Bestelleingang zwar weit entfernt. "Aber auch bei uns ist die Trendwende eindeutig spürbar", sagte Ixion-Chef Werner Junge dem Abendblatt. "Der Bedarf hat klar zugenommen, es gibt eine deutliche Belebung bei den Kundenanfragen." Voraussichtlich im vierten Quartal werde sich dies in dem Unternehmen mit 45 Mitarbeitern auch bei der Beschäftigung bemerkbar machen.

Erfreuliche Tendenzen verzeichnet auch der Bergedorfer Körber-Konzern. "In den Sparten Papier- und Werkzeugmaschinen spüren wir, dass das Geschäft sehr stark wieder anzieht", sagte eine Firmensprecherin.

Als Ausrüster des verarbeitenden Gewerbes ist der Werkzeugmaschinenbau allerdings stets ein guter Indikator für die Entwicklung in der gesamten Industrie. "Die anziehende Konjunktur macht sich in Hamburgs Industrie positiv bemerkbar", sagte Marc März, stellvertretender Geschäftsführer des Industrieverbands Hamburg (IVH). "Bei der Masse der Unternehmen nehmen die Auftragseingänge und die Umsätze deutlich zu."

Dies werde sich auch auf den Arbeitsmarkt auswirken. "Zahlreiche unserer Mitgliedsfirmen suchen bereits wieder Facharbeiter", berichtet März. Allerdings werde man zunächst wohl vor allem verstärkt auf Leihkräfte zurückgreifen, erwartet Mutschler.

Auch Hamburgs mit Abstand größtes Industrieunternehmen, der Flugzeugbauer Airbus, hat die Branchenkrise offensichtlich überwunden. Auf den Luftfahrtmessen in Berlin und Farnborough gab das Unternehmen etliche Milliardenaufträge bekannt, in diesem Jahr peilt man außerdem einen neuen Auslieferungsrekord von rund 500 Maschinen an. Zudem hat der Airbus-Vorstand beschlossen, die Produktionsrate der Kurz- und Mittelstreckenjets von aktuell monatlich 34 Flugzeugen bis zum zweiten Quartal 2012 auf 40 Stück anzuheben - wovon der Standort Hamburg sogar überproportional profitiert.

In Deutschland will Airbus nach Angaben von Firmenchef Thomas Enders in diesem Jahr rund 800 neue Mitarbeiter einstellen, die meisten davon in Hamburg. Etwa 700 von ihnen sind bisherige Leihkräfte, denen man nun eine Festanstellung anbietet.

Die Ausweitung der Fertigungsraten bei Airbus wie bei Boeing nützt aber auch zahlreichen der rund 300 Luftfahrtzulieferer in der Metropolregion Hamburg. "Für die Zulieferer ist das ein gutes Signal, das schafft mittelfristig Planungssicherheit", sagte Uwe Gröning, Vorsitzender des Verbands Hanse-Aerospace. Vor allem Firmen, die direkt ans Flugzeug liefern, bekämen nun mehr Arbeit. Das gilt unter anderem für Mühlenberg Interiors, einen Hamburger Hersteller von Bordküchen, Stauschränken und anderen Kabineneinbauten. Mühlenberg liefert an die Produktionslinien von Airbus und Boeing, daher wirken sich die erhöhten Stückzahlen direkt aus.

"Aber auch die Fluggesellschaften haben wieder mehr Geld für Kabinenumrüstungen", sagte Jakob Versemann, Marketing- und Vertriebsleiter bei Mühlenberg. Daher plane man, die Belegschaft von derzeit rund 200 Personen im einstelligen Prozentbereich aufzustocken. Zunächst würden Konstrukteure gesucht, im kommenden Jahr dann Mitarbeiter für die Fertigung.

Doch auch Zeitarbeitsfirmen im Luftfahrtbereich suchen nach Angaben von Gröning wieder Personal - auch um einen Teil der 700 Mitarbeiter, die Airbus fest einstellt, zu ersetzen. "Das Tal ist durchschritten, von Herbst an sollte es wieder klar aufwärts gehen", sagte Mirko Schulz, Leiter der Luftfahrtsparte bei Hanseteam. Offene Stellen gebe es aber schon jetzt: "Rund 20 Fluggerätmechaniker und -elektroniker oder auch Prüfer könnten wir innerhalb kürzester Zeit vermitteln."