Stierkampf

Ein blutiges Milliardengeschäft

Der Stierkampf in Spanien boomt. Die Züchter erhalten sogar Subventionen von der Europäischen Union. Auch im Nachbarland Frankreich wächst die Begeisterung für die umstrittene Tradition - ebenso wie in Lateinamerika.

Der Zorn eines Kampfstieres beruht auf der genauen Kalkulation des Menschen. Für ein weitgehend wild aufgewachsenes Tier ist es irritierend, begleitet von unglaublichem Lärm durch die engen Altstadtgassen von Pamplona zu laufen - vor ihnen einige tausend "Mozos", meist junge Männer, die die Stiere irritieren und den gefährlichen Hörnern im letzten Moment auszuweichen suchen. Der Stier stößt in seiner Verwirrung mehr oder minder unkontrolliert mit seinen Hörnern um sich. Beizeiten trifft er. Das hat nicht nur einmal zu schwerer Verletzung oder Tod eines Menschen geführt. Dieses gefährliche Schauspiel ist seit diesem Mittwoch wieder in Pamplona bei den legendären San Fermines zu bewundern.

Ernest Hemingway hat dem Gemisch aus Mutprobe und Spiel mit dem Tod in "Fiesta" ein literarisches Denkmal gesetzt. Auch deshalb pilgern jährlich Millionen Touristen aus der ganzen Welt in die Provinzstadt, um dem "Encierro" genannten Lauf der Stiere zusehen oder gar selbst teilzunehmen. Das ist nur ein Indiz dafür, daß aus dem mythischen spanischen Nationalvergnügen längst ein knallhartes Geschäft geworden ist. Mit dem Stierkampf werden längst Milliarden umgesetzt. Die Wachstumsaussichten sind solide: Vor allem im benachbarten Frankreich sowie in Lateinamerika findet das Treiben immer mehr Anhänger.

Allein in Spanien bringt es die Branche auf 70 000 Beschäftigte, der Jahresumsatz beläuft sich auf stolze 1,5 Mrd. Euro. Beim Landwirtschaftsministerium sind rund 1200 Züchter von Kampfstieren (1950: 50 Betriebe) gemeldet und in fünf Dachverbänden zusammengeschlossen. Der wichtigste ist die Union de Criadores de Toros de Lidia (UCTL). 362 Züchter, allesamt Familienbetriebe, sind hier registriert, darunter auch international bekannte Namen wie Miura oder Juan Pedro Domeq.

Die meisten Betriebe sind in Andalusien, Castilla-Leon und Extremadura beheimatet, ihre Stiere weiden auf 290 000 Hektar. Jedes Jahr werden über 30 000 Kampfstiere gezüchtet. Fünf Jahre dürfen die edlen Tiere unbehelligt auf den Weiden grasen, bevor sie an die Veranstalter der Kämpfe verkauft werden und ihr Ende in den Arenen finden. Das Argument der Tierquälerei weisen die Züchter von sich. Kein Tier werde länger ernährt und artgerechter gehalten als der "Toro de lidia".

Auch die Subventionen von der Europäischen Union sind beträchtlich. Trotz der Forderung von Tierschutzverbänden, die Mittel zu streichen, werden die Züchter von Kampfstieren noch mit 290 Euro pro Tier bezuschußt, die gleiche Summe, die auch für Milchkühe bezahlt werden. In der Praxis stehen die EU-Hilfen für 40 bis 45 Prozent des Einkommens in den meisten Betrieben.

Obwohl laut einer Gallup-Umfrage etwa 70 Prozent der Spanier dem Kampf gleichgültig oder gar ablehnend gegenüberstehen, boomt das Geschäft. Gab es 1985 nur etwa 800 Stierkämpfe, so wurden im letzten Jahr bereits knapp 2000 "Corridas". Bei jedem Stierkampf müssen sechs Kampfstiere antreten, Starzüchter wie etwa Victorino Martín können bis zu 150 000 Euro für sechs Tiere verlangen.

Die größte Stierkampfarena Spaniens steht in Madrid, die Plaza Las Ventas, die knapp 24 000 Zuschauer faßt. Die Plätze in den ersten Reihen auf der überdachten Tribünenseite kosten mittlerweile 115 Euro. Der billigste Platz, in den obersten Rängen und in der Sonne ist schon für drei Euro zu haben.

"Der Stierkampf ist eben eine sehr demokratische Sportart", so David Plazas von der UCTL. Der Andrang ist so groß, daß der Veranstalter, Taurovent, jedes Jahr einen stattlichen Gewinn erwirtschaftet. Taurovent ist als Betreiber der Plaza de las Ventas der größte der rund 70 Veranstalter des Landes, und bringt es einschließlich hauseigenem Chirurgen bis hin zum Platzanweiser auf 400 Beschäftigte. "Gerade dieses Jahr haben wir besonders viele Zuschauer", sagt Juan Carlos de Cabalmonte, Manager von Taurovent.

Allerdings sahnt die Stadt Madrid einen beträchtlichen Teil der Gewinne ab: Jedes Jahr zahlt Taurovent fünf Mio. Euro Konzessionsgebühr in die Rathauskasse. Einziger gemeinnütziger Veranstalter von "Corridas" ist die Casa de Misericordia, die die "Sanfermines" in Pamplona organisiert. Mit den Erlösen, etwa eine Mio. Euro pro Saison, wird ein Altersheim finanziert, in dem 555 fast mittellose Pensionäre leben.

Die Casa de Misericorda war es auch, die 1922 die Stierkampfarena von Pamplona gebaut hat. Heute ist sie auch der Arbeitgeber von 315 Menschen, die alles rund um die weltberühmte Fiesta organisieren.

Auch an Nachwuchsproblemen leidet die Branche nicht. In Spaniens berühmtester Stierkampfschule, der "Escuela de Tauromaquia" vor den Toren Madrids, lassen sich jedes Jahr rund hundert Toreros schulen. Die Ausbildung dauert vier Jahre. Nur zwei pro Jahrgang schaffen es in die großen Arenen wie "Las Ventas" in Madrid oder "Maestranza" in Sevilla. Sie können reich werden. Rund 50 000 Euro Gage pro Auftritt sind dort die Regel.

Den zahlreichen anderen Stierkämpfern, denen weniger Erfolg beschieden ist, bleiben immer noch die Dorffeste. Allein auf dem Land gab es letztes Jahr rund 20 000 Stiertreiben. Diese sogenannten "Encierros" mit anschließendem Stierkampf läßt sich jedes Dorf durchschnittlich 6000 Euro kosten.

Es sieht also nicht danach aus, als ob der Stierkampf in den nächsten Jahren zum Erliegen kommt. "Er ist zu tief in unserer Kultur verankert und auch in Frankreich finden immer mehr Corridas statt", sagt der Fachjournalist Iñigo Crespo. Wie hartnäckig sich Traditionen halten, zeigt sich auch schon daran, daß selbst im fortschrittlichen Katalonien noch alles beim alten ist. So ist ein Antrag der linksnationalistischen Partei ERC, daß Barcelona stierkampffrei sein sollte, in den Instanzen hängengeblieben. Bis auf weiteres beherbergt die Katalanenmetropole hinter Madrid und Sevilla die drittwichtigste Plaza des Landes.

Quelle: Welt Online