Aktiv im Alter

Zweite Karriere im Ruhestand

Die Kompetenzen von Senioren werden immer stärker nachgefragt. Viele Ruheständler wollen sich engagieren - meist ehrenamtlich. Vereine zeigen, wo man sich einbringen kann, und vermitteln Fachkräfte. Der Bund fördert Projekte.

Fritz Schulte kommt gerade aus dem serbischen Stojnik zurück. Dort hat er der mittelständischen Firma Stublina geholfen, die Produktion von Türgriffen und Schlössern nahezu zu verdoppeln. Dafür hat Schulte kein Geld bekommen. Denn der Betriebswirt im Ruhestand war im Auftrag des Bonner Senior Experten Service (SES) in Serbien. Dieser vermittelt bereits seit 1983 Fachkräfte für ehrenamtliche Auslandseinsätze nach Europa, Asien, Lateinamerika und Afrika.

Die Senior-Experten sind im Schnitt 66 Jahre alt, und wer einmal in der Kartei des SES ist, macht meist nicht nur einen Einsatz. Mit rund 40 Prozent kommen die meisten aktiven Ruheständler aus dem technischen Bereich, 30 Prozent haben einen kaufmännischen Hintergrund, der Rest verteilt sich auf Ausbildung, IT und Personal. Jedes Unternehmen kann den SES beauftragen, wenn es für den Senior-Experten die Kosten für Reise, Verpflegung und Übernachtung übernimmt. Der ehrenamtliche Helfer muss also nichts zahlen, stellt nur seine Arbeitskraft kostenlos zu Verfügung.

Immer mehr Ruheständler kommen nicht zur Ruhe

Die Zahl der Senioren, die im Ruhestand nicht die Füße hochlegen, sondern weiter aktiv am Wirtschafts- und Gesellschaftsleben teilnehmen möchten, nimmt zu. Und dabei sind die Ruheständler immer häufiger ehrenamtlich im Einsatz. Laut Freiwilligen-Survey hat es in Deutschland bei den 55- bis 64-Jährigen seit dem Jahr 1999 die größten Zuwachsraten gegeben. "Es wäre eine unvorstellbare Verschwendung, eine, die wir uns nicht leisten können, wenn wir die Kompetenzen der Ruheständler nicht nutzen würden", meint Ursula Lenz von der Bundesarbeitsgemeinschaft der Seniorenorganisationen (Bagso). Wer sich heute im Alter engagieren möchte, dem stehen viele Möglichkeiten und Initiativen zur Auswahl. Die Ruheständler sind sowohl als Wirtschaftsexperten wie als Mentoren für Schulen oder Pflegeeinrichtungen, aber auch als Tanz- oder Theaterlehrer ( www.seniorentanz.de ) gefragt.

Die meisten großen Seniorenorganisationen sind wie der SES Mitglied im Bagso. Lenz ist überzeugt, dass der demografische Wandel den Einsatz von Seniorenexperten noch massiv verstärken wird. "Heime werden künftig nicht bestehen können, wenn nicht auch dort Ältere ehrenamtlich helfen", sagt Lenz. Gleichzeitig rät sie Institutionen, die mit Ruheständlern planen wollen, sich darauf einzustellen, dass diese ganz bestimmte Vorstellungen von den Abläufen haben. "Die Älteren stellen hohe Anforderungen an die Rahmenbedingungen."

Darauf hat sich beispielsweise die Arbeitsgemeinschaft Evangelische Krankenhaus-Hilfe (EKH) eingestellt, indem sie ihren Ehrenamtlichen einen besonders guten Versicherungsschutz bietet. Denn auch wer ehrenamtlich arbeitet, ist natürlich auf Unfall- und Haftpflichtpolicen angewiesen. Die mehr als 11.000 freiwilligen Mitarbeiter des EKH nennen sich selbst "Grüne Damen und Herren" und gehen in Krankenhäuser und Pflegeeinrichtungen, um für Patienten kleine Besorgungen zu übernehmen oder ihnen einfach nur Gesellschaft zu leisten. Mit diesen Tätigkeiten tun sie das, wofür den Hauptamtlichen häufig einfach die Zeit fehlt.

200 Seniorenbüros bieten Beratung

Wer Lust hat, sich im Alter zu engagieren, aber noch nicht genau weiß, wie, kann sich in einem der rund 200 Seniorenbüros in Deutschland beraten lassen. Aus einem Modellprojekt des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend ist ein bundesweites Netz von Beratungs- und Vermittlungsbüros für ehrenamtliches und freiwilliges Engagement gewachsen. Das Seniorenministerium will eine Korrektur des heutigen Altersbildes erreichen und unterstützt weitere Projekte, die das Wissen Älterer einsetzen.

Das ist dringend nötig, da laut Prognosen des Ministeriums bis zum Jahr 2030 jeder dritte Bundesbürger älter als 60 Jahre sein wird. So läuft unter anderem von 2005 bis 2008 das neue bundesweite Modellprogramm "Generationsübergreifende Freiwilligendienste" mit rund 50 Projekten. Hier werden die Ruheständler beispielsweise in Schulen, Familien oder Hospizen eingesetzt. Das Modellprogramm wird vom Bund mit zehn Mio. Euro gefördert.

Aber nicht nur die Politik ist aktiv, die Senioren organisieren auch viel eigenständig. So haben sich beispielsweise aus der Internetgemeinschaft "Forum für Senioren" diverse regionale Gruppen gebildet, die sich gegenseitig und anderen ehrenamtlich helfen.

Quelle: Welt Online