High-Tech-Ingenieure

So sehen die Flugzeuge von morgen aus

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Jan Hildebrand

Flugzeuge müssen künftig sparsamer im Verbrauch und vielseitiger im Einsatz sein. Bei München tüfteln Wissenschaftler an futuristischen Lösungen. Die Industrie ist bereits auf die Ideenschmiede aufmerksam geworden. WELT ONLINE zeigt die Fluggeräte aus dem Bauhaus.

Selten hat sich die Flugzeugbranche so gefeiert wie im vergangenen Jahr. Die beiden Erzrivalen Airbus und Boeing gratulierten sich sogar gegenseitig, Luftfahrtgeschichte geschrieben zu haben. Die Europäer lieferten ihren ersten Riesenjet A380 aus, die weltweit größte Passagiermaschine. Und Boeing präsentierte seinen neuen Dreamliner, der leichter und sparsamer sein soll als alle Jets vergleichbarer Größe.

Während Airbus und Boeing mit viel Tamtam ihre neuen Modelle preisen, tüfteln Forscher in der Nähe von München unbemerkt an weitaus revolutionäreren Fluggeräten, als sie die Flugzeugriesen auf die Rollbahnen schicken. Sie arbeiten beim Bauhaus Luftfahrt, Deutschlands erstem Think Tank der Luftfahrtbranche an der TU in Garching, und gehen dort der Frage nach, wie wir in Zukunft fliegen werden. „Denn eines ist klar: Es wird sich vieles ändern müssen“, sagt Klaus Broichhausen, Chef des Flieger-Bauhauses.

Für die Zukunft müssen neue Fluggeräte her, Maschinen, wie wir sie uns heute kaum vorstellen können. Grund ist vor allem das rasante Wachstum der Luftfahrtindustrie. Heute zählen die Statistiker in Deutschland 180 Millionen Passagiere jährlich, 2020 sollen es 307 Millionen sein. Seit Jahren boomt die Branche, doch sie stößt zunehmend an Grenzen. Kerosin wird teurer, Umweltauflagen strenger und die Landerechte knapper. Die Maschinen von heute sind im Grunde längst von gestern.

Nach zwei Jahren Arbeit können Broichhausen und sein Team nun erste Lösungen für die Probleme präsentieren. Sie haben ein neuartiges Flugzeug namens Hy-Liner konzipiert, das es in verschiedenen Ausführungen gibt. Eine Variante des Hy-Liners besitzt vier miteinander verbundene Flügel, die ein Viereck spannen. Dieses Modell, Boxwing genannt, fliegt deutlich effizienter als normale Maschinen mit zwei Tragflächen.

Futuristische Ökoflieger

Die Umweltverträglichkeit ist für Broichhausen ein zentrales Thema. „Der Luftverkehr wird nur noch akzeptiert werden, wenn er einen ökologischen Beitrag leistet“, sagt der Professor. Die Tüftler arbeiten auch an einem Luftkissen-Flugzeug, das fast emissionsfrei schweben soll. Das ökologische Fluggerät könnte eines Tages einen ganz neuen Markt erschließen: Kreuzfahrten in der Luft. „Wie bei Schiffen: Der Weg ist das Ziel“, erklärt Broichhausen.

Die Fluggeräte aus dem Bauhaus sehen futuristisch aus. Broichhausen hält ihre Einführung dennoch für realistisch. Das Bauhaus versteht sich nicht als abgehobener Denkzirkel, sondern als Bindeglied zwischen Wirtschaft und Wissenschaft. Auch wenn die 30 Mitarbeiter über den Tellerrand gucken, wie Broichhausen sagt, sollen sie nicht an utopischen Technologien werkeln. „Für unsere Modelle muss nicht erst das Beamen erfunden werden“, sagt Bauhaus-Mitarbeiter Christian Kelders.

Der Volkswirt arbeitete beim Ifo-Institut bevor er zum Flieger-Bauhaus kam. Er prüft unter anderem, ob die Konzepte, die die Ingenieure entwickeln, überhaupt einen Markt haben. In der Ideenschmiede arbeiten Menschen aus zehn Disziplinen, Maschinenbauer, Informatiker, Betriebswirte, Industriedesigner und Soziologen. Das soll die Kreativität beflügeln, aber auch dafür sorgen, dass man bei den Lösungen nicht abhebt. Die Modelle des Bauhauses sollen umsetzbar bleiben.

Das scheint bisher zu funktionieren. Zumindest zeigen Unternehmen Interesse an den Ergebnissen von Broichhausen und seinem Team. Zu den Geldgebern gehören neben dem Freistaat Bayern Branchengrößen wie die EADS-Tochter Airbus, der Triebwerkhersteller MTU und der Zulieferer Liebherr. Das Bauhaus verfügt über einen Jahresetat von 2,2 Mio. Euro.

Flugzeug mit Hubschrauber gekreuzt

Neben der ökologischen Frage ist die Auslastung der Flughäfen das zweite große Thema des Think Tanks. Bei einem Hy-Liner-Modell haben die Forscher Rotoren in die Tragflächen integriert. So kann der Mittelstreckenflieger fast senkrecht starten, bevor er auf normale Schubkraft umstellt. „Der Luftraum ist begrenzt“, sagt Broichhausen. Der Hy-Liner soll den Flughäfen neue Freiheiten ermöglichen. Denn mit den bisherigen Mitteln – der Erweiterung um Start- und Landebahnen – werde man nicht mehr lange weiterkommen, glaubt Broichhausen.

Es müssten neue Konzepte her. Eines ist der transmodale Verkehr, wie es der Professor nennt. Er und sein Team haben ein Flugzeug mit einem Hubschrauber gekreuzt. Die Maschine soll eine Verbindung zwischen Luft und Schiene beziehungsweise Straße herstellen: Wie ein Kran hebt sie Fahrzeuge direkt hoch und fliegt davon. Das Flugzeug muss nicht lange mit Fracht beladen werden, Passagiere sparen sich das aufwendige Einchecken.

Platz nach nach Zentimetern buchen

Das Boxwing-Modell soll den hoffnungslos ausgelasteten Flughäfen ebenfalls helfen: Die Spannweite der viereckigen Flügel ist geringer als die herkömmlicher Tragflächen. Und auch in den Flugzeugen wird der Platz völlig anders gestaltet. Die Bauhaus-Mitarbeiter konstruieren neue Kabinen, in denen die Sitze kurzfristig verstellt werden können. Jeder Passagier soll künftig seinen Platz nach Zentimetern buchen können. Mit dieser Innovation zielen die Erfinder auf ältere Menschen, denen die Enge in heutigen Flugzeugen häufig zu schaffen mache. Das haben Volkswirt Kelders und die Bauhaus-Mitarbeiter in Studien herausgefunden.

Mit Prognosen, ob und wann all die Ideen aus dem Bauhaus umgesetzt werden, tun sich Broichhausen und Kelders schwer. „Unser Ziel ist es, Ideen hoffähig zu machen.“ Lange Zeit sei man für den kurz startenden Hy-Liner belächelt worden. Angesichts der immer größeren Platzprobleme auf den Airports diskutiere mittlerweile die Branche in ganz Europa über das Modell aus München.

Quelle: Welt Online

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