Vorsicht Falle

Drückerkolonnen verkaufen Energieausweise

Mieter und Kaufinteressenten von Immobilien dürfen ab 1. Juli den Energieausweis verlangen. Dabei wittern auch manche das schnelle Geschäft und versuchen, vor allem älteren Leuten den Energieausweis sowie Handwerkerleistungen an der Haustür zu verkaufen. Experten warnen vor überhasteten Schritten.

Seit 1. Juli haben Miet- und Kaufinteressenten das Recht, einen Energieausweis vorgelegt zu bekommen. Der Pass soll helfen, den Energieverbrauch einer Immobilie einzuschätzen und gibt Tipps zur Modernisierung. Das ruft jetzt dubiose Geschäftemacher auf den Plan, berichtet der Verband Privater Bauherren (VPB). Sie versuchen selbst Hausbesitzern, für die die Ausweispflicht nicht gilt, den Pass aufzuschwatzen. „Drückerkolonnen ziehen durch Wohngebiete meist älteren Baujahrs und versuchen vor allem älteren Leuten Ausweise, Baumaterial oder Handwerkerleistungen zu verkaufen“, berichtet VPB-Pressesprecherin Eva Reinhold-Postina. „Verkauft wird, was sich gerade anbietet.“ Häufig würden den Hauseigentümern übereilte Investitionen aufgedrängt, etwa der Einbau einer Wärmedämmung. Fachliche Beratung werde nicht geboten.

Derlei Drückerkolonnen habe der Verband schon nach den Hochwassern an Oder und Elbe oder nach Stürmen beobachtet. „Die Qualität der Leistungen ist dann meist nicht so gut“, umschreibt es Eva Reinhold-Postina. Der Bauherren-Verband warnt, die Finger von solchen Haustürgeschäften zu lassen. „Die Firmen kommen von sonst woher, manche haben gar keinen Firmensitz.“ Die Gewährleistung bliebe aus. Am Ende stehe die Erfahrung: „Billig wird oft sehr teuer.“ Wer sanieren will, solle eher den Handwerker vor Ort wählen, „denn der hat einen Leumund zu verlieren“.


Die Verkäufertrupps machen sich die Unwissenheit vieler Leute zunutze. Felicitas Kraus von der Deutschen Energie-Agentur GmbH (Dena) betont, „dass sich aus den Modernisierungsempfehlungen im Energieausweis keine Verpflichtungen für den Eigentümer ergeben“. Der Auswies dient nur der Information. Wer modernisieren will, dem rät Kraus, mehrere Angebote einzuholen und zu vergleichen.

Nicht alle Hausbesitzer brauchen den neuen Ausweis



Zudem verschweigen die Drückerkolonnen, dass die Energieausweis-Pflicht nur bei Verkauf oder Neuvermietung gilt. Wer in seinem eigenen Haus wohnt und keine Verkaufsabsichten hat, braucht keinen Ausweis. Auch bei bestehenden Mietverhältnissen können Mieter den Pass nicht nachfordern. „Kein Grund also, etwas zu übereilen und sich an der Haustür ein fragwürdiges Dokument aufnötigen zu lassen“, mahnt VPB-Vorsitzender Thomas Penningh.

Ärger mit dem Ausweis kann man sich nicht nur an der Haustür einfangen. Die Verbraucherzentrale NRW warnt vor Energieausweisen aus dem Internet. „Fast alle Online-Angebote sind nicht zu gebrauchen“, so das Fazit eines Checks. Lediglich einer von 97 überprüften Ausstellern – darunter Stadtwerke, Architekten, Ingenieure, Handwerker und Abrechnungsfirmen – frage alle 14 gesetzlichen Pflichtdaten vollständig ab. Von 29 untersuchten Verbrauchsausweisen waren zwölf schon formal mangelhaft, 18 hielten einer fachlichen Prüfung nicht stand.

Bei Online-Ausweisen ist Vorsicht geboten

Klaus Müller, Vorstand der Verbraucherzentrale, weist auf die Folgen verpfuschter Ausweise hin: „Vermieter wie Eigentümer haften, wenn Mieter oder Käufer Schadenersatz fordern, weil sie sich getäuscht fühlen, wenn Energiebedarfskennwerte im Verbrauchsausweis zwar ein Sparhaus avisierten, der tatsächliche Verbrauch dann aber einem energetisch sanierungsbedürftigen Objekt entspricht.“ Wer einen unvollständigen Ausweis hat, könne vom Aussteller eine kostenlose Nachbesserung verlangen. Müllers Fazit: „Viele Aussteller von Online-Ausweisen sind von einer verantwortlichen Wahrnehmung der Prüfpflicht weit entfernt.“ „Bei Online-Energieausweisen ist Vorsicht geboten“, warnt auch Dena-Expertinn Kraus. „Wir raten Eigentümern, beim Energieausweis nicht nur auf den Preis zu achten, sondern vor allem auf die Qualität.“ Ein hochwertiger Energiepass, so Kraus, sei „ein verlässliches Gutachten und kann als Einstieg in die energetische Gebäudemodernisierung dienen“.

Die Dena empfiehlt, sowohl für den bedarfs- wie den verbrauchsorientierten Ausweis eine Vor-Ort-Begehung des Gebäudes. „Werden die Daten vom Eigentümer bereit gestellt, muss auf jeden Fall eine Plausibilitätsprüfung durch den Aussteller erfolgen“, sagt Kraus. Die Stiftung Warentest berichtet: „Manche Aussteller von Energieausweisen lassen die Daten jedoch vom Hauseigentümer erfassen und per Online-Formular übertragen. Hier besteht die Gefahr, dass falsche Daten zu Grunde gelegt werden.“ Die Dena vergibt ab September ein Gütesiegel für Energiepässe. So soll die Spreu vom Weizen getrennt werden. Die Anforderungen der Dena an Aussteller gehen über die gesetzlichen Vorgaben hinaus. Zudem wird jeder Pass per Rechner auf Schlüssigkeit getestet. Eine Datenbank mit Ausstellern von dena-zertifizierten Ausweisen steht ab September auf der Internetseite der Agentur.

Mangelhafte Ausweise tauchen auch reihenweise bei Neubauten vom Bauträger auf. Der VPB berichtete zuletzt, die meisten Energieausweise beim schlüsselfertigen Neubau seien mangelhaft, die errechneten Energiewerte würden in der Realität oft nicht erreicht. Eine Statistik des Verbandes zeigt: Fast 60 Prozent der ausgewerteten Nachweise haben teilweise gravierende Rechenfehler. Selbst wenn die Berechnung stimme, hapere es an der Ausführung. „In gut 54 Prozent aller untersuchten Fälle wurden die in der Rechnung angenommenen Materialien auf der Baustelle gar nicht verwendet“, berichten die Bauherrenschützer. Häufig ersetzten Bauunternehmer auf eigene Faust die in der Rechnung vorgesehene Dämmung entweder durch dünnere Dämmstoffe oder durch völlig andere Materialien. „Viele Bauherren bekommen kein Energiesparhaus, sondern eine echte Mogelpackung“, so Penningh. Die Folgen: Der Energieverbrauch wird teurer als geplant, öffentliche Fördermittel wie die der KfW-Bank stehen auf dem Spiel, weil der vorgeschriebene Energiestandard nicht eingehalten wird. Penningh: „Prüfen die Geldgeber hier gezielt nach, was sie sich ja ausdrücklich vorbehalten, dann verlieren die Bauherren ihren Förderanspruch und müssen womöglich bereits gezahlte Gelder zurückerstatten.“

Quelle: Welt Online