Wirtschaftsexperte

In Deutschland ist Hamburg am attraktivsten

Weltweit wächst die Angst vor einer Rezession. Hans-Walter Peters, persönlich haftender Gesellschafter der Berenberg Bank, verrät im Gespräch mit WELT ONLINE, wie er die Gefahr einer Rezession einschätzt, und was er von einer schwarz-grünen Koalition in Hamburg halten würde.

WELT ONLINE: Am Dienstag waren Steuerermittler auch bei Ihnen im Haus. Befürchten Sie durch die Steueraffäre Auswirkungen auf Ihr Geschäft?

Hans-Walter Peters: Nein, das tun wir nicht. Bei uns wurde lediglich ein vermietetes Schließfach versiegelt. Unterlagen der Bank wurden nicht in Augenschein genommen. Weder die Bank noch Mitarbeiter sind Gegenstand der Ermittlungen.

WELT ONLINE: Derzeit beherrscht das Wort Rezession die Wirtschaftsteile. Erwarten Sie eine Rezession in Deutschland?

Peters: In den Vereinigten Staaten ist die Wahrscheinlichkeit sehr hoch, dass die Wirtschaft in eine Rezession abrutscht – das wird Bremsspuren in der gesamten Weltkonjunktur hinterlassen und damit auch in Deutschland. Die grundlegenden Daten für unsere Konjunktur sind jedoch positiv.

WELT ONLINE: Stichwort Landesbanken. Fast alle mussten kräftige Verluste auf dem US-Immobilienmarkt einräumen. Werden Landesbanken überhaupt noch gebraucht?

Peters: Man muss zwischen den Landesbanken unterscheiden: Solche, die kein überzeugendes Geschäftsmodell haben und deshalb ihr Heil im Risiko suchen, haben wenige Argumente für ihre Existenz. Anders ist das bei den Instituten, die in ihrem Stammgeschäft, wie zum Beispiel der Schiffsfinanzierung, erfolgreich sind und eine starke Wettbewerbsposition einnehmen. Zudem sollten wir eins sehen: Sparkassen erfüllen in Deutschland eine wichtige Funktion – dieses Geschäft über die Landesbanken zu ordnen, ist sinnvoll. Wenn die Landesbanken aber auch in Zukunft schlagkräftig sein wollen, ist eine Konsolidierung sicher angebracht.


WELT ONLINE: Sie sind traditionell dem Standort Hamburg verbunden – doch der Finanzstandort hat in den letzten Jahren deutlich verloren, etwa durch Fusionen und Übernahmen.


Peters: Das ist sicher richtig. Aber es macht trotzdem Spaß, in einem attraktiven wirtschaftlichen Umfeld beheimatet zu sein – das trifft für Hamburg zu. Es ist kein Problem, Menschen nach Hamburg zu holen. Private Banking findet in Hamburg sogar das attraktivste Umfeld in ganz Deutschland.


WELT ONLINE: Kann es da eine Renaissance des Finanzstandortes geben?

Peters: Die Zeiten mit starken unabhängigen Banken kommen nicht wieder. Heute eröffnen in Hamburg die Banken höchstens Dependancen. Aber mit der Wirtschaftskraft ist der Markt für die Branche durchaus interessant.

WELT ONLINE: Leben wir in Hamburg konjunkturell betrachtet auf einer Insel der Seligen?

Peters: Hamburg hat sich zuletzt sehr gut entwickelt und eine Sonderkonjunktur erlebt. Wir liegen deutschlandweit auf Platz 2 beim Wachstum. Nach München und Stuttgart hat Hamburg die niedrigste Arbeitslosenquote aller deutschen Großstädte. Auch das Image der Stadt ist positiv, die Unternehmen haben sich gut aufgestellt. So kann die Sonderkonjunktur weitergehen – aber eine Krise ginge natürlich nicht spurlos an einer international orientierten Wirtschaftsmetropole wie Hamburg vorüber.

WELT ONLINE: Was macht die Stadt so attraktiv für Investoren?

Peters: Die Vielfalt der Wirtschaft. Die reicht vom Hamburger Hafen über den Mittelstand bis hin zu attraktiven Großprojekten wie der Hafencity. Die Stadt weist derzeit einen positiven Trend auf, im Bundesländer-Ranking der Bertelsmann-Stiftung belegen wir zum vierten Mal in Folge Rang 1. Die Bereitschaft, nach Hamburg zu kommen, ist bei Unternehmen jedenfalls deutlich gewachsen.

WELT ONLINE: Wie wichtig sind die sogenannten weichen Standortfaktoren, also etwa das kulturelle Angebot oder die Lebensqualität?

Peters: Die Stadt hat ihre Attraktivität so erhöht, dass Hamburg im In- und Ausland anders wirkt. Der Tourismus boomt, die Zahl der Übernachtungen stieg seit 2001 um mehr als 50 Prozent. Das hat positive Konsequenzen für die Wirtschaft. Eine Stadt muss attraktiv sein, dafür muss man etwas tun. Das macht Hamburg, gerade auch durch privates Engagement etwa über Stiftungen. Dieser Bürgersinn beeinflusst die Stadt positiv. Die Elbphilharmonie ist nur ein Beispiel – das wird eine Weltattraktion und belebt so die Wirtschaft.

WELT ONLINE: Was ist das größte Manko des Standorts?

Peters: Da muss ich nun länger überlegen. Eigentlich sehe ich keine echtes Manko – vielleicht die Verkehrsanbindung, aber die Probleme haben andere Metropolen auch.

WELT ONLINE: Experten sagen, das Wachstum bei Arbeitsplätzen ist ausgeschöpft, jetzt kann nur noch der Mittelstand neue Jobs schaffen. Der klagt über hohe Belastungen. Ist da eine Gewerbesteuersenkung sinnvoll?

Peters: Vor dem Hintergrund der hohen Verschuldung – Hamburg liegt Pro-Kopf immer noch auf Rang 3 – sehe ich für Steuersenkungen wenig Spielraum.

WELT ONLINE: Der Senat greift in die Wirtschaft ein, zuletzt durch den Einkauf bei der Norddeutschen Affinerie...

Peters: Das kann man sicher kontrovers diskutieren. Aber bei Beiersdorf und EADS war es sinnvoll. Wenn die Affi Hamburg verlassen würde, wäre das ein negatives Zeichen. Da ist es in Ordnung, dass sich die Stadt positioniert. Wichtig ist, dass man in Unternehmen investiert, die eine Zukunft haben.

WELT ONLINE: Bei der Affi sind auch vermögende Hamburger eingestiegen. Warum bieten Sie eigentlich keinen Hamburg-Fonds an?

Peters: Für ein sinnvolles Investment benötigen wir eine gewisse Streuung. Eine Fokussierung auf ein Thema oder eine Stadt ist schwierig.

WELT ONLINE: Am Sonntag wird gewählt. Eine mögliche Farbkonstellation nach der Wahl ist schwarz-grün – taugt Hamburg als Testlabor?

Peters: Wir werden mit dem neuen Senat leben. Aber man kann in einer Stadt wie Hamburg sicherlich auch mal Konzepte ausprobieren, die es anderswo nicht gibt. Die vergangenen Jahre haben gezeigt, dass erfolgreiche Landespolitik möglich ist.

Quelle: Welt Online