Nach Bund und Ländern stimmt auch EU dem Notkredit zu

Quelle kann überleben - vorerst

Experten sehen den Universalversand in der Krise. Die Zukunft liege in Spezialkatalogen und im Internet.

Hamburg. Die Erleichterung bei den rund 8000 Beschäftigten des Versenders Quelle war groß. Nach Bund und Ländern genehmigte gestern auch die EU-Kommission den 50-Millionen-Euro-Notkredit für das schlingernde Handelshaus. Insolvenzverwalter Klaus Hubert Görg rechnet damit, dass Quelle damit Ende der Woche wieder flüssig ist. Zuletzt hatte das Traditionsunternehmen, das im Zuge der Insolvenz seines Mutterkonzerns Arcandor in Zahlungsprobleme geraten war, allein von der Großzügigkeit seiner Geschäftspartner gelebt.

Nun wird das Geschäft des Versenders nach Angaben eines Sprechers wieder "voll auf Fahrt" gebracht, Quelle kauft Winterware ein und binnen zwei Wochen sollen sämtliche acht Millionen Kataloge verschickt werden.

Doch gerettet ist das Unternehmen mit der Millionenspritze vom Staat noch lange nicht, wie Bundeswirtschaftsminister Karl-Theodor zu Guttenberg gestern warnte. Mit dem bis zum Jahresende befristeten Kredit habe Quelle eine faire Chance bekommen, seinen Geld- und Warenstrom wieder in Gang zu bringen und ein Zukunftskonzept zu suchen - mehr nicht.

"Das Geld hilft kurzfristig, aber in drei bis sechs Monaten könnte Quelle schon wieder in der gleichen Situation stehen", meint der Handelsexperte Christoph Hermann. Denn das traditionsreiche Versandhaus habe in den vergangenen Jahren "ganz wesentliche Hausaufgaben nicht gemacht". Viel zu lange habe die Firma am Universalkonzept des "Alles unter einem Dach" festgehalten. Zu nüchtern sei der Quelle-Katalog, zu gering die Zahl der Spezialversender des Unternehmens.

In einem internen Gutachten der Wirtschaftsprüfungsfirma PwC im Auftrag der Bundesregierung ist von "Ineffizienz" und "struktureller Komplexität" des Versandhändlers die Rede. Aus dem Ruder laufende Kosten waren es vor allem, die Quelle im vergangenen Geschäftsjahr einen Verlust von 46 Millionen Euro anhäufen ließen.

Auch der Marktanteil des Traditionsunternehmens schrumpfte immer mehr zusammen. Brachte es das gesamte Kataloggeschäft des Mutterkonzerns Arcandor im Jahr 2001 noch auf einen Nettoumsatz von 7,7 Milliarden Euro, blieben davon im vergangenen Jahr gerade mal noch 4,3 Milliarden Euro übrig - wovon Quelle 2,45 Milliarden beisteuerte. Dass sich im Versandhandel durchaus gute Zuwächse erzielen lassen, zeigt die Gesamtstatistik. Nach Angaben des Branchenverbands BVH legte der sogenannte Fernabsatz im Jahr 2008 um immerhin rund 3,7 Prozent zu.

Der Wirtschaftswissenschaftler Joachim Zentes von der Universität Saarbrücken geht davon aus, dass letztlich in Deutschland wohl nur ein Universalversender überleben kann und sieht dabei den Hamburger Konkurrenten Otto im Moment klar vorn. Der Arcandor-Konzern habe in den vergangenen Jahren zu viel Zeit auf interne Organisationsfragen verwendet, während der Konkurrent Otto sich auf das Geschäft konzentriert habe.

Entschieden wird die Zukunft der Versandhäuser nach seiner Einschätzung im Internet. Das World Wide Web stelle die Platzhirsche im Versandhandel vor ganz neue Herausforderungen. Schließlich ist die Konkurrenz viel größer als in den Zeiten, als alleine Quelle, Otto und Neckermann mit ihren Katalogen um Kunden warben.

Längst sind zahlreiche Einzelhandelsketten vom Drogeriediscounter Schlecker, über Hennes & Mauritz bis zum Möbelhändler Ikea im Internet mit Onlineshops vertreten. Und als wäre das nicht genug, haben auch viele Hersteller das Web für ihren Direktvertrieb entdeckt. Das Fazit des Wirtschaftswissenschaftlers fällt deshalb nüchtern aus. Zentes: "Der Universalversandhandel hat wie die Warenhäuser seine Blütezeit hinter sich."