Ehrenamt: Immer mehr Unternehmen unterstützen Mitarbeiter

Chefs fördern soziales Engagement

Freie Tage oder Geld für Sozialprojekte - immer mehr Firmen blicken über den Tellerrand hinaus. So gibt ein Microsoft-Mitarbeiter Jugendlichen Computerkurse während seiner Arbeitszeit, eine Verlagsangestellte betreut Menschen in Not bei einer Telefonhotline und BMW-Führungskräfte treffen auf ehemalige Junkies.

Hamburg. Maik Schwarze ist IT-Spezialist bei Microsoft. Nebenbei hilft er Jugendlichen in Billstedt, Bewerbungen zu schreiben. Christiane Bien ist Personalreferentin beim Gruner & Jahr-Verlag. Abends berät sie oft Hilfesuchende bei einer Telefonhotline. Sonja Heilmann ist kaufmännische Assistentin beim Luxusartikelhersteller Montblanc. Alle vier Wochen bringt sie einem 80-Jährigen Hörbücher ins Seniorenheim.

Die drei Hamburger engagieren sich neben ihrem Vollzeitjob in einem Ehrenamt. Und werden von ihrem Arbeitgeber dabei unterstützt. Maik Schwarze, Christiane Bien und Sonja Heilmann stehen für einen Trend, der in deutschen Firmen langsam Einzug hält: "Corporate Volunteering" heißt die Förderung des unentgeltlichen Engagements durch den Arbeitgeber.

Das Hamburger Unternehmen Montblanc hat für sein Programm gerade den Kulturförderpreis 2008 des Kulturkreises der deutschen Wirtschaft gewonnen. Das Prinzip ist einfach: Bei der Auftaktveranstaltung im April stellte die Personalabteilung Kooperationspartner vor, bei denen sich Montblanc-Mitarbeiter engagieren können: Kunsthalle, Bücherhalle und Kulturpaten der Handelskammer.

"Wir wollen dazu ermutigen, karitativ aktiv zu werden"

"Als Unternehmen wollen wir etwas an die Gesellschaft zurückgeben und den Einzelnen zum Engagement motivieren", sagt Montblanc-Vorstand Lutz Bethge. Zehn Mitarbeiter, darunter "Medienbotin" Sonja Heilmann, seien bereits im Einsatz, der jährlich honoriert werden soll - in Form einer Belobigung oder eines Sachpreises.

Andere Firmen geben ihren Angestellten noch stärkere Anreize, sich zu engagieren. Bernd Kundrun, Noch-Vorstand von Gruner & Jahr, hat im Juni das Programm "Commitment" (Bekenntnis, Bindung) ins Leben gerufen. "Wir wollen dazu ermutigen, selbst karitativ aktiv zu werden", so Kundrun. Wer dafür Urlaubstage opfert, bekommt bis zu drei freie Tage pro Jahr gutgeschrieben - sofern diese dem Ehrenamt zugute kommen.

"Ich finde es großartig, dass die Firma meine Werte teilt", sagt Christiane Bien, die regelmäßig bei der "Hotline für Opfer von häuslicher Gewalt und Stalking" Hilfe suchende Anrufer betreut. "Dank dem Programm kann ich auch mal ganze Tage dort helfen." Auch finanziell ist Förderung vorgesehen: Entweder mit einem Zuschuss von 1111 Euro für ein bestimmtes Projekt oder indem die Geldspende eines engagierten Mitarbeiters mit einer Maximalförderung von 3333 Euro verdreifacht wird.

Soziales Engagement ist Alltag in England und USA

Der positive Effekt des Corporate Volunteering ist unbestritten. "Die Mitarbeiter werden loyaler und motivierter, wenn ihr Unternehmen sie beim sozialen Engagement unterstützt - das ist viel wert in Zeiten, in denen qualifizierte Arbeitnehmer knapp werden", sagt Julia Körner von der Handelskammer Hamburg. "Aber so mancher Personalchef hat noch nicht erkannt, dass die Firma Vorteile aus dem Ehrenamt ihrer Mitarbeiter zieht."

Für Firmen mit einem englischen oder amerikanischen Mutterkonzern ist diese Erkenntnis längst gelebter Alltag. "Es gehört zur angelsächsischen Gesellschaftsphilosophie, dass Unternehmen sich engagieren", sagt Bernd Holst, der mit seiner Organisation eAktvoli Freiwillige und Institutionen zusammenbringt. "In Deutschland ist es eine neue Entwicklung, dass Personalabteilungen ehrenamtliche Arbeit organisieren."

Die Barclays Bank in England etwa forderte ihre deutsche Niederlassung in Hamburg vor sechs Jahren auf, sich ebenso wie die englischen Kollegen sozial zu engagieren. Seitdem organisiert ein 20-köpfiges Team rund ums Jahr Benefizveranstaltungen wie Fußballturniere, Auktionen oder Kinderfeste - 2008 kommt der Erlös dem Ahrensburger Verein Stern-Taler zugute, bisher sind es rund 20 000 Euro. "Jeden gesammelten Euro verdoppelt unser Mutterkonzern", erklärt Pressesprecherin Monique Zimon. "Außerdem werden alle Mitarbeiter zwei Tage im Jahr für die ehrenamtliche Arbeit freigestellt."

Bewerbungstraining für Billstedter Jugendliche

Von einem ähnlichen Programm profitiert auch Microsoft-Deutschland-Mitarbeiter Maik Schwarze. Sein Arbeitgeber unterstützt das soziale Engagement von Angestellten mit 500 Euro. "Ich hatte gelesen, dass Schüler oft keinen Ausbildungsplatz finden, weil ihre Bewerbungen schlecht sind", sagt Schwarze. Also bot der 35-Jährige aus Winterhude dem Billstedter Projekt "Starthilfe" an, Jugendlichen beim Bewerbungsschreiben am Computer zu helfen.

Bis zu drei Tage im Jahr stellt Microsoft seine Mitarbeiter fürs Ehrenamt frei. Und mit den 500 Euro Fördergeld konnten sich die Schüler professionelle Bewerbungsfotos leisten. "Im kommenden Schuljahr helfe ich wieder", sagt Schwarze, "ich war positiv überrascht, wie emsig die Schüler bei der Sache waren."

Eine andere Form des Engagements praktiziert die BMW-Niederlassung in Hamburg. Seit 2001 durchlaufen alle Führungskräfte einen einwöchigen "Seitenwechsel". So heißt das Programm der Patriotischen Gesellschaft, das Hospitanzen in karitativen Einrichtungen ermöglicht. "Jeder soll menschlich etwas mitnehmen, reifer, aber auch geläutert werden", sagt BMW-Niederlassungsleiter Erik Santer, der sich diese Fortbildungsmaßnahme pro Teilnehmer 2100 Euro kosten lässt.

"Wir wollen auch mal etwas Wahrhaftiges machen"

Im Mai war Führungskraft Reiner Kleist an der Reihe: Eine Woche lebte er in der Einrichtung "Come In!", die drogenabhängigen Jugendlichen nach dem Entzug ins Leben zurückhilft. "Eine beeindruckende Erfahrung", sagt Kleist, "in keinem Seminar habe ich jemals so viel über Menschen gelernt."

Wie viele Firmen ihren Mitarbeitern diesen Blick über den Tellerrand ermöglichen, ist nicht belegt. Sicher ist nur, dass es immer mehr werden: Auch die Deutsche Bank stellte 2007 ihre Mitarbeiter weltweit für knapp 20 000 Arbeitstage für soziale Projekte frei oder unterstützt Ehrenämter finanziell. Die Hamburger Firmen Beiersdorf und Draft FCB wollen im kommenden Jahr ebenfalls Volunteering-Programme auflegen. Bei der Agentur Draft FCB, die unter anderem Werbung für Nivea macht, heißt es: "Wir produzieren den ganzen Tag den schönen Schein - wir wollen auch mal etwas Wahrhaftiges machen."