Das spanische Wirtschaftswunder geht zu Ende

Madrid. Als Manuel Marina mit seinem Einkommen die Hypothek für seine Eigentumswohnung nicht mehr abzahlen konnte, kam er auf eine originelle Idee: Der Madrilene veranstaltet auf eigene Faust eine Lotterie, verkauft im Internet Lose im Wert von 300 000 Euro und will unter Aufsicht eines Notars seine Wohnung verlosen. Mit seiner Idee steht Marina allein da. Aber er teilt das Schicksal mit Hunderttausenden von Spaniern, die ebenfalls mit ihrem Gehalt nicht bis zum Monatsende auskommen.

In Spanien geht eine "goldene Zeit" wirtschaftlicher Blüte zu Ende. Die Wachstumsrate lag zehn Jahre fast kontinuierlich über drei Prozent und weit über dem EU-Durchschnitt. Spanien schuf zuletzt 600 000 neue Arbeitsplätze im Jahr, mehr als praktisch alle anderen EU-Staaten. Das Wirtschaftswunder basierte vor allem auf einem beispiellosen Bauboom. In Spanien wurden mehr Wohnungen gebaut als in Deutschland, Frankreich und Italien zusammen. Der Ökonom Antón Costa witzelte: "Man kann die Spanier in zwei Gruppen einteilen. Die einen besitzen bereits eine Zweit- oder Drittwohnung, die anderen wollen sich eine zulegen."

Diese Zeiten sind vorbei. Der Bauboom nahm ein abruptes Ende. Die wirtschaftliche Wachstumsrate sank auf 2,7 Prozent und wird noch weiter fallen. Die Arbeitslosenquote stieg auf 9,6 Prozent. Sie nahm erstmals seit Jahrzehnten sogar in den Monaten April und Mai zu, in denen sie normalerweise wegen der beginnenden Tourismussaison sinken sollte. Die Regierung hofft noch auf eine "sanfte Landung". "Von einer Krise zu sprechen, ist stark übertrieben", meinte Wirtschafts- und Finanzminister Pedro Solbes kürzlich.

Mittlerweile haben die Perspektiven sich jedoch weiter verfinstert. Die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) reduzierte ihre Wachstumsprognose für Spanien für 2008 um 0,9 Punkte auf 1,6 Prozent und für 2009 um 1,3 Punkte auf 1,1 Prozent. Die Zeitung "El País" entdeckte gar "erste Anzeichen einer Rezession".

Statt einer weichen könnte der spanischen Wirtschaft eher eine Bruchlandung bevorstehen. Die Inflationsrate verdoppelte sich binnen eines Jahres auf 4,7 Prozent, den höchsten Wert seit der Einführung der jetzigen Berechnungsmethode vor elf Jahren. 650 000 Neubauwohnungen finden keine Käufer. Die Krise beschränkt sich zudem längst nicht mehr auf die - konjunkturell überhitzte - Baubranche, sondern griff auf andere Bereiche über. Die Autoverkäufer erwarten für dieses Jahr ein Minus von zehn Prozent. Der Handel setzt 3,7 Prozent weniger um als vor einem Jahr.

Unter den Spaniern macht sich zunehmend Pessimismus breit. Mehr als die Hälfte der Bevölkerung - nämlich 55 Prozent - schätzen laut einer Umfrage der Zeitung "Público" die Wirtschaftslage als "schlecht" oder "sehr schlecht" ein. Die Regierung von Ministerpräsident Jose Luis Rodríguez Zapatero macht nach Ansicht des Kolumnisten Enrique Gil Calvo den Eindruck, dass sie "dem heraufziehenden Hurrikan nichts entgegenzusetzen hat". Allerdings haben Zapateros Sozialisten Glück im Unglück: Von der Opposition hat die Regierung derzeit wenig zu befürchten, denn die konservative Volkspartei ist in erster Linie mit parteiinternen Machtkämpfen befasst.