Boykott: Bauern erwarten Engpässe - Molkereien sehen Versorgung gesichert

Landwirte: "Milchversorgung kollabiert"

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Sophie Laufer, Raphaela Weeke

Europäische Kollegen solidarisieren sich. Noch sind die Regale der Supermärkte voll. Viele Verbraucher haben allerdings kein Verständnis für Wegschütten der Milch.

Hamburg. Beflügelt von ersten Erfolgen haben die deutschen Milchbauern ihren Lieferboykott gestern fortgesetzt. Besonders betroffen waren die Molkereien in Süddeutschland. Sie bekamen zwei Drittel weniger Milch geliefert, teilte der Milchindustrie-Verband mit. "Im Norden ist es hingegen recht ruhig", so der Geschäftsführer des Verbandes, Michael Brandl. "Hier scheint die Beteiligung gering zu sein."

Der Bundesverband Deutscher Milchviehhalter (BDM) kündigte hingegen noch in dieser Woche den Kollaps der Milchversorgung an. Über 90 Prozent der Mitglieder würden sich an dem Boykott beteiligen und auch immer mehr Nicht-Mitglieder wollen aus Solidarität keine Milch liefern. "Diese Beteiligung haben wir in unseren kühnsten Träumen nicht erwartet", sagt Stefan Mann, stellvertretender Chef des BDM. Bis zum Wochenende hätten die Molkereien noch genug Milch, "doch dann wird es knapp".

Die BDM hatte seine Mitglieder am Dienstag zu einem bundesweiten Milchboykott aufgerufen. Grund sind die niedrigen Preise von 27 bis 35 Cent pro Liter, die derzeit von den Molkereien gezahlt werden. Die Landwirte fordern 43 Cent pro Liter, um kostendeckend produzieren zu können. Zudem müsse es mit den Molkereien künftig jedes Jahr Verhandlungen über einen neuen Basispreis geben. Solange ein solcher Systemwechsel nicht schriftlich fixiert sei, werde keine Milch mehr geliefert, so der BDM.

Die überschüssige Milch versuchen die Bauern an ihre Jungtiere zu verfüttern. Ein Teil wird in verdünnter Form auf die Felder als Dünger ausgebracht. Dennoch müssen viele Tausend Liter täglich in die Gülle gekippt werden. "Der Hunger in der Welt wird weder durch das Entsorgen ausgelöst noch beendet", so Mann vom BDM. "Allerdings tut es auch uns weh, Milch wegzuwerfen." Zumal die Landwirte auf Einnahmen verzichten müssten. Je nach Größe der Betriebe gingen den Bauern gegenwärtig täglich Einnahmen zwischen 3000 und 10 000 Euro verloren.

Diese Vernichtung ist es, die viele Verbraucher stört. "Natürlich kann ich die Bauern verstehen", sagt Jörg Wilhelm (40) aus Eimsbüttel. "Allerdings finde ich es nicht schön, wie die Milch weggekippt wird. In Afrika verhungern die Kinder und hier werden Lebensmittel entsorgt." Julia Rahn (18) wird noch heftiger in ihrer Kritik. "Diese Zerstörung ist übertrieben und ganz einfach schwachsinnig", sagt sie.

In Hamburger Supermärkten kam es gestern nicht zu flächendeckenden Engpässen, wie befürchtet. "Wir sind gut bevorratet", so die Kassiererin einer Edeka-Filiale. "Zumal derzeit wegen des guten Wetters weniger Milch gekauft wird."

Nach Angaben des BDM solidarisieren sich jetzt auch die europäischen Milchbauern mit ihren streikenden deutschen Kollegen. "Wir haben viele Solidaritätserklärungen aus dem Ausland erhalten", so Mann. Die Milchbauernverbände aus den Niederlanden, der Schweiz, Österreich, Belgien, Luxemburg und Teilen Frankreichs hätten ihre Unterstützung zugesagt. Mit Irland liefen Gespräche. Welche Ausmaße der Lieferboykott annehme, werde sich aber erst in den nächsten Tagen klären. Mann sagte: "Ich rechne aber damit, dass noch mehr Länder dazukommen."

Der Milchindustrieverband reagierte hingegen gelassen auf diese Ankündigung. Eine Abfrage bei den Molkereiverbänden in den Niederlanden, Frankreich und Österreich habe ergeben, dass dort derzeit von einem Lieferboykott keine Rede sei.

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