Arbeit: Unter 9,13 Euro

Jeder Fünfte erhält nur Niedriglohn

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Beate Kranz

Fast 30 000 Hamburger bekommen staatliche Aufstockung ihrer Einkommen. Gewerkschaft für Mindestlöhne.

Hamburg. Die Situation erscheint paradox: Obwohl bundesweit die Arbeitslosigkeit seit Jahren sinkt, steigt die Zahl der Geringverdiener deutlich. In Deutschland arbeitet bereits jeder fünfte Arbeitnehmer für einen Stundenlohn von weniger als 9,13 Euro - insgesamt 6,47 Millionen Menschen. Damit hat die Bundesrepublik im europäischen Vergleich mit 22,6 Prozent den höchsten Anteil von Niedrigverdienern. Danach folgt Großbritannien mit 21,7 Prozent. Zugleich ist Deutschland damit nicht mehr weit von US-amerikanischen Zuständen entfernt, wo 25 Prozent der Beschäftigten Niedriglöhne bekommen und oft mindestens zwei Jobs ausüben müssen, um davon leben zu können. Dies ist das Ergebnis einer Studie des Instituts für Arbeit und Qualifikation (IAQ).

Wer glaubt, Qualifikation schütze vor schlechter Bezahlung, irrt. "Drei von vier Geringverdienern in Deutschland sind qualifizierte Beschäftigte und können eine Berufsausbildung (67,5 Prozent) oder sogar ein akademisches Studium (6,1 Prozent) vorweisen", sagt die IAQ-Arbeitsmarktexpertin Dorothea Voss-Dahm dem Abendblatt. Die Mehrheit der Geringverdiener sind Frauen, jüngere Menschen und Ausländer. Insbesondere in Minijobs und Teilzeitarbeitsplätzen sind viele schlecht bezahlte Kräfte zu finden. Das Erschreckende sei, so Voss-Dahm: "Die Zahl der Niedrigverdiener nahm in den vergangenen zehn Jahren von 15 auf 22 Prozent zu. Allein zwischen 2004 und 2006 stieg sie um mehr als zehn Prozent."

Die Schwelle für Niedriglöhne haben die Wissenschaftler nach den Standards der OECD festgelegt. Wer weniger als zwei Drittel des mittleren Stundenlohns in einem Land verdient, gilt als Geringverdiener. In Deutschland liegt die Niedriglohnschwelle damit für das Jahr 2006 bei 6,81 Euro im Osten und 9,61 Euro im Westen. Nach Erhebungen des IAQ gelten in Ostdeutschland 1,03 Millionen Bürger als Geringverdiener, im Westen sind es 5,44 Millionen Beschäftigte. Im Durchschnitt erhalten Geringverdiener in Ostdeutschland 4,86 Euro und im Westen 6,89 Euro, so die IAQ-Expertin: "Insgesamt 1,9 Millionen Menschen bekommen weniger als fünf Euro brutto pro Stunde."

Die meisten Niedriglohnbezieher arbeiten in Dienstleistungsberufen, bestätigt der Tarifexperte des WSI-Archivs im gewerkschaftsnahen Böckler-Institut, Reinhard Bispinck. In Hotels, Gaststätten, im Lebensmittelhandel, der Gebäudereinigung und im Bewachungsgewerbe sind Niedriglöhne oft die Regel und sogar tarifvertraglich festgelegt. "Es ist zu befürchten", so Bispinck, "dass sich der Trend fortsetzt, dass immer mehr Menschen weniger verdienen."

Allein in Hamburg beziehen derzeit 29 651 Beschäftigte im Rahmen von Arbeitslosengeld II (ALGII) eine finanzielle Aufstockung zu ihrem Gehalt, weil ihr Lohn nicht zum Leben ausreicht, berichtet der Sprecher der Arbeitsagentur, Knut Böhrnsen: "Dies sind rund 12 000 Menschen - also 72,2 Prozent - mehr als im Vorjahr." Bundesweit beziehen rund 1,3 Millionen Bürger diese Gehaltsaufstockung.

Als Hauptursache für die Entwicklung sieht Bispinck die langjährige hohe Arbeitslosigkeit, die das Lohnniveau nach unten gerückt habe. Zudem sei der Einfluss der Gewerkschaften in Niedriglohnbranchen aufgrund geringer Mitgliederzahlen oft nur schwach. Außerdem sei der Niedriglohnsektor durch Hartz IV ausgebaut worden. "Für Arbeitslose gibt es heute keinen Berufsschutz mehr. Unabhängig von ihrer Qualifikation können sie in jeden Job vermittelt werden, auch in schlechter bezahlte Stellen." Der Deutsche Gewerkschaftsbund bezeichnete die hohe Zahl der Geringverdiener als "Alarmsignal" und "Armutszeugnis", so DGB-Vorstandsmitglied Annelie Buntenbach. Sie forderte die Bundesregierung auf, nicht tatenlos zuzusehen. Es sei "höchste Zeit für ein Umsteuern, und das heißt Mindestlöhne auf breiter Front". Genauso bewerten dies Die Grünen und die Linke. Auch die Arbeitsmarktexperten von IAQ und WSI sehen in der Einführung von Mindestlöhnen einen Weg aus der Misere - wie dies in anderen europäischen Ländern bereits Alltag sei.

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