Dramatische Rettungsaktion für Investmentbank Bear Stearns

Börsenhändler sind verunsichert. Ökonomen erwarten, dass der US-Notenbankchef Ben Bernanke heute erneut die Leitzinsen senkt.

New York. An der beispiellosen Finanzspritze beteiligte sich auch die US-Notenbank Fed, die Risiken von bis zu 30 Milliarden US-Dollar (19,28 Milliarden Euro) übernahm. Erst vergangene Woche hatte Bear-Stearns-Chef Alan Schwartz der Wall Street versichert, sein Unternehmen sei nicht in Schwierigkeiten.

Wie schlimm es tatsächlich um Bear Stearns stand, zeigt der extrem niedrige Kaufpreis: JP Morgan Chase muss gerade einmal zwei Dollar je Aktie oder 236,2 Millionen Dollar (151,8 Millionen Euro) zahlen. Damit liegt der Kaufpreis 93 Prozent unter dem Börsenwert vom Freitag.

In Fernost, Europa und den USA löste die Nachricht gestern Börsenbeben mit teils panikartigen Verkäufen aus. Die Bear-Stearns-Aktie selbst stürzte im frühen New Yorker Handel um 89 Prozent auf 3,61 Dollar, lag damit aber immer noch leicht über dem von JP Morgan Chase akzeptierten Preis.

Die US-Regierung hatte die Übernahme gebilligt. Ein Zusammenbruch von Bear Stearns hätte die Angst an den Finanzmärkten weiter verstärkt, was die Regierung unbedingt verhindern wollte. Mit dem Beinahekollaps einer der größten und renommiertesten Investmentbanken hat die US-Hypothekenmarktkrise ihren bisherigen Höhepunkt erreicht: Bear Stearns ist die erste bedeutende Bank, die im Zuge der Krise ihre Eigenständigkeit verliert. Investmentexperten sprachen von einem "Niedergang mit historischen Dimensionen".

Der Finanzvorstand von JP Morgan, Michael Cavanaugh, machte keine Angaben zu der Frage, was jetzt mit dem 14 000 Beschäftigten von Bear Stearns passiert. Ebenso wurde nicht erklärt, ob der 85 Jahre alte Name des Instituts erhalten bleiben soll. In den vergangenen Jahren war Bear Stearns mit draufgängerischen Investments in hypothekarisch abgesicherte Wertpapiere - sogenannte Mortgage-Backed Securities - aufgefallen. Im Juni 2007 trat die Krise bei Bear Stearns erstmals offen zu Tage, als zwei von der Bank gemanagte, milliardenschwere Hedgefonds zusammenbrachen. Im großen Stil hatten diese ihre Anlagen mit zweitklassigen Immobilienkrediten abgesichert. Weltweit mussten die Banken wegen riskanter Geschäfte mit Hypothekenpapieren inzwischen rund 200 Milliarden Dollar (128,5 Milliarden Euro) abschreiben.

Der Internationale Währungsfonds (IWF) schlug gestern unterdessen Alarm. "Die Finanzmarktkrise ist ernster und globaler als noch vor wenigen Wochen", sagte IWF-Chef Dominique Strauss-Kahn. "Die Risiken und Gefahren sind sehr hoch. Das wirtschaftliche Umfeld verschlechtert sich weiter", warnte Strauss-Kahn.

Die großen Probleme in den USA würden auf andere Volkswirtschaften übergreifen und eine "globale Antwort" notwendig machen, sagte Strauss-Kahn auf einer OECD-Konferenz in Paris. Sowohl der IWF als auch die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) würden ihre Wachstumsprognosen für Nordamerika nach unten korrigieren.

Um den Schaden der Finanzkrise abzufedern, senkte die US-Notenbank überraschend ihren Diskontsatz. Strauss-Kahn und OECD-Chef Angel Gurría bezeichneten dies als "angemessene Reaktion".