Finanzen: Notverkauf der US-Investmentbank Bear Stearns schickt Aktienmärkte weltweit auf Talfahrt.

US-Bankenkrise schockt die Börsen

Welche Folgen hat der Kursrutsch für Wirtschaft und Anleger? Wie wirkt er sich in Deutschland aus? Ökonomen beantworten im Abendblatt die wichtigsten Fragen.

Warum sackte der Deutsche Aktienindex (DAX) gestern so massiv ab und verbuchte zeitweise so dramatische Abschläge wie zuletzt nach den Terroranschlägen in New York am 11. September 2001?

Der DAX folgte gestern den schwachen Börsenvorgaben aus Asien und den USA, wo sich an der Wall Street erneut ein Einbruch abzeichnete. Der Handel war dominiert von Nervosität nach der Rettungsaktion der massiv angeschlagenen US-Investmentbank Bear Stearns. Zudem brach die Siemens-Aktie gestern um zeitweise 17 Prozent ein. Siemens ist ein Schwergewicht im Deutschen Aktienindex und damit schon allein für den Rutsch des Börsenbarometers um 100 Punkte verantwortlich. Das Münchner Unternehmen hatte nach Problemen mit mehreren Großprojekten wie dem Transrapid in China eine Gewinnwarnung herausgegeben.



Wie geht es jetzt weiter an den weltweiten Börsen?

Die Lage im Finanzsystem ist äußerst angespannt. Weiteres Ungemach scheint programmiert, weil große US-Investmentbanken in dieser Woche ihre Geschäftszahlen publizieren. "Wer kann nach dem Zusammenbruch bei Bear Stearns noch garantieren, dass sich das Gleiche nicht bei jeder anderen Bank weltweit abspielen kann", beschreibt ein Börsianer die Angst der Anleger. Auch dass die Senkung des Diskontsatzes durch die US-Notenbank Fed am Sonntag keine positive Wirkung mehr zeigte, wirft Fragen auf: "Hat die Fed überhaupt noch das richtige Instrumentarium?", sagte dazu Aktienstratege Tobias Basse von der NordLB. Auch der Chefstratege der Bremer Landesbank, Folker Hellmeyer, äußert sich skeptisch: "Die Krise verschärft sich weiter." "Gibt es einen Fall wie Bear Stearns in Europa?", ergänzte Edmund Shing von BNP Paribas. Jürgen Kurz von der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW), schätzt, dass es in nächster Zeit immer wieder Gegenbewegungen und Kursgewinne geben werde. "Aber sobald es schlechte Nachrichten aus dem Investmentbereich gibt oder sogar der ein oder andere Hedgefonds ins Straucheln gerät, geht es wieder abwärts."



Sollen Anleger ihre Aktien jetzt verkaufen?

Haspa-Chefanalyst Bernd Schimmer rät davon ab, Aktien aus Panik vor weiteren Kursverlusten abzugeben. "Wenn man den Aktienanteil erreicht hat, den man sich für seine Geldanlagen wünscht, sollte man an den Aktien festhalten." Es sei zwar nicht auszuschließen, dass die Talfahrt an den Börsen weitergeht. Letztlich seien aber auch starke Schwankungen während der Halteperiode einer Aktie normal. Und für längere Zeiträume, etwa für die Altersvorsorge, seien Aktien noch immer eine empfehlenswerte Anlage.



Ist jetzt ein idealer Zeitpunkt zum Einstieg in den Aktienmarkt?

Anleger sollten sich derzeit zurückhalten. "Ich hätte noch nicht den Mut, wieder in großem Stil einzusteigen", sagte Haspa-Chefanalyst Bernd Schimmer. Risikofreudige Aktionäre könnten allerdings die Unsicherheiten an den Märkten nutzen und in Discountpapiere investieren, die in ihrer Strategie so angelegt sind, dass sie von den derzeit sehr volatilen, das heißt schwankenden Kursen, profitieren. "Immer noch gilt: Je höher die Rendite, desto höher das Risiko", ergänzt DSW-Experte Kurz. Er empfiehlt, jetzt dividendenstarke Werte zu kaufen: "Also etwa Papiere aus der Energie- oder Lebensmittelbranche. Die haben die letzten zehn bis 15 Jahren gut funktioniert und sind gegen zyklische Entwicklungen relativ resistent." Andere Branchen wie etwa der Maschinenbau seien dagegen in hohem Maße von der Konjunktur abhängig: "Solche Unternehmen werden bei einem Abschwung als Erste mitgerissen."



Warum leiden auch die Kurse solider deutscher Konzerne?

"Wir sprechen von einem Lawinen- oder Domino-Effekt", erklärt Kurz. "Wenn Banken in Schwierigkeiten geraten und sich nur noch mit hohen Zinsen refinanzieren können, werden sie bei der Kreditvergabe restriktiv." Und dies treffe dann auch die Realwirtschaft: "Insofern kann man sagen, dass alle Unternehmen indirekt mit dem Finanzmarkt zu tun haben."



Was soll ich tun, wenn ich in Geldmarktfonds investiert habe?

"Geldmarktfonds werden in nächster Zeit wohl kaum gute Renditen abwerfen. Die Chance, dass man mit diesen Fonds richtig Geld macht, ist ziemlich gering", sagt DSW-Experte Kurz. "Aus diesem Grund kann es sich lohnen, das Geld aus Geldmarktfonds rauszuholen."



Was passiert mit den Zinsen für Baukredite?

"Eine klare Antwort ist nicht möglich", sagt Stefan Speicher vom Baufinanzierer Schwäbisch-Hall. "Tendenziell beobachten wir natürlich ein leicht steigendes Zinsniveau."



Wird es für Häuslebauer schwieriger, an Baugeld zu kommen?

"Das ist im Moment nicht erkennbar", heißt es bei der Schwäbisch-Hall. Wer 25 bis 30 Prozent Eigenkapital mitbringe, habe keine Schwierigkeit, einen Baukredit zu bekommen.



Wie ist weiteren angeschlagenen Banken zu helfen?

Bisher sei es ein gutes Zeichen gewesen, dass der Schulterschluss zwischen den Banken und der Notenbank noch funktionierte, sagt Schimmer. So hatte die US-Notenbank die US-Zinsen mehrfach gesenkt und damit den Kreditinstituten geholfen, sich günstiger neues Geld zu beschaffen und mit dem laufenden Geschäft mehr zu verdienen. Eine andere Möglichkeit ist der Einstieg von Investoren, wie zum Beispiel des Singapurer Fonds bei der Schweizer Großbank UBS oder von Adia, des Staatsfonds von Abu Dhabi, die sich für 7,5 Milliarden Dollar als Retter bei Citigroup einkauften, bei Amerikas größter Bank. Die Investoren investieren und erhöhen das Eigenkapital der Banken. Dies macht die Institute krisensicherer.



Bergen die Eingriffe in den Finanzmarkt auch Risiken?

Finanzspritzen von Regierungen und Notenbanken für Banken können auch unerwünschte Nebenwirkungen haben. Sie können die Inflation - also den Preisanstieg - erhöhen und bei Bankern zur Folge haben, dass sie unbesorgter mit Risiken umgehen, weil sie mit Netz und doppeltem Boden agieren, sagte Joachim Scheide vom Kieler Institut für Weltwirtschaft.



Müsste die Aufsicht der Finanzmärkte verschärft werden, damit die Krisen nicht außer Kontrolle geraten?

Es gibt Befürworter einer schärferen Kontrolle. "Aber ist diese überhaupt zu leisten", fragt Wirtschaftsexperte Scheide. Es sei schließlich für die Banken unumgänglich, auch riskante Geschäfte zu machen, um Gewinne zu erzielen. Und eine Kontrolle all dieser Spekulationen bedeute einen ungemein großen bürokratischen Aufwand.



Droht den USA die Rezession?

In den USA kommen die Subprime-, die Finanzmarkt- und die konjunkturelle Krise zusammen, fasst der Konjunkturchef des Hamburgischen Weltwirtschaftsinstituts (HWWI), Michael Bräuninger, zusammen. Der Wohnungsmarkt und die Baubranche schwächelten, und selbst größere Firmen müssten wegen des Vertrauensverlustes immer noch hohe Zinsen zahlen. Hoffnung böten die Steuergutschriften, die den Konsum ankurbeln könnten. Wirtschaftsexperte Scheide ist dennoch überzeugt, dass sich "die Schwächephase hinziehen" wird.



Wird eine schwächelnde US-Wirtschaft Deutschland und Europa mitreißen?

"Nein, dies würde zwar die Exporte schwächen, aber in Deutschland und Europa stützen eine gute Binnenkonjunktur und intensive innereuropäische Wirtschaftbeziehungen die Lage", sagt Scheide. Auch die wachsenden Märkte in Asien stützten die europäische Wirtschaft immer stärker. Es drohe allerdings ein Einbruch, wenn sich die US-Krise länger hinzieht, so Breuninger.



Birgt der hohe Euro-Kurs weitere Risiken für Deutschland und seine exportabhängige Wirtschaft?

Der Euro-Kurs hat nach der Diskontsatzsenkung der US-Notenbank Fed am Montag abermals einen Rekordstand erreicht und stieg zeitweise auf 1,5903 US-Dollar. Nach Einschätzung der Deutschen Bundesbank ist dies aber bislang kein großes Problem für die deutsche Wirtschaft. Zwar habe sich die "preisliche Wettbewerbsposition der heimischen Unternehmen" in Abnehmermärkten außerhalb Europas aufgrund der Euro-Aufwertung gegenüber dem US-Dollar verschlechtert. Doch die Exporteure hätten die Euro-Aufwertung "bisher deutlich abgefedert".Ein Grund dafür sei, dass die deutsche Wirtschaft fast 43 Prozent ihrer Waren in den Euro-Raum liefere (Stand 2007). Weil auch viele Geschäfte außerhalb Europas in Euro abgerechnet würden, schmälere die Abwertung des Dollar gegenüber dem Euro die Exporterlöse der deutschen Unternehmen "auf kurze Sicht nur vergleichsweise wenig".



Auch der Ölpreis erreichte mit 111,42 Dollar für ein Barrel gestern ein neues Rekordniveau. Der Grund?

Teures Öl kann zwar ein Zeichen einer guten konjunkturellen Lage sein, weil die Nachfrage hoch ist. In diesem Fall hatten jedoch Anleger nach dem Zusammenbruch von Bear Stearns und den Kursverlusten ihr Geld in Investments in Öl umgeschichtet. "Dadurch ist eine große spekulative Blase entstanden", so Bräuninger. Das Gleiche gilt für den Goldpreis, der auch einen neuen Rekord von 1032,50 Dollar je Feinunze (31,1 Gramm) erreichte.



Welche Folgen hat der hohe Ölpreis für die Konjunktur?

Der Ölpreis dämpft die weltweite Kaufkraft. Er dürfte aber im zweiten Halbjahr langsam sinken, schätzt der HWWI-Experte Bräuninger. "Schließlich sehen wir derzeit auch keine Krise in den Ölförderländern."