Finanzkrise: Erneut starke Verluste mit Aktien - Was macht Europas Zentralbank?

Trotz Zinssenkung - Börsen geben nach

Nachdem die US-Währungshüter Geld billiger gemacht haben, schaut die Finanzwelt nun nach Frankfurt.

Hamburg. An der Börse gibt es derzeit offenbar kein Halten: Der Deutsche Aktienindex (DAX) ist gestern erneut steil abgerutscht. Im Handelsverlauf sackte er um bis zu 5,7 Prozent unter die Marke von 6400 Punkten. Am Ende stand ein Minus von 4,9 Prozent. Damit ist der gesamte Jahresgewinn 2007 wieder zunichte gemacht.

Ganz offensichtlich erwarten zahlreiche Anleger, dass die US-Immobilienkrise weitere böse Überraschungen mit sich bringt und die nun weithin befürchtete Rezession in Amerika auch die Konjunktur in anderen Teilen der Welt stärker dämpft als bislang angenommen - zumal die beiden global tätigen Konzerne Apple und Motorola durch unerwartet pessimistische Geschäftsprognosen auch die US-Börsen im Vormittagshandel erneut ins Minus drückten.

Dabei hatte die US-Notenbank Fed gerade erst am Dienstag mit ihrer außerplanmäßigen und historisch deutlichen Leitzinssenkung von 4,25 auf 3,5 Prozent versucht, die Finanzmärkte zu stabilisieren und den Absturz der wichtigsten Volkswirtschaft der Welt abzufedern.

Angesichts dieser dramatischen Notmaßnahme gerät nun die Europäische Zentralbank (EZB) in Zugzwang. So deutete der Gouverneur der Bank of England eine Zinssenkung für Februar an, um die britische Konjunktur zu stützen. "Eines ist klar: Der Druck auf die EZB, der Fed zu folgen, wird größer und größer", sagte Bernd Schimmer, Finanzmarktexperte der Haspa, dem Abendblatt.

Doch zumindest vorerst stemmt sich EZB-Präsident Jean-Claude Trichet noch gegen diesen Druck. Bei einer Anhörung vor EU-Parlamentariern in Brüssel warnte Trichet vor übereilten Reaktionen. Es sei noch zu früh, um Schlüsse aus der Korrektur an den Finanzmärkten zu ziehen. "Derzeit sollten wir uns anschauen, was mit der realen Wirtschaft passiert", sagte der Notenbankchef. "In schwierigen Zeiten von Finanzmarktkorrekturen und Turbulenzen ist es die Pflicht der Zentralbank, Inflationserwartungen einen festen Anker zu geben und zusätzliche Preisschwankungen auf bereits sehr volatilen Märkten zu vermeiden." Die EZB hält ihren Leitzins seit Sommer stabil bei vier Prozent und hat bereits in den vergangenen Monaten mit dem Verweis auf Inflationstendenzen dem Drängen widerstanden, die Zügel zu lockern. Zwar hätten die Konjunkturrisiken zugenommen, sagte Trichet gestern, er rechne aber weiter mit einem robusten Wachstum im Euro-Raum von rund zwei Prozent in diesem Jahr bei weiter kräftiger Teuerung.

"Die EZB tut das, was sie tun muss: Sie achtet sehr genau auf die Preissteigerungsraten", sagte Carsten Mumm, Leiter der Vermögensverwaltung der Conrad Hinrich Donner Bank, dem Abendblatt. Verständnis findet Trichet auch bei Carsten Klude, dem Chefvolkswirt des Hamburger Bankhauses M.M. Warburg: "Die EZB will nicht weiter Öl ins Feuer gießen. Man versucht mit allen Mitteln, die Märkte zu beruhigen."

Tatsächlich sind die Meinungen geteilt, ob die drastische Maßnahme der Fed wirklich nützt oder ob sie nicht zumindest kurzfristig eher geschadet hat. So hieß es gestern an der Frankfurter Börse, die "Panikreaktion" der US-Notenbank schüre nur die Angst, dass die Lage noch schlimmer als angenommen sei. Zudem gibt es Zweifel, ob die Zinssenkung überhaupt in Form günstigerer Darlehenskonditionen bei den Verbrauchern in Amerika ankommt, weil derzeit die Banken ihre Risikoaufschläge auf die Kreditzinsen erhöhten.

Filmberichte zum Einbruch der Börsen

Haspa-Experte Schimmer teilt diese Skepsis jedoch nicht. Zwar sei die Reaktion der Fed in der Tat das Eingeständnis, dass "Gefahr im Verzug" ist. Dennoch ist Schimmer überzeugt: "Schon zur Stabilisierung des Finanzsystems war die Zinssenkung mit sofortiger Wirkung sinnvoll." Denn nun könnten die US-Banken zu deutlich günstigeren Konditionen dringend benötigtes Geld bei der Zentralbank aufnehmen. Auf etwas längere Sicht werde der Zinsschritt auch der übrigen Wirtschaft in Amerika helfen - der Wettbewerb werde dafür sorgen, dass die Banken Verbraucher- und Unternehmenskredite schließlich doch verbilligen. Dadurch würde der private Konsum ebenso angekurbelt wie die Investitionstätigkeit von Unternehmen. Allerdings zeigten sich die Auswirkungen von Leitzinsveränderungen üblicherweise erst mit einer Verzögerung von sechs bis zwölf Monaten, so Schimmer. Für Keith Wade, Chefvolkswirt bei der Fondsgesellschaft Schroders, ist es kein Wunder, dass die Fed so heftig reagiert hat. "Es besteht die Gefahr eines Abschwungs, der sich aus sich selbst heraus speist", so Wade. "Zuerst ziehen die Banken ihre Darlehen zurück, das schwächt die Wirtschaft, was wiederum die Banken angesichts sinkender Vermögenswerte und Einkommen noch vorsichtiger werden lässt." Wade geht davon aus, dass die US-Zentralbank den Leitzins bis Mai sogar auf 2,75 Prozent absenken wird, um diesen Kreislauf zu durchbrechen. Auch wenn sie damit durchaus Erfolg haben könne, sei es noch zu früh, am Aktienmarkt wieder in den Vorwärtsgang zu schalten.

Etwas anders sieht es Carsten Mumm von der Conrad Hinrich Donner Bank: "Die Stimmung an der Börse ist extrem pessimistisch, schlechter geht es kaum noch. Das ist sehr häufig der Punkt, an dem die Korrektur weitgehend vorüber ist und der Markt dreht."

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