Tränen und Wut auf die "Subventions-Heuschrecke" Nokia

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Jürgen Zurheide

Bochum/Düsseldorf. Zum Jahreswechsel war die Welt für Marius Miarecki noch in Ordnung. Der Personalchef von Nokia hatte endlich seinen unbefristeten Arbeitsvertrag unterschrieben, gemeinsam mit den Kolleginnen und Kollegen arbeiteten sie fast rund um die Uhr. "In Wechselschicht, wir haben so viel produziert wie selten zuvor", erzählt der Mann und ein anderer fügt hinzu, "weil es so gut lief, haben wir alle einen Bonus bekommen." Noch während er das sagt, verändern sich seine Gesichtszüge, dann dreht er sich weg und wischt eine Träne aus dem Augenwinkel: "Ich fühle mich wie bei dem Anschlag auf das World Trade Center."

Seit einigen Stunden weiß der Mann, dass das Papier nichts mehr Wert ist, denn die Kündigungsschreiben an ihn und die meisten der 2300 fest angestellten Mitarbeiter im Bochumer Nokia- Werk sind schon unterwegs. "Die Handy-Produktion in Deutschland ist nicht mehr konkurrenzfähig", heißt das in der trockenen Sprache der Manager. Veli Sundbäck hat sie ausgesprochen.

Die Männer um Marius Miarecki ärgern nicht nur die Worte des Aufsichtsratschefs, sie finden es auch empörend, dass der Mann ihnen ihr Schicksal über die Medien verkündet hat ausgerechnet in einem Hotel an der feinen Düsseldorfer Kö. Mit diesem Urteil über den Standort Deutschland hat Sundbäck ein heftiges Echo ausgelöst. In Bochum herrscht wieder einmal Untergangsstimmung, zumal sich mit Nokia ein Hoffnungsträger im Strukturwandel verabschiedet. "Das war und ist Zukunft", sagt etwa Ottilie Scholz, die Oberbürgermeisterin der Revierstadt, bevor sie darauf hinweist, "wir haben für die alles getan, was möglich war." Das Grundstück wurde erschlossen, natürlich auf Kosten des Steuerzahlers, man sorgte für Straßen und Bahnanschluss, selbst der Haltepunkt wurde umgetauft. "Bochum Nokia", steht da geschrieben, irgendjemand hat ein kleines schwarzes Kreuz dahinter gesetzt.

Viele Menschen der Frühschicht weinen, als sie von der Nachricht erfahren, an Arbeit ist nicht zu denken. "Wir streiken, wir geben nicht kampflos auf", ruft Betriebsratschefin Gisela Achenbach aus. "Das Werk arbeitet hochprofitabel, es stimmt nicht, dass sich die Handyproduktion in Deutschland nicht lohnt", rechnet sie vor. "Die Kosten in Deutschland sind zu hoch", antwortet der Aufsichtsratschef eher nebulös auf alle entsprechenden Fragen, konkreter wird er nicht, aber jeder weiß, dass neben den Nokia- Mitarbeitern noch einmal 1000 Leiharbeiter und mindestens 1000 weitere Menschen ihre Arbeit in der Revierstadt verlieren werden. "Die Lohnkosten liegen unter fünf Prozent der gesamten Kosten, ich verstehe nicht, was da passiert", argumentiert etwa Ministerpräsident Jürgen Rüttgers, der gestern zum Bochumer Werk fuhr. "Ich bin wütend", sagt er und geißelt die "Subventions- Heuschrecke" Nokia, die erst in Deutschland und jetzt womöglich im Osten Europas den Steuerzahler für die eigenen Investitionen zahlen lässt. "Wir werden prüfen, ob wir Subventionen zurückverlangen können", sagt Rüttgers, obwohl ihn seine Fachleute schon darüber informiert haben, dass die Skandinavier äußerst geschickt die fünfjährige Bindungsfrist um wenige Monate überschritten haben. Am Ende bleibt der Landesregierung dann wohl nur noch der Versuch, sich um die Details für eine Transfergesellschaft zu kümmern.

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