Krise: Milliardenabschreibungen bei Banken sorgen für Beunruhigung

"Gipfel der Finanzkrise kommt erst"

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Beate Kranz

Die Angst vor einer Rezession in den USA drückt die Börsen weltweit nach unten. Wie geht es weiter? Welche Gefahren drohen?

Hamburg. Die US-Immobilienkrise zieht immer weitere Kreise. Die internationalen Finanzmärkte sind nervös. Die wachsende Angst vor einer Rezession in den Vereinigten Staaten sowie angekündigte Milliardenverluste durch faule Hypothekenkredite der Großbanken Citigroup und Merrill Lynch haben die Börsen weltweit auf Talfahrt geschickt. US-Notenbankchef Ben Bernanke nannte gestern die Probleme auf den Kreditmärkten als schwerwiegend und hartnäckig.

Auch Deutschland ist offenbar stärker betroffen als bisher befürchtet. Die Hypo Real Estate schockte ihre Anleger mit einem Abschreibungsbedarf von 390 Millionen Euro, obwohl der DAX-Konzern zuvor immer behauptete, nicht von den Problemen amerikanischer Hausbauer betroffen zu sein. Finanzexperten prognostizieren, dass der Höhepunkt der Krise noch nicht erreicht ist. Wie geht’s weiter?

Droht den Vereinigten Staaten eine Rezession? "Dies ist nicht sicher. Doch die Wahrscheinlichkeit für eine Rezession ist größer geworden", sagt der Konjunkturchef des Kieler Instituts für Weltwirtschaft (IfW), Joachim Scheide, dem Abendblatt. Allerdings werde es keine tiefe, lang andauernde Rezession geben, die die ganze Weltwirtschaft nach unten reißt. Das IfW erwartet vielmehr , dass die Talfahrt in den USA bereits bis zum Jahresende wieder ausgestanden ist. Auch das Hamburgische WeltWirtschaftsInstitut (HWWI) geht von einer baldigen Erholung der US-Wirtschaft aus. Der Ex-US-Notenbank-Chef Alan Greenspan sieht die Wahrscheinlichkeit für eine Rezession bei 50 Prozent. Wenn in den USA das reale Bruttoinlandsprodukt zwei Quartale in Folge zurückgeht, wird von einer Rezession gesprochen.

Trifft die US-Rezession auch Deutschland? Deutschland könnte die Auswirkungen durch leicht rückläufige Exporte zu spüren bekommen. "Die Lage in den USA würde in Deutschland aber keine Rezession auslösen", sagte der IfW-Konjunkturchef Scheide. Europa ist nicht mehr so stark von den USA abhängig wie früher. So gehen 60 Prozent aller deutschen Exporte nach Europa. Der Aufschwung in Deutschland setze sich auch 2008 fort. Das Kieler IfW erwartet in diesem Jahr 1,9 Prozent Wachstum, das Hamburgische Welt- WirtschaftsInstitut 1,7 Prozent.

Welche Auswirkungen hat die Krise auf Unternehmen? Die US-Finanz- und Immobilienkrise wird sich vor allem auf das deutsche Kreditgeschäft niederschlagen. Der Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft geht davon aus, dass Firmenkredite in Deutschland nicht nur knapper, sondern auch teurer werden. Vor allem kleine und mittelständische Unternehmen müssten künftig mit schlechteren Konditionen rechnen. Zudem werden Banken vorsichtiger Kredite vergeben. In der Folge sei trotz guter Konjunktur nicht mit einer Abnahme der Firmeninsolvenzen zu rechnen. Der GDV erwartet 2008 rund 28 000 Pleiten. Eine Kreditklemme erwarten Marktkenner in Deutschland jedoch nicht.

Werden weitere deutsche Banken betroffen sein? Bisher haben die Banken im Zuge der Finanzkrise weltweit etwa 100 Milliarden Dollar abgeschrieben. Die Summe könnte auf rund 300 Milliarden Dollar steigen, sagen Finanzexperten. "Es ist zu befürchten, dass weitere deutsche Banken von der US-Immobilienkrise betroffen sind", sagte Jochen Intelmann, Analyst der Hamburger Sparkasse dem Abendblatt. Klarheit bringe erst die bevorstehende Bilanzsaison. Papiere mit minderwertigen USHypotheken- Anleihen (Subprime- Sektor) seien jahrelang weltweit von Banken verkauft und gekauft worden.

Was bedeutet die Krise für den deutschen Aktienmarkt? "Das erste Halbjahr 2008 wird turbulent und schwierig. Die Nervosität und Verunsicherung ist groß", sagt Haspa-Analyst Intelmann. Erst wenn alle Bilanzen bekannt seien, werde die Unsicherheit verschwinden. Deutsche Aktien seien derzeit nicht hoch bewertet und durchaus attraktiv. Die Haspa geht davon aus, dass sich die Kurse erholen und der DAX zur Jahresmitte bei 8000 Punkten stehe. Zwischenzeitlich könnte der DAX auf bis zu 7000 Punkte absacken. Zurzeit rät die Haspa ihren Anlegern abzuwarten, weder zu verkaufen noch zu kaufen. Erst wenn sich der Markt beruhigt habe, sollten gezielt einzelne Werte gekauft werden.

Droht deutschen Hausbauern eine ähnliche Krise? Der deutsche Häusermarkt steht nach Einschätzung von Branchenkennern auf einem deutlich solideren Finanzierungsfundament. In der Regel werden Hypotheken nur für 60 Prozent des Gesamtpreises finanziert. Zudem gab es in den vergangenen Jahren nicht so gigantische Wertsteigerungen bei Immobilien wie beispielsweise in den USA, Spanien oder Großbritannien. Der Markt gilt nicht als überhitzt.

Wann endet die Finanz- und Hypothekenkrise? Die US-Immobilienkrise wird erst in den nächsten sechs bis zwölf Monaten ihren Höhepunkt erreichen. Dann werden viele Hypothekendarlehen in den USA vom anfänglichen Festzinssatz auf den höheren variablen Zins wechseln, wodurch zahlreiche Immobilienbesitzer in Bedrängnis geraten dürften, sagte Jürgen Fitschen, Leiter des Deutschland- Geschäfts der Deutschen Bank. Auch die Wirtschaftsweisen Peter Bofinger und Wolfgang Franz rechnen mit einer weiteren Verschärfung der internationalen Finanzmarktkrise. "Den Höhepunkt der Finanzkrise erwarte ich erst für Mitte des Jahres", sagte Bofinger.

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