GRÜNDER: KAPITALGEBER GOTTFRIED NEUHAUS ÜBER DEUTSCHE START-UPS

"Hamburg ist Zentrum der Internetszene"

Neuer Wettbewerb in der Hansestadt soll jungen Firmen in der Aufbauphase helfen. Die Finalisten für den „Webfuture Award“ stehen fest.

ABENDBLATT: Herr Neuhaus, Sie sind Jurymitglied des Hamburger Webfuture Awards. Wie notwendig ist ein weiterer Förderwettbewerb für Internetfirmen? Es gehen doch ohnehin jeden Tag Dutzende Existenzgründer mit ihren Ideen an den Start.

GOTTFRIED NEUHAUS: Ein solcher Wettbewerb ist sinnvoll, damit die jungen Leute gezwungen werden, ihre Gedanken strukturiert niederzuschreiben − das hilft ihnen, ihre Ideen besser in die Tat umzusetzen. Und Firmen, die schon gegründet sind und bereits ein paar Mitarbeiter haben, bekommen durch solch einen Wettbewerb Aufmerksamkeit und Bestätigung, ihr Geschäftsmodell voranzutreiben. Zudem erhalten sie so leichter eine Finanzierung.

ABENDBLATT: Allein mit einem überschaubaren Budget aus der privaten Schatulle geht es nicht?

NEUHAUS: Die erste Finanzierungsrunde machen ja meist die vier F: Founder, Family, Friends und Fools (Gründer, Familie, Freunde und Trottel; Anm. der Red.). In einem zweiten Schritt ist es sinnvoll, Business Angels an Bord zu holen. Das sind Unternehmer, die schon einen Exit gemacht, also bereits erfolgreich eine Firma verkauft haben. Sie bringen Know-how, Erfahrung und Kontakte zu Wagniskapitalgebern wie uns mit.

ABENDBLATT: Welche Finanzierungsmöglichkeiten haben junge Gründer heute?

NEUHAUS: Im Vergleich zu den USA sind sie begrenzt. Das liegt auch daran, dass in Amerika einfach mehr Internetunternehmer reich geworden sind, die in Startups investieren. Gerade in der Anfangsphase, das heißt in den ersten zwei Jahren, fehlen Firmenhierzulande oft professionelle Finanzierungsmöglichkeiten. Das entwickelt sich gerade erst.

ABENDBLATT: Dennoch hat man den Eindruck, dass das Geld reichlich sprudelt. Täglich verkünden Investoren, meist Wagniskapitalgeber oder Medienkonzerne, dass sie bei jungen Internetunternehmen einsteigen, deren Geschäftsmodelle − gerade bei Social Communities etwa für Mütter, Sportler oder Hundeliebhaber − jedoch oft in großer Konkurrenz stehen.

NEUHAUS: Es wird sicherlich zu einer Konsolidierung kommen. Denn nur wer Reichweite hat, bekommt entsprechendeWerbegelder. Das heißt aber nicht, dass ein Nischenangebot nicht existieren kann. Es muss ja nicht immer gleich ein Weltkonzern werden.

ABENDBLATT: Welche Trends sehen Sie in der Internetbranche?

NEUHAUS: Die Entwicklung des Web 2.0, also des Mitmachnetzes, geht weiter, vor allem im Bereich der Social Communities wie StudiVZ. Viel tut sich auch bei Onlinemarketing und -Vertrieb. So ein tolles Ding, wo man sagt, "Wow, das ist es!", sehe ich aber leider nicht.

ABENDBLATT: Also sehen Sie derzeit kein zweites Google aus Deutschland?

NEUHAUS: Nein, das wird es wohl so schnell nicht geben.

ABENDBLATT: Woran liegt es, dass die Amerikaner die besseren Ideen haben und den Deutschen im Internet mindestens immer ein Jahr voraus sind?

NEUHAUS: Erstens hat dieses große Land mit 300 Millionen Menschen mehr Innovationspotenzial. Vor allem aber sind die Amerikaner mutiger, schneller und experimentierfreudiger.

ABENDBLATT: Die meisten deutschen Internet-Start-ups lehnen sich an US-Vorbilder an und sind − bis auf Ausnahmen wie etwa Xing − sogenannte Copycats.

NEUHAUS: Ja, das ist so. Dies hat aber auch einen Vorteil: Nur die erfolgreichen Internet-Gründungen in den USA werden kopiert, von den ganzen Flops dort hört man bei uns nichts.

ABENDBLATT: Wie steht Hamburg mit seiner Internet- und Technologieszene da?

NEUHAUS: Hamburg ist bundesweit das Zentrum. Nur Berlin kann mithalten. München wiederum ist bei Software sehr stark.

ABENDBLATT: Woran liegt das?

NEUHAUS: Das Umfeld von Medien- und Werbebranche ist wichtig. Zudem gibt es in der Hansestadt viel kreatives Potenzial. Auch eine Initiative wie Hamburg@ work hat viel bewirkt.

ABENDBLATT: Tut der Senat genug für die Branche?

NEUHAUS: Es gab Zeiten, als die Medienbranche mehr Aufmerksamkeit im Rathaus hatte. Momentan ist der Fokus stark auf dem Hafen, weil es dort so bombastisch läuft. Aber wenn wir ein Anliegen haben, haben die Wirtschaftsbehörde und Senator Gunnar Uldall immer ein offenes Ohr für uns.

ABENDBLATT: Es mehren sichWarnungen vor einer neuen Internet- Blase. Angesichts von Milliardenbewertungen für YouTube oder Facebook spricht man in den USA von einer "Bubble 2.0". Wie unterscheidet sich die Situation von der New-Economy-Phase?

NEUHAUS: 1999/2000 gingen Unternehmen mit hohen Bewertungen an die Börse, die keine Substanz und Zukunft hatten. Das ist heute anders. Google und Co. sind zwar hoch bewertet, schreiben aber ordentliche Gewinne.

ABENDBLATT: Also keine Blase?

NEUHAUS: Nun, Schnäppchenpreise sind das nicht mehr, die derzeit für Internet-Unternehmen gezahlt werden. Aber es sind eben auch Investitionen in die Zukunft: Internetnutzung und Onlinewerbung werden weiter stark wachsen. Darum herrschen Euphorie und Optimismus, Übertreibungen sehe ich aber nicht.