Studie: Forscher sehen die traditionellen Einkaufsstraßen in Gefahr

Die Schattenseiten der Shoppingcenter

Der Hamburger Marktführer ECE drängt in fast alle Innenstädte. Doch der Widerstand wächst.

Hamburg. Der Bau war eigentlich schon unter Dach und Fach. Ein Einkaufszentrum mit 15 000 Quadratmeter Verkaufsfläche wollte die Hamburger ECE Projektmanagement GmbH mitten in Oldenburg errichten. Unweit des alten Renaissanceschlosses und der gewachsenen Einkaufsmeile sollte Platz für noch einmal 90 Fachgeschäfte, Restaurants und Cafes entstehen. Die "Schlossgalerie" - ein Traum von ECE-Chef Alexander Otto, der Shopping gern als eine "Form der Unterhaltung" betrachtet.

Doch dann kamen die Kommunalwahlen und mit Bürgermeister Gerd Schwandtner kam ein Mann an die Macht, der wohl als Albtraum eines jeden Shoppingcenterplaners gelten kann. Schwandtner (parteilos) ist vom Fach, war bislang Marketingprofessor an der Universität Karlsruhe. Für Oldenburg kommt der neue Bürgermeister, der nächste Woche sein Amt antritt, zu dem Ergebnis: "Die geplante Schlossgalerie ist überdimensioniert für die Innenstadt und verträgt sich in ihrer Massivität nicht mit dem Stadtbild." Allein aus denkmalschutzrechtlichen Gründen könne das Einkaufszentrum nicht gebaut werden, sagte er dem Abendblatt. "Wir haben zudem schon heute ein Überangebot an Einzelhandelsflächen", so Schwandtner. Die Gefahr, dass kleine Händler unter dem neuen Projekt zu leiden hätten, sei zu groß.

Wie in Oldenburg mehren sich derzeit in vielen deutschen Städten die kritischen Stimmen zum Thema Shoppingcenter. In Celle scheiterte die ECE mit ihrem Plan, ein Einkaufszentrum mit 19 000 Quadratmeter Verkaufsfläche zu errichten. Auch hier sorgten die Kommunalwahlen für neue Mehrheitsverhältnisse, die den dortigen Bürgermeister zwangen, sich gegen das Projekt auszusprechen. Nach den Wahlen erklärte Bürgermeister Martin Biermann, die Vorarbeiten zur Planung des Einkaufszentrums würden eingestellt. Stattdessen unterstütze man die örtlichen Einzelhändler in ihren Bemühungen, dezentral eine Reihe von neuen Geschäften anzusiedeln.

Dass beim Kampf gegen die funkelnden, neuen Einkaufsmeilen häufig der Name ECE (das Kürzel steht für Einkaufs-Center-Entwicklungsgesellschaft) auftaucht, ist kein Zufall. Das Unternehmen mit Sitz in Poppenbüttel ist Europas größter Betreiber von Shoppingcentern. Ein Imperium aus 89 Einkaufsmeilen lenkt Alexander Otto bereits heute. Und es werden immer mehr: Gerade erst wurde in Leipzig ein neues Center eingeweiht, samt künstlichem See mit Booten und einem Abenteuerspielplatz für Kinder. Zehn Konsumtempel befinden sich derzeit allein in Deutschland in Bau oder in der Planung. Braunschweig, Hameln und Essen sind ebenso darunter wie Passau, Schweinfurt, Ludwigshafen, Leverkusen und Saarbrücken. Investionsvolumen: rund drei Milliarden Euro.

Dabei hat in den vergangenen Jahrzehnten durchaus ein Wandel stattgefunden. Waren Einkaufszentren auf der Grünen Wiese noch in den 80er-Jahren der Schrecken der Innenstädte, so werden diese heute vor allem im Herzen der Gemeinden angesiedelt. "Die Bürgermeister sehen unsere Einkaufszentren als Chance, mehr Kunden in die Innenstädte zu holen", sagte Alexander Otto dem Abendblatt. Ein Shoppingcenter trage zur Attraktivität der Citys bei.

Doch genau an diesem Versprechen melden immer mehr Stadtplaner nun Zweifel an. "Vielen Innenstädten ist durch das massive und zu vorbehaltlos hingenommene Vordringen zu großer, stereotyp angelegter Einkaufscenter nachhaltig geschadet worden", kritisierte etwa das Deutsche Institut für Urbanistik in einem Positionspapier schon im Frühjahr. Zu den Autoren zählten nicht nur Stadtplaner, sondern auch Vertreter der Karstadt Immobilien AG.

Noch deutlicher drückt es die Diplomökonomin Monika Walther aus. "Viele Shoppingcenter haben sich zum Fluch für die Innenstädte entwickelt", sagt die Wissenschaftlerin, die im Fachbereich Stadtplanung der HafenCity-Universität Hamburg das Forschungsprojekt "Auswirkungen Innenstädtischer Shoppingcenter auf die gewachsenen Strukturen der Zentren" betreut.

"Traditionelle Einkaufsstraßen leiden unter der Ansiedlung großer Center", sagt Walther. "Ketten wie H&M oder Thalia ziehen dort hinein und lassen leere Flächen zurück." Es komme zu einem Mietpreisverfall in der Umgebung der Konsumtempel. "Das wäre noch nicht schlimm, weil die Immobilienpreise in der Vergangenheit vielleicht überhöht waren", so Walther. Tatsächlich sei die Miete ein Gradmesser für die Attraktivität einer Immobilie. "In der Realität werden die frei werdenden Flächen oft von Ein-Euro-Shops oder Handyläden besetzt."

Als Beispiel für diese Entwicklung nennt die Wissenschaftlerin die Lüneburger Straße in Harburg, die nach dem Bau des Phoenix-Centers in noch desolaterem Zustand als zuvor erscheine. Und in ostdeutschen Städten wie Schwerin oder Magdeburg werde die Innenstadt heute im Wesentlichen von den ECE-Centern dominiert. "Daneben haben kaum noch andere Strukturen Platz."

Negative Effekte zeigten sich auch in Städten wie Augsburg, wo die ECE ein "Stadtgalerie" genanntes Einkaufscenter am Rande der Innenstadt errichtet habe. Der Anteil der city-typischen, die Attraktivität der Innenstadt wesentlich bestimmenden Geschäfte, sei hier von ehemals zwei Drittel auf die Hälfte gesunken. Viele der Geschäfte finden sich nun im Einkaufszentrum wieder. "Ein Shoppingcenter wirkt wie ein Staubsauger", sagt Walther.

Insgesamt hat die Wissenschaftlerin die Umsatzentwicklung des Einzelhandels in 70 kreisfreien Städten über die vergangenen zehn Jahren untersucht. "Die einzige positive Entwicklung, die auf ein Einkaufszentrum zurückzuführen ist, findet sich in Wolfsburg", sagt sie. In allen anderen Fällen habe sich im Vergleich zu den Städten ohne Einkaufszentrum kein signifikanter Unterschied ergeben. "Wenn die Umsätze für den Einzelhandel aber gleich geblieben sind und die Center sich gut entwickeln, dann muss der Handel außerhalb verloren haben."

ECE-Sprecher Robert Heinemann will dies freilich nicht gelten lassen. "In Augsburg beurteilen die Händler in der Innenstadt nach anfänglicher Skepsis unser Einkaufszentrum durchaus positiv", sagte er. In Schwerin habe man erst dafür gesorgt, dass die Innenstadt für Käufer von außerhalb überhaupt interessant geworden sei. Und auch das Projekt in Oldenburg gibt ECE noch längst nicht verloren. "Wir haben geltende Verträge mit der Stadt, die eingehalten werden müssen", sagte Heinemann. Man sei zuversichtlich, dort bauen zu können.

Überhaupt versteht sich ECE-Chef Alexander Otto nicht als Zerstörer der traditionellen Innenstädte, sondern als ihr Erhalter. Deshalb hat der Sohn des Versandhausgründers Werner Otto die Stiftung Lebendige Stadt ins Leben gerufen. "Unser Ziel ist es, die Zukunft unserer Städte aktiv mitzugestalten", heißt es in deren Selbstdarstellung. Im Vorstand sitzt neben den ECE-Vertretern Andreas Mattner und Robert Heinemann auch der Lichtkünstler Michael Batz. Im Stiftungsrat sind unter anderem Hamburgs Wirtschaftssenator Gunnar Uldall vertreten, Oberbaudirektor Jörn Walter, der saarländische Wirtschaftsminister Hanspeter Georgi und die grüne Bundestagsabgeordnete Krista Sager.

In Hamburg hat die Stiftung die Neugestaltung des Jungfernstiegs unterstützt, in Berlin den Reichstag illuminiert und bundesweit die schönsten Spiel- und Freizeitplätze prämiert. In Heilbronn, wo ECE jetzt ebenfalls ein Einkaufszentrum baut, wurde ein "Grünmasterplan" für die Stadt entworfen, zu verstehen als "eine umfangreiche Sammlung von Konzepten und Ideen, wie die Stadt durch Grün noch lebenswerter und attraktiver gestaltet werden kann".

Dass es sich bei der gemeinnützigen Stiftung um eine Art "Feigenblatt für Einkaufscenter mit stadtzerstörerischer Wirkung" handeln könnte, wie jüngst die "Süddeutsche Zeitung" schrieb, weist Sprecher und Vorstandsmitglied Heinemann empört zurück. "Die Stiftung unterstützt bewusst keine Projekte, die im Zusammenhang mit Handelsprojekten in einer Stadt steht." Es gehe lediglich um die Steigerung der Attraktivität der Innenstädte.

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