Böses Erwachen bei den Versicherungen

Kommentar

Die schwere Krise an den Finanzmärkten erfasst jetzt auch jene Anleger, die sich bewusst gegen unsichere Aktienspekulationen entschieden und ihr Geld in die sichere Anlageform Lebensversicherung gesteckt haben. Nicht nur, dass sie am Ende der Laufzeit ihres Vertrags voraussichtlich weniger Gewinne ausgeschüttet bekommen als gedacht, sie müssen im schlimmsten Fall offenbar damit rechnen, dass ihr Assekuranzunternehmen wegen der fallenden Aktienkurse nicht einmal mehr die gesetzlich vorgeschriebene Mindestverzinsung von 3,25 Prozent überweisen können wird. Hauptgrund für die Misere ist, dass die Versicherungen bis zu 35 Prozent der Beiträge ihrer Kunden in Aktien investieren dürfen, um damit Geld zu verdienen. Doch an der Börse erwirtschaften die Assukuranzfirmen zurzeit eher Verluste als Gewinne. Die Anlagemöglichkeit in Aktien ist dennoch nicht zu kritisieren, schließlich haben Allianz und Co. - auch für ihre Kunden - zu guten Börsenzeiten saftige Renditen erzielt. Bedenklich ist jedoch, dass die derzeitige Krise die Branche offenbar unvorbereitet trifft. Wenn ein Versicherer nicht mehr in der Lage ist, die Mindestrenditen zu überweisen, muss er unter Zwangsverwaltung gestellt werden. Während die Banken schon vor Jahren mit einem Notfonds dafür gesorgt haben, dass die Kunden ihre Einlagen auch dann zurückerhalten, wenn das Institut pleite ist, gibt es bei den Versicherungen keinen gemeinsamen Rettungstopf. Erst jetzt ist die Branche aufgeschreckt und arbeitet an einem ähnlichen Modell. Das ist zu spät. Bleibt zu hoffen, dass das Notfallkonzept steht, ehe das erste namhafte Unternehmen seine Gewinnausschüttungen nicht mehr leisten kann. Den Vertrauensverlust, der nicht nur bei Kunden der betroffenen Versicherung, sondern in der gesamten Bevölkerung entstehen würde, könnte die Branche über Jahre hinweg nicht wieder ausgleichen.