Hamburg. Jessica Bartling (38) ist zufrieden. "Krawatten laufen zurzeit sehr gut", sagt die Geschäftsführerin der Manufaktur Laco in Hamburg. Laco ist der einzige Hersteller für ausschließlich handgemachte Krawatten, der am Hochlohnstandort Deutschland überleben konnte. Zu den Kunden der Manufaktur, die schon für Kaiser Wilhelm II. fertigte, gehören Hamburger Herrenausstatter wie Braun, Staben oder Ladage & Oelke.
So absurd es klingt, Laco profitiert von der schlechten wirtschaftlichen Lage. Das ist bei Krawatten kein Widerspruch. "Es wird wieder formeller", sagt Seniorchef Rüdiger Thumann (67). "Je mehr Kündigungen ein Unternehmen ausspricht, desto besser wird die Kleidung der Mitarbeiter."
Auch andere Herrenausstatter bestätigen den Trend zum Binder, so eine Umfrage des Abendblatts. "Karriere zu machen, ist heute nicht mehr so leicht. Deshalb achten die Kunden mehr aufs Outfit", sagt ein Krawattenexperte beim Modegeschäft Anson's. "Wir haben in diesem Jahr 15 bis 20 Prozent mehr Krawatten verkauft als 2003", bestätigt auch Henrik Ohff, Inhaber des Herstellers von Maßhemden, Campe & Ohff, aus Hamburg. Während Händler wie Anson's, Kirsch oder Peek & Cloppenburg sich über die gestiegene Nachfrage freuen, dürfte die deutsche Textilindustrie davon kaum profitieren: Es gibt nur noch eine Hand voll Krawattenhersteller, die in Deutschland fertigen. Die ehemalige Krawattenhochburg Krefeld ist auf zwei Hersteller zusammengeschrumpft.
"90 Prozent der Krawatten werden im Ausland hergestellt", sagt Friedrich Peschen, Geschäftsführer des Branchenfachverbands. Führend sind nach wie vor die Italiener, auf Rang zwei folgen die Koreaner. Außerdem gibt es immer mehr Handelsmarken: Große deutsche Häuser wie Anson's, Peek & Cloppenburg oder Breuninger lassen Schlipse für eigene Marken fertigen und erreichen damit häufig eine größere Handelsspanne als mit eingekauften Labels. Mit dieser Strategie profitieren sie bereits seit mehreren Jahren vom Comeback des Binders.
Denn seinen Tiefpunkt erreichte der Krawattenabsatz bereits 2001. Von 1996 bis 2001 war die Zahl der verkauften Binder bundesweit von 16 Millionen auf elf Millionen zurückgegangen, heute liegt er wieder bei 12,5 Millionen im Jahr. Es war die Zeit der New Economy, als 25 Jahre alte Jungakademiker an der Börse zu Millionären wurden - eine Krawatte hatte damals einfach keiner nötig. Im Gegenteil, es war schick, sich auch kleidungsmäßig von der Old Economy abzusetzen, in einem trotzigen Akt der Rebellion den obersten Hemdenknopf zu öffnen und den Kragen zu lockern. Oder gleich eine eigene modische Duftmarke zu setzen, wie der Hamburger Internetpionier Oliver Sinner, der nie Socken trug.
Die Zeiten, als alles wie von selbst lief, sind leider lange vorbei. Inzwischen dürfte das Stück Stoff wieder so wichtig sein wie 1827, als es in einem französischen Benimmbuch über Männer und Krawatten hieß: "Sie ist der Gradmesser seines Geschmacks in Bezug auf Kleidung und Erziehung." Heute wird das - wenn auch in anderen Worten - bestätigt: Eine repräsentative Umfrage unter 320 Topunternehmern kam zu dem Ergebnis, dass 90 Prozent der Befragten überzeugt sind, ihre Mitarbeiter könnten erfolgreicher sein, wenn sie sich korrekt kleiden und zielorientierter verhalten würden.
"Es gibt keine zweite Chance für den ersten Eindruck", warnt auch der Hamburger Imageberater Hans-Werner Breukel, Inhaber der Unternehmensberatung WBC-Connection. Immerhin 65 Prozent des Eindrucks mache das äußere Erscheinungsbild aus, noch 30 Prozent die Stimme, und nur fünf Prozent die Fachkompetenz. Aber nicht nur die Psychologie, auch die Hemdenmode beflügelt den Krawattenverkauf. "Die derzeit modische Kragenform, der Haifischkragen, verlangt einfach eine Krawatte", sagt Hemdenspezialist Henrik Ohff. Die vorher üblichen Button-Down-Hemden dagegen saßen auch ohne Krawatte gut.
Allerdings gibt es auch gute Nachrichten für eingefleischte Gegner des 150 mal neun Zentimeter großen, zumeist feinen Tuches am Hals. Immerhin 40 Prozent der deutschen Männer besitzen schließlich keinen einzigen Schlips. In Winsen erstritten zwei Anwälte, dass sie nicht aus dem Saal verwiesen werden dürfen, wenn sie unter der Robe keine Krawatte tragen. Und clevere Juristen fanden heraus, dass der Krawattenzwang nach europäischem Recht als Menschenrechtsverletzung gelten könne.
Immerhin 65 Prozent des ersten Eindrucks macht das äußere Erscheinungsbild aus, 30 Prozent die Stimme.
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