Diät - ein ganz dickes Geschäft

ABNEHMEN: Vor der Urlaubszeit boomt der Handel mit Schlankmachern. Wovor Experten warnen.

Hamburg. Ein Blick in den Spiegel, ein Blick auf den Urlaubsplan. Entsetzen. Die Bikinihose kneift, doch die Ferien beginnen in drei Wochen. Der erste Gedanke: Nur eine Blitz-Diät hilft. Ein Mittel zum Abnehmen muss her. Gerade vor der Urlaubszeit boomt die Nachfrage nach Diät-Produkten. Das Verlangen nach einer Idealfigur ernährt eine ganze Branche. Etwa 1,8 Milliarden Euro gaben die Deutschen im vergangenen Jahr für kalorien- und fettreduzierte Produkte aus. In den USA schätzen Experten die Ausgaben fürs Abnehmen auf 30 Milliarden Dollar pro Jahr. Kunden, die auf schnelle Erfolge spekulieren, verlieren statt Gewicht jedoch meist nur Geld. Ob Slim-Fast-Drinks, Lätta-Margarine, fettfreie Kartoffelchips oder Cola light: Der Markt für die vermeintlichen Figurhelfer wächst immer mehr und stärker als der Rest der Lebensmittelbranche. "Die Nachfrage nach Diät-Produkten wird auch in Zukunft weiter steigen", prognostiziert Volker Pudel, der Ernährungswissenschaftler von der Universität Göttingen. "Mindestens die Hälfte aller Deutschen ist mit ihrer Figur unzufrieden", so der Fachmann von der ernährungspsychologischen Forschungsstelle. Nachdem bislang meist Frauen zum Diät-Drink aus dem Regal greifen, hoffen jetzt auch immer mehr Männer auf den schnellen Abnehmerfolg zum Anrühren. So genannte Formula-Diäten kommen in Form von Instantpulver, Suppen oder Drinks auf den Markt. Die Produkte, wie zum Beispiel Bionorm, Slim Fast oder Multaben, sollen während einer Diät die Mahlzeiten ganz oder teilweise ersetzen. "Die Formula-Produkte eignen sich nur bei wirklich übergewichtigen Menschen als Hilfsmittel für den Einstieg in die Diät und nur mit Hilfe eines Trainers", so Ernährungsexperte Pudel. "Danach beginnt die dauerhafte Umstellung der Ernährung und damit die eigentliche Arbeit." Die Zusammensetzung der Formula-Produkte ist in der Diät-Verordnung nach EU-Norm genau geregelt - die Hersteller haben bei den Zutaten kaum noch Spielraum. Antje Zellmer von der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE): "Die Waren entscheiden sich nur im Geschmack und im Preis." Eine Besonderheit der Branche: Viele Produkte verschwinden genauso schnell vom Markt, wie sie erschienen sind. Aber sie werden sofort durch neue ersetzt - oft ist auch nur die Verpackung neu. In Deutschland bestimmt der Konzern Unilever den Markt an Abnehmhilfen. Dem Unternehmen gehören neben der Produktlinie Slim Fast auch die Marken Lätta und du darfst. Auch in Zukunft rechnet das Unternehmen mit einem Wachstum: Mit der Tochtergesellschaft Slim Fast Foods will Unilever in diesem Jahr weltweit eine Milliarde Euro Umsatz erreichen. Auf dem Markt der Diät-Produkte werden neben bedingt hilfreichen Erzeugnissen wie den Formula-Diäten auch viele unbrauchbare bis schädliche Produkte angeboten. "Mit Diät-Mitteln wird viel Schindluder getrieben", berichtet Armin Valet, Ernährungsexperte der Verbraucher-Zentrale Hamburg. "Wir bekommen fast täglich neue Berichte, wie die Ängste der Verbraucher auf übelste Weise ausgenutzt werden." Etliche Firmen versprechen verbotenerweise eine Erfolgs- oder Geld-zurück-Garantie, geben für Reklamationen nur Postfachadressen an oder sitzen im Ausland. Vorher-Nachher-Bilder sind meist Fotomontagen. In Anzeigen erwähnte Ärzte, die das Produkt anpreisen, existieren oft gar nicht. Sollte ein Kunde tatsächlich sein Geld zurückverlangen, hätte er kaum eine Möglichkeit, die Kosten vom Anbieter einzufordern. "Sehr viele Anbieter verstoßen gegen Wettbewerbsregeln", sagt die Ernährungswissenschaftlerin Antje Zellmer. "Die Firmen bewegen sich hart an der Grenze zur Illegalität." Bei den Nebenwirkungen der vermeintlichen Abnehmhilfen zählt der Jo-Jo-Effekt noch zu den harmloseren Folgen. Herzmuskelschwund, Gallensteine, Osteoporose, Depressionen und Haarausfall zählt Antje Zellmer als weitere mögliche Nebenwirkungen auf. Doch ein Ende des Booms in der Diät-Branche scheint noch nicht in Sicht. "Der Mythos des Idealgewichts ist stark verbreitet", sagt sie. "Und die Menschen werden immer dicker", ergänzt Experte Pudel, "nicht zuletzt durch Diät-Mittel."