Beiersdorf: Wer hinter der Familie Claussen steht

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Hamburg. Verständnisloses Kopfschütteln bei den Mitarbeitern des Hamburger Nivea-Herstellers Beiersdorf. "Kann es wirklich sein, dass die Familie Claussen die Rettung unseres Unternehmens durch ihr Verhalten verhindert?", fragt ein Mitarbeiter des Unternehmens verzweifelt. "Warum stehen die nicht zu ihrem Wort?" Die Furcht beim Hamburger Traditionsunternehmen vor einer Übernahme durch den US-Konzern Procter & Gamble und einer anschließenden Zerschlagung wächst, nachdem bekannt wurde, dass das Konsortium um den Kaffeeröster Tchibo bröckelt. Tchibo will 40 Prozent an Beiersdorf vom Versicherungskonzern übernehmen. Zehn Prozent will das Unternehmen selbst behalten, das bereits 31 Prozent an Beiersdorf besitzt. Die Familie Claussen hat Tchibo nach Informationen des Abendblatts zugesichert, dass sie ihre zehn Prozent an Beiersdorf mit den dann 41 Prozent von Tchibo poolt. Damit hätten beide Aktionäre die Mehrheit an dem Nivea-Hersteller. Doch kurz vor Unterschrift des Kaufvertrages ziehen wesentliche Teile der Familie ihre Zusage an Tchibo wieder zurück. Der Deal droht zu platzen. Am Verhandlungstisch sitzt für die Familie Carl-Albrecht Claussen, ein Rechtsanwalt, der Partner der Kanzlei Taylor Wessing in Berlin ist. Claussen (Jahrgang 1955) ist in Blankenese als jüngster Sohn des jetzigen Ehrenvorsitzenden im Beiersdorf-Aufsichtsrat, Georg W. Claussen (92), aufgewachsen, hat am Christianeum sein Abitur gemacht. Danach studierte er in Hamburg und Freiburg Jura und promovierte. Mit dem großen Vermögen seiner Familie habe er in der Schule nie geprahlt, heißt es von ehemaligen Klassenkameraden. Doch jetzt will er offenbar richtig Geld verdienen, verlangt den Informationen des Abendblatts zufolge Prämien und andere Leistungen, die zusammen einen dreistelligen Millionenbetrag wert sind, dafür, dass die Familie, wie versprochen, ihre Aktien mit denen von Tchibo zusammenwirft. Das Poker um Beiersdorf passt nicht zum Verhalten der Familie Claussen in der Vergangenheit. Bislang haben sich die Claussens immer als Aktionärsfamilie dargestellt, die sich dem Werk und seiner Geschichte verpflichtet fühlt. Beiersdorf wurde von dem Apotheker Paul C. Beiersdorf gegründet, der seine Firma 1890 an den jüdischen Chemiker Oskar Troplowitz, verkaufte. Der starb kinderlos, sein Vermögen ging zur Hälfte an seine Schwester Sophie Pulvermacher. Und deren Tochter Martha heiratete 1908 Carl Friedrich Claussen, den Großvater des jetzigen Verhandlungsführers Carl Albrecht Claussen. Dem Terror der Nazizeit ist die Familie knapp entkommen. Man habe immer in der Furcht gelebt, die Mutter könne von den Schergen des Nazireiches abgeholt werden. Georg W. Claussen wurde als Halbjude zwar noch zum Zweiten Weltkrieg eingezogen, bald aber als wehruntüchtig entlassen. Im Februar 1945 drohte ihm der Abtransport ins Konzentrationslager, der nur durch die mutige Hilfe eines Arztes verhindert werden konnte. Trotz dieser schrecklichen Erlebnisse hat die Familie Claussen nach dem Zweiten Weltkrieg immer zu Hamburg und zu Beiersdorf gehalten. Georg W. Claussen war vor seinem Wechsel in den Aufsichtsrat 25 Jahre lang Vorstandsvorsitzender des Nivea-Herstellers. Sein Sohn Carl Albrecht Claussen hat bislang als Mitglied des Beiersdorf-Aufsichtsrats die Geschicke des Unternehmens mitgelenkt. In Hamburg hofft man nun, dass Georg W. Claussen ein Machtwort spricht und seinen Sohn umstimmen kann. Sonst könnte Tchibo die Lust an der Übernahme von Beiersdorf verlieren, fürchtet man. Der Hamburger Senat steht hinter Tchibo, aus Furcht, die Allianz könnte ihre Anteile sonst an den US-Konzern Procter & Gamble verkaufen. Dann droht bei Beiersdorf ein Arbeitsplatzabbau. (stü)

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