Die gefährliche Sekunde

Manchmal reicht eine Sekunde, um aus dem Gleichgewicht zu geraten. Vorsicht, Sekundenschlaf! Der bietet sich 2015 exakt zur Jahresmitte an. Dann würde man nicht mal Zeit verlieren. Denn in der Nacht zum 1. Juli um 23.59 Uhr bleiben die Uhren stehen, jedenfalls die funkgesteuerten. Sie halten eine Sekunde an und laufen dann weiter, als wäre nichts geschehen.

In Wirklichkeit haben wir eine (Schalt-)Sekunde gewonnen. Die muss ausbaden, dass der Globus quietscht und eiert. Statt sich in 24 Stunden einmal um sich selbst zu drehen, lässt sich die Erde einen klitzekleinen Moment mehr Zeit. S-Bahn-Fahrer in Hamburg werden sich genervt fragen: Eine Sekunde alle paar Jahre? Wen regt das auf? Aber einige Zeitgenossen nehmen das genauer, zum Beispiel jene vom Internationalen Dienst für Erdrotation in Frankfurt am Main oder vom Internationalen Büro für Maß und Gewicht in Paris. Deren Damen und Herren werden nervös, wenn ein Tag nicht mehr aus 86.400 Atomsekunden besteht.

Noch nervöser reagieren weltweit vernetzte Computer auf Extrasekunden. Bei der letzten Korrektur im Sommer 2012 spielten Buchungspläne von Fluggesellschaften verrückt, Internetdienste fielen aus. Einige Programmierer gehen Umstellungsproblemen aus dem Weg, indem sie Computeruhren über längere Zeit minimal langsamer ticken lassen, bis sie um Mitternacht mit der neuen Zeit übereinstimmen.

Was fehlt, ist ein politisch verbindlicher Beschluss, dass die Welt gefälligst korrekt rotieren soll. Noch lässt sie sich von keinem Menschen aus ihrer Bahn werfen. Das schafft nur der Mond mit seiner Anziehungskraft. Der macht sich aber schon davon – er entfernt sich von der Erde jedes Jahr um 3,8 Zentimeter.