Bei den Roten Platz 1

China überholt Frankreich. Nirgendwo auf der Welt wird mehr Rotwein konsumiert als im Reich der Mitte

Wer bisher Russen, Finnen und Iren für große Trinker gehalten hat, muss womöglich umdenken. Die neuen Schluckspechte kommen aus China.

Schon in der fernöstlichen Dichtung spielt der Wein eine Rolle. Su Shi philosophiert: „Wie oft gibt es den hellen Mond? Ich greife zum Wein und frage den blauen Himmel.“ Und der in so einem Text unvermeidliche Konfuzius sagt: „Am Rausch ist nicht der Wein schuld, sondern der Trinker.“ Seit dieser Woche ist es auch faktisch belegt: Gemäß einer Studie der Weinmesse Vinexpo in Bordeaux haben die Chinesen im vergangenen Jahr mehr Rotwein getrunken als die Franzosen.

155 Millionen Kisten mit je neun Litern Rotwein, das sind 1,395 Milliarden Liter und fünf Millionen Kisten oder 45 Millionen Liter mehr als die Franzosen. Die Deutschen folgen mit 112 Millionen Kisten noch hinter Italien und den USA. So bekommt der Begriff Rotchina eine völlig neue Bedeutung. Vielleicht sind die Chinesen bald nicht mehr gelb, sondern blau. Ihre Trinkgewohnheiten dürften allerdings Weinliebhaber erschaudern lassen: Sie mischen den Roten gern mit Cola oder schütten haufenweise Eiswürfel hinein.

Der kleine Haken an dieser fernöstlichen Erfolgsgeschichte: Sie basiert auf absoluten Zahlen. Die Masse macht’s – bei 1,3 Milliarden Chinesen trinkt jeder von ihnen gerade mal einen Liter. Bei jedem Einzelnen der 65 Millionen Franzosen sind es 20 Liter.

Doch der lange Marsch der Chinesen zur Weingroßmacht ist unaufhaltsam. Wer mit perfekten Kopien westlicher Hochtechnologie Computer, Autos oder Flugzeuge bauen kann, für den dürfte ein Weingut kein Problem sein. Zumal die Chinesen schon seit Jahrtausenden Jiu, den Wein, anbauen. Zu den Trendsettern im Reich der Mitte gehört der frühere Basketballprofi Yao Ming, der hochpreisigen Luxuswein anbietet. Die baut er aber weder in Shandong noch in Yinchuan an, sondern im Napa Valley. Und das liegt in Kalifornien.