Glosse

Göhtes Mittelerde

Wo bleibt die Romantik? Was die Deutschen zum Jahreswechsel im Kino suchten – und fanden

Kinofilme, die rund um den Jahreswechsel starten, haben besonderes Gewicht. Vor Weihnachten brauchen die einkaufsgeschwächten Menschen Balsam für die Seele, hinterher oft noch nötiger. Und was sehen sie? Nach der aktuellen Statistik der bestbesuchten Filme einen wilden Mischmasch aus Kinderfilm, Fantasy und Realsatire.

Dass „Die Eiskönigin“ mit 1,96 Millionen Zuschauern einen respektablen dritten Platz belegt, kann man ja noch verstehen: Disney-Produktionen sind dazu da, mal wieder mit der ganzen Familie ins Kino zu gehen, ohne dass die Kleinen quengeln. Nur dass Vati trotz allen Familiensinns bei den Gesangseinlagen einschläft. Warum aber lockt ein düsteres Fantasy-Epos wie „Smaugs Einöde“ über Weihnachten 3,67 Millionen Zuschauer an (Platz zwei)? Rechnerisch beschäftigen sich offenbar ganze Kleinstädte lieber mit den Herausforderungen von Mittelerde als mit ihrer Steuererklärung für 2013 oder den Unwägbarkeiten der GroKo, bei der sich erst noch herausstellen muss, wer der Drache, der Zauberer und die Zwerge sind. Vielen Jüngeren sind Bilbo, Gandalf und der Zwergentrupp mittlerweile vertrauter als Disney-Figuren wie Thor, Arielle und die Tinkerfee.

Will denn zu Weihnachten keiner mehr Romantik? Schon in der Startwoche verfolgten 700.000 Zuschauer, wie sich ein blasser Brite von Ben Kingsley in die unappetitlichen Geheimnisse eines mittelalterlichen „Medicus“ einweisen lässt. Romantik ist was anderes. Als Gewinner dieses Winters erweist sich stattdessen der muntere Klischeeknaller „Fack Ju Göhte“ mit unerziehbaren Zehntklässlern und töpfernden Lehrerinnen, der schon mehr als fünf Millionen Besucher angezogen hat. Warum bloß? Sätze wie „Check sis aut“ begeistern Tausende, statt Texten sind heute „krasse Sprüche“ ein Qualitätsmerkmal. Immerhin: Wer vorher nicht Goethe schreiben konnte, kann jetzt Elyas M’Barek buchstabieren (der Hauptdarsteller). Wenn’s nach den Kinocharts geht, muss am Ziel „Bildungsnation“ noch hart gearbeitet werden.