Hirschhausen

Unten ohne

Foto: HERBERT Management

Alle wollen zurück zur Natur - aber keiner zu Fuß. Ist die Zeit für teure Laufschuhe abgelaufen?

Was ist die uncoolste Sportart bei der Leichtathletik-EM? Gehen, oder? Als Kinder haben wir uns schon abgerollt vor Lachen, wenn wir im Fernsehen erleben durften, wie Erwachsene mit ernstem Gesicht und angewinkelten Armen versuchen, sich im Powackeln auf Strecke zu überbieten und dabei ja nie beide Fersen gleichzeitig vom Boden abzuheben. Es wirkte immer so überambitioniert und hilflos. Wenn man sich schon auf zwei Beinen fortbewegt, dann doch bitte rennen! Und das am besten in den coolsten und teuersten Sportschuhen, mit Airbag, Spoiler und dreifachem Aufprallschutz.

Aber jetzt kommt da ein Professor, kein dahergelaufener, ein ausgewiesener Evolutionsbiologe auf zwei Beinen aus Harvard, und meint: alles Quatsch. (Nature 463, 2010. Foot strike patterns and collision forces in habitually barefoot versus shod runners.) Dass dieser Mann nicht automatisch von der Herstellermafia wie ein Reebok abgeknallt und einem Puma vorgeworfen wurde, ist erstaunlich, denn seine These lautet: Seit 1970 der moderne Laufschuh entwickelt wurde, laufen wir in die falsche Richtung. Wir rennen so, wie wir nur gehen sollten, mit dem Gewicht hinten.

Auf der Ferse zu landen ist beim Gehen enorm effizient. Dafür hat die Evolution den Fuß optimiert, nicht fürs Sprinten (auch nicht fürs Nordic Walken!). Sobald wir aber rennen, kommen wir mit dem Dreifachen des Körpergewichts auf, was bei übergewichtigen Läufern schon beim Hinhören wehtut. Wir landen siebenmal sanfter, wenn wir uns mit dem Vorfuß abfedern.

Die letzten 30 Jahre haben sich Jogger durch die Knautschzonen der Laufschuhe dummerweise angewöhnt, hinten auf der Hacke zu landen. Das zermürbt Knochen, Sehnen und Gelenke wie bei vielen Dauerläufern auf Dauer zu beobachten. Die Schuhe könnten die eigentliche Achillesferse sein, und die Lösung nicht noch bessere, sondern gar keine! So wie bei Abebe Bikila, der 1960 in Rom den Marathonlauf gewann: barfuß! In der Studie gelang Menschen aus Kenia, die von Kind auf an ohne Schuhwerk rennen, mit ein bisschen Hornhaut ein sehr viel harmonischerer Bewegungsablauf als den Amerikanern mit den modernsten Tretern. Kurios: Auch auf härtestem Untergrund ist man ohne Schuhwerk besser zu Fuß als mit. (Das gilt für Ton und Stein, aber nicht für Scherben.) Wenn die aktuellen Laufschuhe eh die 70er-Jahre wieder aufleben lassen, warum geht man dann nicht beherzt richtig "retro" und lässt die Laufschuhe ganz weg - und die Hektik. Wie es die letzten 70 000 Jahre voll angesagt war. Und cool ist es auch. Also noch nicht, aber bald. Werden Sie Trendsetter! Den Song dazu gibt es schon: "Dann geh doch!"