Karasek

Die Lizenz zum Schlafen

Wer schläft, sündigt nicht, weiß das Sprichwort, aber das ist grundfalsch, wenn man an den Beruf des Schläfers denkt.

Ja, Schläfer, schlafen als Beruf! Denken Sie dabei bitte nicht an Vertreter des Deutschen Beamtenbundes, an solche, die Oskar Lafontaine (er hatte ja eigene Erfahrungen in diversen Beamtensesseln, als Bürgermeister, Ministerpräsident oder Minister) wegen ihrer neben dem Schnarchen wichtigsten Schlaftätigkeit "Sesselpupser" genannt hat, auch Schnarchnasen können also anders. Ihre Überzeugung ist, dass der Büroschlaf der gesündeste sei. Als ein solcher Bürohengst neulich erst gegen Mitternacht nach Hause kam, antwortete er auf die Frage seiner Frau, warum er denn so spät komme: "Stell dir vor, meine Kollegen, die Schweine, haben mich bei Büroschluss nicht geweckt."

Nein, diese Schläfer sind nicht gemeint. Vielmehr die zehn Sowjetspione, die am Wochenende gegen vier amerikanische Spione in Wien ausgetauscht wurden, als wären wir noch mitten im Kalten Krieg und hätten den Fall der Mauer, Gorbatschow, Jelzin wie Putin, zweimal Bush, Clinton und Obama verschlafen. Und als gäbe es die geteilte Glienicker Brücke noch und die "Dritte Mann"-Atmosphäre in Wien, "Liebesgrüße aus Moskau" mit James Bond und den "Spion, der aus der Kälte kam" von John Le Carré. Nix davon, die zehn Spione, die im Computerzeitalter kaum noch ihre Liebesbriefe mit unsichtbarer Tinte schrieben und tote Briefkästen tote Briefkästen sein ließen, waren - Schläfer!

Was macht man da? Man stellt sich tot, schläft, damit man nicht erschossen wird. Aufgedeckt. Man tut gar nichts, führt entweder ein "Familienleben" in einer grünen Suburb oder spielt Mata Hari und guckt schlafzimmrig über die nackte Schulter wie ein James-Bond-Girl. Und hat wie einst Sean Connery die Lizenz zum Beischlafen. 007 eben. Anna, die schönste Schläferin, fast so schön wie Anna Netrebko (nur dass sie nicht gesungen hat, nicht einmal bei den Verhören im Gefängnis), eine russische Vollblutseele, hatte den Spitznamen "90-60-90".

"90-60-90 trifft 007" - kürzer lässt sich keine Bond-Story erzählen. Und kein Ost-West-Konflikt. Auch sie musste nichts machen, außer Kontakte knüpfen (den Seinen gibt's der Herr im Schlaf), die Matratzen in New Yorker Betten nach Daten abhorchen, die sich der Kreml sonst auch mühelos aus dem Internet hätte holen können. Jetzt muss auch sie zurück in die Kälte, aus der sie kam. Mit Liebesgrüßen nach Moskau. Aber dort trifft sie einen inzwischen höhergestellten Geheimdienstkollegen, Wladimir Putin, der sich mit seinem nackten 007-Oberkörper immer noch gern sehen lassen kann.

Beim Jagen und beim Fischen. Mit der Lizenz zum Töten!