Fussball-WM

Jubeln! Sie! Jetzt!

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Nordkoreas Diktator schickt chinesische Schauspieler als "Fans" zur Fußball-Weltmeisterschaft nach Südafrika. Das Team verlor das erste Spiel trotzdem.

Wir hatten es geahnt. Jene angeblich nordkoreanischen Fußballfans, die ganz in Rot auf der Tribüne in Johannesburg den langen Marsch ihrer kleinen Landsleute gegen die großen Brasilianer bejubelten, waren gar keine. Wie auch, in einem Land, das zu verlassen schwieriger ist als ein deutsches Gefängnis. Es soll sich um chinesische Schauspieler gehandelt haben, die im Auftrag von Diktator Kim Jong-il für eine Handvoll Dollar (oder waren es Won?) mal kurz die Identität der asiatischen Nachbarn angenommen haben.

Bestellte Jubler gehören im real existierenden Sozialismus zur Kultur, wie die Mumienparaden des sowjetischen Politbüros und die Ausfahrten Erich Honeckers aufs Land belegten. Schein, fand Karl Kraus treffend, habe "mehr Buchstaben als Sein". Soll heißen: Nicht alles ist so, wie es aussieht.

Wir erinnern uns: Beim Ärzte-Protest gegen die Gesundheitsreform in Berlin wurden Hunderte Studenten als bezahlte Placebo-Demonstranten entlarvt. Beim deutschen Fernsehpreis stellten die Veranstalter gekaufte Fans an den roten Teppich in Köln-Ossendorf. Und bei einer HSV-Hauptversammlung warb einmal ein leibhaftiger Schauspieler vor dem Mikrofon für den richtigen Kandidaten. Alles Claqueure und Jubelperser - die es ja 1967 beim Schah-Besuch in Berlin wirklich gab.

Die Wurzeln der Scheinjubler liegen in der Antike. Griechische Poeten lieferten sich mit ihren Konkurrenten eine Art hellenischen Poetry Slam, wobei der Beifall den Sieger bestimmte. Vielleicht deshalb nahm Plautus die Formulierung "Erfreut uns mit großem Applaus" sogar in seine Texte auf. Heute nerven amerikanische Sitcoms mit Beifall vom Band. Bei Fernseh-Liveshows lesen die Zuschauer von Papptafeln ab: Bitte! Klatschen! Sie! Jetzt!

Nur auf dem Fußballplatz gibt es noch keine Schauspieler, denken Sie? Falsch. Jeder Italiener oder Südamerikaner gibt nach einem Foul den sterbenden Schwan. Da können Jogi Löws deutsche Kicker noch etwas lernen. Die kassierten für "Schwalben" gegen Australien zwei Gelbe Karten.