Karasek

Im Paradies gibt's keine roten Ampeln

Die zweitbeste Welt der Margot Käßmann oder Warum der liebe Gott der früheren Bischöfin nicht den Führerschein erhalten hat.

Im Mittelalter, im 12. bis 14. Jahrhundert, stellten sich die kirchenfrommen Scholastiker, die über Gott und die Welt spekulierten und philosophierten, eine knifflige Frage: Kann Gott einen so großen und schweren Stein erschaffen, dass er ihn nicht mehr heben kann?

Das war eine spitzfindige Zwickmühle für die Allmacht des Schöpfers: Schafft er das Erste, also den auch für ihn nicht hebbaren Stein, dann ist er im Zweiten nicht allmächtig. Und entsprechend umgekehrt: Kann er den Stein stemmen, dann kann er keinen schaffen, den er nicht stemmen kann.

Seit der Aufklärung glauben wir, dass wir in der besten aller möglichen Welten leben. Eben, weil Gott sie bestmöglich erschaffen hat. Nun hat Margot Käßmann, die zurückgetretene Bischöfin und frühere Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche, auf dem Münchner Kirchentag gesagt, dass wir nur in einer "zweitbesten Welt" lebten.

Als Beweis für die mangelnde, nur zweitbeste Güte Gottes führt sie an: Da sterben geliebte Menschen, Lieben gehen verloren, und ja, da stehen auch rote Ampeln! Gott in seiner Secondhandgüte und schlampigen Vorsehung hat also vergessen, dass seine Hirtin blau an einer roten Ampel strandete und scheitern musste. Hätte er die roten Ampeln nicht geschaffen, hätte seine Sachwalterin Margot Käßmann weder den Führerschein noch ihr hohes Amt verloren. Wie lieblos nachlässig von Gott. Setzen, Zwei minus!

Wir können daraus folgern, dass Gott in der besten Welt (dem Himmel, dem Paradies) keine roten Ampeln duldet. Wahrscheinlich auch keine Ampelkoalitionen, kann man schlüssig annehmen. Darf man dort also Kinder, Greise, Unvorsichtige, die brav bei Grün über die Ampel gehen, totfahren? Das wäre falsch gefragt, liebe Gläubige! Denn die im Himmel sind einerseits schon tot, andererseits leben sie ewig, sodass man unbekümmert auch an der Ampel losbrettern kann. Hier in der ewigen Gerechtigkeit gilt kein rechts vor links. Alle sind Geisterfahrer! Jeder hat Vorfahrt! Und es gibt auch keine Promillegrenze.

Andererseits hätte Käßmann auch in Maos China bei Rot losbrettern können, solange nicht der Dalai Lama als Unbekannter neben ihr gesessen hätte. In Rotchina war Rot das Grün für freie Fahrt. Ein Paradies für Käßmann am Steuer.

Ob sie aber bei Grün einem Alkoholtest unterzogen worden wäre, in Maos Paradies, wenn sie gefahren wäre, das ist eine scholastische Frage, die die Taliban, laut Käßmann, bei Kerzenschein diskutieren, wofür sie die Liebe der Ampelfeindin finden, auch wenn sie bei rotem Flackerlicht beraten.