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„Moderne Architektur kann betören“

| Lesedauer: 12 Minuten
Matthias Iken und Peter Wenig

Franz-Josef Höing ist seit Monatsbeginn Hamburgs neuer Oberbaudirektor. Im ersten Interview spricht der 52-Jährige über die Elbphilharmonie, Bürgerbeteiligung – und die Notwendigkeit, günstiger zu bauen

Der Blumenstrauß zum Einzug steht noch auf der Fensterbank. Erst vor einer Woche hat Franz-Josef Höing sein neues Büro in der Behörde für Stadtentwicklung und Wohnen bezogen. Als Nachfolger von Jörn Walter wird Höing­ als Oberbaudirektor die städtebauliche Entwicklung der Hansestadt maßgeblich steuern.

Herr Höing, Ihr Vorgänger Jörn Walter hat die Elbphilharmonie einmal als „Kathedrale“ bezeichnet. Waren Sie schon bei einem Konzert in der Elbphilharmonie?

Franz-Josef Höing: Nein, ich habe das Eröffnungskonzert im Januar aber in Köln auf meinem Sofa verfolgt. Und ich habe nur gedacht, ich gönne es den Hamburgern von ganzem Herzen, dass dieses Gebäude nach einer langen Leidensgeschichte endlich fertig geworden ist. Entstanden ist ein fantastischer Bau, der beweist, dass auch moderne Architektur betören kann. Die Stadt hat ihn sich redlich verdient.

Was beeindruckt Sie besonders?

Ich hatte das große Glück, dass ich in der Phase, als die Akustikdecke im Großen Konzertsaal montiert wurde, die Baustelle besichtigen konnte. Schon da ist mir die herausragende Qualität der Bauarbeiten aufgefallen. Auch die Architektur ist großartig. Ein so großes Haus mit einer Höhe von 110 Metern fügt sich mit seinem geschwungenen Dach perfekt in die Silhouette dieser Stadt ein. Als ich neulich um die Alster spazierte, tauchte unvermittelt am Horizont die Elbphilharmonie auf, verband sich auf einer Linie mit dem Kirchturm von St. Nikolai. Da denkst du, besser kann man es nicht machen. Aber es gibt noch etwas, was mich an diesem Bau fasziniert.

Sagen Sie es uns.

Am Anfang gab es nur ein paar Perspektiven dieser Idee, bei Tag, bei Nacht. Diese erste Skizze war dennoch ein Versprechen auf die Zukunft. Bei Bauvorhaben haben wir oft zwischen dem Blitz des Entwurfs und dem Donner der Baustelle Qualitätsverluste. Doch bei der Elbphilharmonie wurde das Versprechen eingelöst.

Das Konzerthaus ist die Herzkammer der HafenCity, deren Entwicklung Sie als Leiter der damaligen Projektgruppe mit vorangetrieben haben. Wie fällt Ihr heutiges Urteil aus?

Ich habe mir in den vergangenen Jahren die meisten großen Stadtentwicklungsprojekte in Europa angesehen. In der Summe ist die HafenCity mehr als vorzeigbar, sie gehört auch international zu den besten Projekten. Wenn wir Stadtplaner uns überlegen, wie wir ein neues Quartier gestalten sollen, sind wir bei aller Erfahrung nie ganz sicher, ob es funktionieren wird. Nehmen die Menschen die Räume wirklich an? In der HafenCity funktioniert das beeindruckend.

In Berlin dagegen sind viele mit dem Potsdamer Platz nicht so glücklich.

Die Projekte können Sie nicht vergleichen, sie sind völlig unterschiedlich. Der Potsdamer Platz ist viel grobschlächtiger. Die HafenCity ist Uhrmacher-Handwerk, mit einer großen Präzision im Detail.

Das klingt ja fast wie eine Liebeserklärung an Hamburg. Ist Hamburg Ihre Lieblingsstadt?

In Köln habe ich mich sehr wohlgefühlt, auch wenn diese Stadt etwas spröder wirkt, an manchen Stellen auch etwas Entstelltes hat. Aber ich hatte auch immer diesen Bezug in den Norden. Ich mag Hamburg sehr. Mich beeindruckt hier die Qualität des Bauens auch abseits der großen Projekte. Und mich beeindruckt, wie Hamburg es über Generationen geschafft hat, seine unverwechselbare Silhouette zu erhalten. Die Stadt hat sich gehäutet, sich verändert, aber ist seiner Silhouette treu geblieben. Das haben nur wenige Metropolen erreicht.

Zur Wahrheit gehört aber auch, dass sich immer mehr Normalverdiener angesichts explodierender Mieten und Immobilienpreise das Wohnen in dieser Stadt nicht mehr leisten können.

Sie sprechen da einen ganz wichtigen Punkt an, der für viele Metropolen in der Welt gilt. Ich habe einen guten Bekannten in London, der dort für ein Architekturbüro gearbeitet hat. Er hat mich eingeladen, ihn zu besuchen, ich habe es immer wieder verschoben. Als ich dann mein Kommen ankündigen wollte, sagte er mir: Du bist zu spät, ich arbeite jetzt woanders, ich konnte mir London nicht mehr leisten. Es muss unser gemeinsames Ziel sein, dass Hamburg eine Stadt für alle bleibt.

Aber wie soll das gehen?

Natürlich ist es leichter, mit viel Geld gute Häuser zu bauen, selbst wenn dies nicht immer gelingt. Dennoch ist Qualität auch zu einem günstigen Preis möglich. Die Debatte, ob man nicht auch für eine Quadratmeter-Miete von 8 Euro bauen kann, müssen wir jetzt führen.

Viele Wohnungsbau-Experten halten das angesichts der hohen Grundstückspreise und der immensen Auflagen etwa bei der Dämmung für unrealistisch.

Wenn jeder mit seiner Brille, egal, ob es nun um Energiesparen oder Barrierefreiheit geht, darauf guckt, wird es in der Tat schwierig. Da müssen alle Beteiligten an einen Tisch. Und es geht auch um die Rationalisierung von Bauen, etwa mit vorgefertigten Bauteilen. Wir müssen die Bauprozesse rationalisieren, ohne dass die Häuser uniform werden und ihr Gesicht verlieren.

Aber entstehen dann nicht soziale Brennpunkte wie Kirchdorf Süd oder Steilshoop? Also Bausünden wie in den 1950er- bis 1970er-Jahren?

Nein, wir reden nicht über den Bau von neuen Großbausiedlungen, sondern um kompaktere Baustrukturen. Aber ich kann verstehen, dass schon bei dem Stichwort serieller Wohnungsbau bei vielen die Alarmanlagen angehen. Unsere Profession hat sich bei diesem Thema in der Vergangenheit nicht gerade mit Ruhm bekleckert. Man hat Gutes gewollt, aber nicht immer Gutes gemacht. Umso mehr sind wir jetzt gefordert, genau dort mit der gleichen Präzision, mit der gleichen Liebe zum Detail zu arbeiten wie in den Zentren der Städte.

Sehen Sie dies als ein Schwerpunkt Ihrer künftigen Arbeit?

Ja, unser Ziel muss sein, gerade die Quartiere an der Peripherie aufzuwerten. Sie müssen so attraktiv werden, dass dort auch Leute hinziehen wollen, die dies bislang nicht in Erwägung ziehen. Mit der Aufwertung ist auch eine behutsame Nachverdichtung und Weiterentwicklung gerade in Quartieren der 1950er und 1960er-Jahre möglich.

Die Vision der „wachsenden Stadt“ galt einmal als Chance. Jetzt empfinden sie viele als Bedrohung.

Veränderungen lösen immer Sorgen aus, dafür müssen wir Planer Verständnis haben. Aber manchmal hilft ein Blick in die Geschichte. Große Städte parieren nicht zum ersten Mal Wachstumsschübe, das haben sie früher schon mit Erfolg gemacht, sogar dann, wenn das finanzielle Korsett noch enger geschnürt war als jetzt. In Hamburg sehe ich mit großer Ehrfurcht, was unsere Vorgänger unter weit schwierigeren Bedingungen gebaut haben. Und ich habe nicht den Eindruck, dass wir hier das Rad bis zum Anschlag gedreht haben. Im Vergleich ist Hamburg eine der am wenigsten dicht besiedelten deutschen Großstädte. Aber natürlich muss man immer kritisch hinterfragen, an welchen Stellen Hamburg Nachverdichtung verträgt. Und an welchen nicht.

Der Streit um genau diese Frage hat sich in den vergangenen Jahren immer weiter verschärft. Protest gegen neue Wohnprojekte ist inzwischen an der Tagesordnung.

Dieses Thema beschäftigt uns in der Tat intensiv. Wenn wir all die Fachliteratur zum Thema Bürgerbeteiligung in diesen Raum packen würden, wäre für uns kein Platz mehr. In Köln habe ich eine unglaubliche Skepsis der Bürger gegen ‚die da oben‘ gespürt. Da wurde auch nicht mehr differenziert, ob es nun um die Politik oder Verwaltung geht. Das wurde alles als Bedrohung empfunden Aber auch dies ist eine Reaktion darauf, dass die Dinge in der Vergangenheit nicht immer gut gelaufen sind. Wir haben viel Vertrauen verspielt, das wir jetzt mühsam zurückgewinnen müssen.

Wie kann das funktionieren?

Es geht nur mit offenem Visier. Und mit den besten Leuten. Wer denkt, er muss das jetzt machen, weil Bürgerbeteiligung gerade angesagt ist, wird Schiffbruch erleiden. Die Bürger spüren sofort, ob das wirklich authentisch oder nur alibimäßig läuft. Wenn man es nicht ernst meint, bleibt man besser gleich zu Hause. Ich stand in Köln-Chorweiler, einem Stadtteil mit 100 Nationen, an einem brütend heißen Sommertag auf einem öden Platz, um den sich die Stadt 30 Jahre nicht gekümmert hat. Es hat gedauert, bis die Leute gespürt haben, dass uns ihre Anliegen wirklich wichtig sind. Am Ende war ich überrascht, wie sehr sich die Vorschläge unserer Fachleute mit den Gedanken der Bewohner überlappt haben.

Dennoch muss am Ende entschieden werden.

Es geht ja auch nicht darum, die demokratischen Spielregeln zu verändern. Und es ist unmöglich, wirklich jeden mitzunehmen. Es wird immer Bürger geben, die am Ende nicht einverstanden sind. Es geht vor allem um Transparenz, erklären, warum wir die Dinge so machen wollen. Das haben wir in der Vergangenheit zu oft versäumt.

Sie residieren mit Ihrer Behörde in Wilhelmsburg in einem Stadtteil, der in Teilen noch als sozialer Brennpunkt gilt. Wäre Ihnen eine Innenstadtlage, womöglich mit Alster- oder Elbblick lieber?

Ich hatte in Köln das schönste Büro zumindest von Nordrhein-Westfalen. Mit direktem Blick auf den Rhein und auf den Dom. Aber eine Stadt muss ihren gut bezahlen Beamten so etwas nicht bieten. Noch aus der Ferne betrachtet, fand ich die Idee vor drei Jahren gut, dass die Behörde für Stadtentwicklung und Wohnungsbau den viel zitierten Sprung über die Elbe gewagt hat. Der Beschluss zeigte, dass man das ernst meinte und nicht dachte, dass dies gefälligst die Institutionen machen sollen, die sich Immobilien in anderer Lage nicht leisten können. Außerdem finde ich es gerade als Stadtplaner gut, an einem Ort zu sitzen, der sich verändert. Wilhelmsburg ist ein spannender Stadtteil mit sehr vielen entdeckten und unentdeckten schönen Orten.

Was hat Sie eigentlich damals bewogen, Ihre Karriere als freier Stadtplaner zugunsten eines Jobs in der Verwaltung zu beenden?

Als ich 2000 gefragt wurde, ob ich mir eine Tätigkeit als Referent in der Behörde für Bau und Verkehr vorstellen könnte, hatte ich die gleichen Vorurteile gegenüber einer Behörde wie viele (lacht). Aber dann habe ich gemerkt, dass man in dieser Position die Geschicke einer Stadt beeinflussen kann. Das hat mich sehr gereizt. Als freier Stadtplaner beschäftigt man sich punktuell mit einzelnen Projekten, als Hochschullehrer, was ich auch gemacht habe, müssen Sie hoffen, dass die Studenten eines Tages Gutes in den Städten tun werden.

Und warum der Wechsel von Köln nach Hamburg?

Diese Frage haben mir schon einige gestellt. Ich saß in Köln ja auch nicht auf gepackten Koffern, ich konnte mich dort mit vielen spannenden Projekten beschäftigen. Aber wie gesagt, ich mag Hamburg sehr. Und diese Position des Oberbaudirektors als höchster technischer Beamter ist in Deutschland einmalig. Sie zeigt auch, wie wichtig dieser Stadt ihr äußeres Erscheinungsbild ist. Die neue Aufgabe ist ein großes Privileg, das mich mit viel Freude erfüllt. Aber auch mit großem Respekt.

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